Zwischenruf
Bei Sally Rooney fragt man sich: Hörte die Welt auf, schön zu sein, als die Sowjetunion zerfiel?

Warum behaupten sympathische Hauptfiguren in Gegenwartsromanen manchmal ideologischen Quatsch? Die junge Schriftstellerin Alice in Sally Rooneys neuem Roman «Schöne Welt. Wo bist du» ist so eine Figur.

Hansruedi Kugler
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Sie gilt als Stimme der Millen­nials: die irische Schriftstellerin Sally Rooney.

Sie gilt als Stimme der Millen­nials: die irische Schriftstellerin Sally Rooney.

Getty

Alice schimpft gerne über die Dekadenz der kapitalistischen Gegenwart. Nein, nicht jene Alice aus dem Wunderland-Märchen. Sondern die Frau, die im aktuellen Roman der irischen Schriftstellerin Sally Rooney, in «Schöne Welt, wo bist du?», nach einem Nervenzusammenbruch aus Dublin in ein Dorf flüchtet. Ein wenig geistiges Wunderland ist aber dabei. Und womöglich grinst die Autorin über uns, wenn wir ihre literarischen Finten nicht gleich bemerken. Denn da sagt Alice, selbst Schriftstellerin, inmitten ihres Ekels vor dem ausbeuterischen Plastik-Konsum-Kapitalismus: die Welt hat aufgehört, schön zu sein, als die Sowjetunion zerfiel.

Ist das nun politischer Extremismus, romantisch verblendetes Geschichtsbild, modisch überspannter Marxismuskitsch, pubertäres Aufbegehren? Kaum eine Rezensentin, kaum ein Rezensent ist über diese Stelle gestolpert. Literatur darf schliesslich alles. Ist ja Kunst. Sally Rooney ist eine Autorin, die in Interviews offen über ihre marxistische Erziehung spricht. Aber sie ist auch eine gewiefte und ironische Beobachterin und Analytikerin des Zeitgeistes. Es ist leicht, den Satz zu widerlegen, wenn man sich die Straflager, den Atommüll, die verwahrlosten Vorstädte oder die Kriege der alten Sowjetunion in Erinnerung ruft. Schönheit? Fehlanzeige. Ausser man feiert das politische System als ästhetisches Phänomen – was meist übel im Totalitarismus endet.

Komplexität des Menschseins darzustellen, ist das Credo der Autorin Alice und ihrer Erfinderin Sally Rooney. Als die 68er Mao-Parolen riefen, wunderte man sich über die Begeisterung für den Massenmörder. Alice liest man darum als ideologische Verwirrung der Millennial-Generation. Das ist rührend – aber auch ein bisschen schade für eine sonst so sympathische Romanfigur.

Sally Rooney: Schöne Welt. Wo bist du?. Roman. Claassen, 351 S.

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