Der dicke rote Samtvorhang ist offen. Auf der Bühne steht eine Hütte, dazu zwei Leitern und Harassen mit Grünzeug, davor ein grosses Loch mit blauglitzerndem Grund und einem Steg darüber. Ein Teich. Im Zuschauerraum nehmen die ganz Kleinen auf Mamis oder Papis Schoss Platz. Die Grösseren sitzen auf der Kante der Klappsessel: Sicher ist sicher – angelehnt könne man ja etwas verpassen.

Eine Frau mit Querflöte tritt auf, ein Mann mit Geige, einer mit Klarinette. In ihren Fräcken und Spitzen-Jabots sehen sie aus wie Pingus. Der hat aber keine gelbe Haube mit einer Art Finger obendrauf. Da beginnt die Frau zu gackern und der Mann mit der Geige scharrt mit den Füssen. Cool, das Orchester ist eine Hühnerschar, das sich alsbald hinter die Hütte zu den Notenständern verzieht.

Ein Huhn, kunterbunt wie Pippi Langstrumpfs Villa, stakst gackernd in die Hütte, legt zwei Eier und stellt, in den höchsten Tönen singend fest, dass ihm nach Abenteuer zu Mute ist. «So ist es eben; wild ist das Leben; und wer weiss sofort was tun? Das Huhn»!

Gebannt verfolgen die Kinder, was Huhn und Hund erleben.

Gebannt verfolgen die Kinder, was Huhn und Hund erleben.

Gemeinsam zum Traumpfad

«Fell und Feder» ist die erste Kinderoper, die vom argovia philharmonic Orchester in Auftrag gegeben wurde. Ihre Entstehungsgeschichte ist aussergewöhnlich, sie wurde von einem illustren Quartett am runden Tisch erarbeitet: Der Berner Kinderbuchautor Lorenz Pauli, die Genfer Komponistin Charlotte Perry ihr schweizerisch-französischer Kollege Rodolphe Schacher, der deutsche Regisseur Martin Philipp und der deutsche Bühnen- und Kostümbildner Tassilo Tesche haben Werk und Inszenierung gemeinsam entwickelt.

Künstlerisch ein neuer Weg, der zum zauberhaften Traumpfad geworden ist. Für kleine und schon etwas grössere Kinder, aber ebenso für uns Erwachsene. Die Geschichte einer Freundschaft handelt von einem abenteuerlustigen Huhn auf der Suche nach einer Kiste voller Edelsteine, Gold sowie Regenwürmern und einem melancholischen Hund auf der Suche nach einem grossen, starken und schönen Freund. Der Plot hat alle Ingredienzien, die für glänzende Augen und klopfende Herzen sorgen: Spannung, Gefühl, Spass.

Cool, das Orchester ist eine Hühnerschar, das auf der Bühne spielt.

Cool, das Orchester ist eine Hühnerschar, das auf der Bühne spielt.

Witzig und einfallsreich

Das Ganze wird intensiviert durch ein mitreissendes musikalisches Potpourri: Mal dramatisch fast wie bei Wagner «Wo bin ich da bloss hineingeraten? Wer Fallen stellt, der will mich braten! Und niemand hilft mir, ach herrje; kein Schwein, kein Huhn, soweit ich seh». Mal süss wie Salzburger Nockerl. «Welch ein Glück: Ein Wunsch ist frei! Wünsch dir was! Ich zähl bis drei! Sag mir schnell, was darfs denn sein? Ich bin da für dich allein». Auch eine Prise Musical fehlt nicht. Die 14 «Hühner» von argovia philharmonic unter Leitung des aus Leipzig gebürtigen «Güggels» Harald Siegel, zeigen eine so furiose Lust an diesem Werk, dass der Funke vom ersten Ton an aufs Publikum überspringt.

Auch wenn der eine oder andere gesungene Vers nicht ganz zu verstehen ist – die Musik spricht ebenso Bände, wie das Spiel, die Mimik, Gestik und der Gesang von Huhn und Hund. In der einfallsreichen, witzigen wie liebevollen Inszenierung und Ausstattung können die Ostschweizer Sopranistin Melanie Adami und der Bündner Bariton Chasper Mani aus dem Vollen schöpfen. Ihr Huhn mit aufblasbarem Kamm strotzt nur so von spitzbübischem Übermut. Sein Hund mit mega langem Schwanz und Zottelohren, erntet nicht nur einen grossen Lacher, wenn er das Bein an einem (vermeintlichen) Baum hebt. Sein grosses Herz und seine Sehnsucht wecken beim Publikum Mitgefühl, das sich – oh happy end – in Wohlgefallen auflöst. «Ich freu mich, wenn ich dich seh’, dich brauche ich in meiner Näh’, denn wenn du da bist, hab ich Mut; mit dir geht es mir gigagut».

Der Applaus nach der Urauffüh, rung war frenetisch. Im Mai wird eine kleine Gastspielreise Hund und Huhn nach Wohlen, Beinwil am See und Aarau führen. Die Vorfreude darf gross sein.

Weitere Daten www.argoviaphil.ch