Theater
«Ich bin so hilflos wie mein Publikum»

Der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani will verwirren – weil die Welt verwirrend ist. Koohestanis neues Stück «Hearing» feierte am 15. Juli in Teheran Premiere.

Susanna Petrin
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Der 37-jährige Regisseur Amir Reza Koohestani gehört zu den Bekanntesten seiner Heimat Iran. Wir trafen ihn in Zürich zum Gespräch.Mani Lotfizadeh

Der 37-jährige Regisseur Amir Reza Koohestani gehört zu den Bekanntesten seiner Heimat Iran. Wir trafen ihn in Zürich zum Gespräch.Mani Lotfizadeh

Mani Lotfizadeh

Wie vor jeder Premiere kam die iranische Zensurbehörde vorbei, um sich sein neustes Theaterstück anzuschauen, und sie beanstandete – nichts. «Das erste Mal seit vielen Jahren.» Regisseur Amir Reza Koohestani erzählt es erstaunt und erfreut. Ja, wahrscheinlich habe das mit dem laufenden Öffnungsprozess des Landes zu tun; mit der neuen Regierung, dem Atom-Deal mit den USA, dem voraussichtlichen Ende der Wirtschaftssanktionen. Wahrscheinlich, sicher wisse er es nicht.

Koohestanis neues Stück «Hearing» feierte also am 15. Juli in Teheran Premiere. Ohne die üblichen Schikanen und Verzögerungen. Und erst noch zum ersten Mal im zentral gelegenen City Theatre. Staatliche Beiträge – sie wurden Koohestani vor einigen Jahren gestrichen – bekommt er zwar offiziell weiterhin keine, aber indirekt bekam er sie doch: «Wir verkauften die Tickets günstiger als üblich, und die Leiterin des subventionierten City Theatres bezahlte uns die Differenz.»

14-mal spielte seine Mehr Theatre Group das Stück, 14-mal war es mehr als ausverkauft. «Das Theater hat etwa 100 Sitze. Aber nach 14 Vorstellungen zählten wir 5200 Zuschauer. Die Leute sassen auch auf der Treppe und auf dem Boden.» Im korrekten Zürich, wo das Stück nun am Theater Spektakel Europa-Premiere feierte, wäre das schon nur aus feuerpolizeilichen Gründen undenkbar.

Mann im Frauenschlaftrakt?

Die Zensurbehörde liess es laufen, dabei ist «Hearing» so gesellschaftskritisch wie man sich Theater von Koohestani gewohnt ist. Es kritisiert die rigide Geschlechtertrennung und die harschen Kontrollen. Zwei junge Frauen, Bewohnerinnen eines Studentenheims, werden von der Heimleiterin verhört. Es ist ihr zu Ohren gekommen, dass die eine im Zimmer der Kommilitonin eine männliche Stimme gehört haben will. Ein Mann im Schlaftrakt der Frauen? So skandalös wie fast undenkbar. «Studentinnenheime waren immer uneinnehmbare Burgen.»

Die Zeugin und die Beschuldigte werden immer wieder vor die Heimleiterin zitiert. Die Befragerin steht selbst unter Druck, über allem steht das repressive System. Die Sache bekommt immer
mehr Gewicht. Gleichzeitig häufen sich die Widersprüche. Was ist wahr? Was ist eingebildet? Was ist gelogen? Auch später weiss man nicht: Spricht die inzwischen älter gewordene Zeugin mit dem Geist der Kommilitonin, die im Exil in Schweden Selbstmord begangen hat? Oder spielt sich alles in ihrem Kopf ab? Ist das die Zukunft der Mädchen oder ist es nur eine mögliche Zukunft?

Wer sich jetzt als Zuschauer etwas überfordert fühlt, ist in guter Gesellschaft. Nicht einmal der Regisseur weiss, wo die Wahrheit liegt. Genauso wenig wie seine Schauspielerinnen: «Ich habe ihnen jede Woche eine andere Version erzählt.» Er wolle keine Botschaft vermitteln, sagt Koohestani: «Ich bin so ängstlich und hilflos wie mein Publikum.» Die vielen Interpretationsmöglichkeiten, die Verwirrung, sind Absicht. «Das ist für mich die Struktur des Albtraums», sagt er. Aber es ist auch die Struktur der Welt, seiner Welt sowieso. «Die meisten Sachverhalte sind so viel komplexer als uns die Massenmedien weismachen wollen», sagt Koohestani, «ich finde es traurig, dass ständig alle Geschichten vereinfacht werden.»

Manipulierte Wahrnehmung

Es gehe im Stück nicht zuletzt um unser Hirn, um unsere Wahrnehmung und darum, wie gewisse Bilder entstehen – Vorstellungen und Vorurteile. «Im Iran gibt es mehr Frauen, die Regie führen, als in Hollywood», sagt Koohestani. Aber das passe nicht ins gängige Raster. Leute, die den Iran das erste Mal besuchten, seien erstaunt, dass die Menschen da ein normales Leben führten. Denn in den ausländischen Medien lese und sehe man fast nur negative Nachrichten. Das ergebe ein verzerrtes Bild. Im allerschlimmsten Fall könne ein falsches Bild zu fatalen falschen Entscheidungen führen. Koohestani erwähnt den zweiten Irakkrieg: Tausende von Unschuldigen starben, später habe Bush festgestellt: «Oh, die hatten doch keine Massenvernichtungswaffen. Sorry.»

Unser Gespräch findet in seinem Hotel in Zürich statt; Koohestani ist aufgeschlossen, nimmt sich viel Zeit. Er wirkt fröhlicher als bei der Begegnung vor einem Jahr. Und er nimmt den Iran stärker in Schutz. Die Iranerinnen und Iraner liebten ihr Land und seien besorgt über dessen negatives Image, sagt er. «Sie mögen es nicht, als Opfer dargestellt zu werden.» Der an der Berlinale preisgekrönte Film «Taxi Teheran» des iranischen Filmregisseurs Jafar Panahi sei bei den Iranern äusserst unbeliebt, erzählt Koohestani. Es enthalte alles, was man auf einer Liste mit negativen Punkten über den Iran zusammentragen könne.

Das System wird kritisiert, aber die Menschen bekommen darin doch alle Sympathie? Er habe den Film noch nicht gesehen. Aber dessen Regisseur, Panahi, sehe er manchmal an Partys. Dieser sei eigentlich zu sechs Jahren Gefängnis und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt worden. Doch er habe seither zwei Filme gedreht. «Wie das möglich ist, weiss ich nicht», sagt Koohestani. «Ich lebe im Iran, aber vieles ist auch für mich schwierig, zu verstehen.» Er rechnet damit, dass die Zensurbehörde ihm beim nächsten Projekt das Leben wieder schwer machen wird.