Kolumne

«Im Auge der Literaten»: Nora Gomringer berichtet von der aufregenden Corona-Kreuzfahrt ihrer Eltern

Begann mit Poetry Slam und landete in der Lyrik: Nora Gomringer, 40, gewann unter  anderem den  Ingeborg-Bachmann-Preis.

Begann mit Poetry Slam und landete in der Lyrik: Nora Gomringer, 40, gewann unter anderem den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller schildern in dieser Rubrik ihre Sicht auf die Coronakrise. Diese Woche erzählt Nora Gomringer, wie sich ihre Eltern auf einer aussergewöhnlichen Reise durch die Weltmeere unterhalten haben.

Meine Eltern sind erfahrene Reisende. Als Autor war mein Vater auf jedem Kontinent zu Gast und meine Mutter an seiner Seite. Diese Art von künstlerischen Geschäftsreisen kenne ich mittlerweile selbst ganz gut. Sie sind anstrengend und fordern viel. Wenn die Eltern verreisen, managt meine Mutter und packt, mein Vater bereitet sich en route auf die anstehenden Lesungen, Vorlesungen, Gespräche vor.

In dieser globalen Bewegungsart sind sie symbiotisch und originell. Beide sprechen die für europäische Bildungsbürger üblichen Sprachen: Latein und Englisch und dadurch sehr schön fliessendes Französisch, Spanisch, Italienisch und dazu noch Niederländisch gehobenen Stils, also meine Mutter.

Die beiden lösen Probleme, navigieren sich via Smartphone, also meine Mutter, durch die Weg- und Unwägbarkeiten der Welt. So meinten sie wohl auch, dass eine Kreuzfahrt eine schöne Idee, wenn nicht sogar eine lehrreiche und bereichernde wäre. Das mag auch alles sein, nur:

Während der spärlichen SMS-Wechsel mit meiner Mutter, – spärlich, weil dieser Planet noch längst nicht bis in alle Ecken ausgefunkt ist! Was der bayrische Ministerpräsident im Rahmen seiner «artificial intelligence»-Initiative ja durchaus als Motivationsgrund für ebendiese aufgeführt hat, Bayern als der grosse Rand um ein grosses Funkloch herum, quasi – die SMS-Wechsel also haben mir ein grausiges Bild vom Leben an Bord vermittelt: Mutter in ständiger Kälte und Desinformation, da auf der MS Sonstwas nicht ganz 4000 Menschen lieber Fischstäbchen sein möchten als in Butter ausgelassene Schollen. Ergo: Lärmende Klimaanlagen überall und immer.

Manchmal gelangten Nachrichtenfetzen an Bord, die dann im Stille-Post-Verfahren an alle verteilt wurden und sich von «Sicherheitsmassnahmen» zu «SOS, die Welt, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr»-Dramen wandelten. Meine Eltern blieben meistens auf der Kabine, vermissten die tägliche Zeitung und fanden in der Bord-Bibliothek wohl nur die Bertelsmann-Kamellen Konsalik, Kisch und eine schön gebundene Ausgabe von Moby Dick, die aber auch nichts half in puncto Weltkrise, Corona – Covid-19, Rückholung aller Urlauber durch Heiko – no one left behind – Maas.

Nirgendwo durfte diese Arche anlegen, kein Vogel brauchte ein Zweiglein. So komponierte ich meine Nachrichten geradezu, wollte Information und den Ernst der Lage, aber keine Panik vermitteln. Vorbei die Zeiten, in denen man Spiel, Spass und Schokolade die Trias der Zivilisation nennen konnte.

Als letzte Nachricht vor ihrer abenteuerlichen Rückholung vor ein paar Tagen per Bus von Marseille nach München und dann im Taxi zweieinhalb Stunden nach Hause im oberfränkischen Rehau schrieb mir meine Mutter:

So manches Mal habe ich seither gedacht: Was, wenn das die letzte Nachricht meiner Eltern an mich gewesen wäre? Die allerletzte. Weil er, 95, und sie mit einschlägiger Krankheitsvorgeschichte ja grausam prädestiniert sind für eine unschöne Infizierung mit der Krone aller derzeitigen Kronen.

Mit meinen Brüdern hab ich gebangt und gehofft und gestaunt über die Resilienz der beiden Unermüdlichen. Ich bin fast sicher, dass so mancher von der «Titanic» Ähnliches nach Hause gefunkt hätte. Zumindest berichteten ja einige Überlebende von der tragischen, aber eleganten Gelassenheit einzelner Gäste oder Paare, als der Untergang drohte.

Meine Eltern waren bei dieser letzten Ausschweifung tragische, elegante und erfahrene Reisende. Im Moment sind die Beiden in ihrem Haus unter Quarantäne gefangen und hoffentlich planen sie ihre nächste Exploration, meinetwegen ihren maskierten Ausbruch, denn das Reisen ist eine Kunst und die will gelebt werden!

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