Kultur

Holländischer Roman seziert abgehängte Männer in der Provinz

Der holländische Autor Tommy Wieringa, 52, serviert das Dorfleben mit bitterem Befund.

Der holländische Autor Tommy Wieringa, 52, serviert das Dorfleben mit bitterem Befund.

Der holländische Bestsellerautor Tommy Wieringa leuchtet mit seinem neuen Roman «Santa Rita» in rührend-triste Männerseelen in einem Dorf im Niedergang.

Es ist eines der literarischen Jahresthemen: Männer und ihre politisch brisante, träge Verlorenheit in der Provinz. Michel Houellebecqs Antiheld in «Serotonin», der sich mit Antidepressiva gegen den Zorn des Vernachlässigten betäubt, war Anfang Jahr nur die Spitze des Eisbergs. Der depressive Befund aus einer der Schaltzentralen der europäischen Literatur leuchtete zusammen mit den autobiografischen Büchern von Didier Eribon, Annie Ernaux und Eduard Louis als politisches Warnblinken durch die europäische Presse. Womöglich erklärte hier gerade ein Roman das Aufkommen von Wut und Populismus in der Provinz. Grossartig auch Prix-Goncourt-Gewinner Nicolas Mathieus Roman «Wie später ihre Kinder» über die verlorene Jugend in den zerrütteten, ehemaligen Industriestädten Nordfrankreichs und das Aufkommen des Front National.

Abwesende Mutter, schweigende Männer

In diese Reihe ist auch «Santa Rita» von Tommy Wieringa zu stellen, einem der wichtigsten holländischen Gegenwartsautoren. Ausser einer Skepsis gegenüber einem Europa ohne Grenzen sind hier jedoch keine politischen Eindeutigkeiten zu finden. Wieringa zoomt in ein holländisches Dorf im Niedergang, mit wortkargen Männern. Es sind Verlierertypen, die sich mit ihren unausgesprochenen Gefühlen mürrisch in ihr Schicksal vergraben und Angst haben, in «Kauzigkeit und Selbstgespräche» zu verfallen. Tommy Wieringa seziert hier präzis die Mentalität einsamer männlicher Stubenhocker, tut dies aber in seinem Roman mit vielen Rückblenden, einer spannenden, bizarren Rahmenhandlung und vielschichtig bis in historische, soziologische und geologische Exkurse hinein. Er schildert zudem die kauzigen Dorfbewohner so lebendig und das Dorfleben so gegenwartsaktuell, dass der bittere Befund mit einem wunderbaren erzählerischen Funkeln serviert wird.

Kurzer Trost im Bordell gegen die Einsamkeit

Hauptfigur ist der 49jährige Paul, der in seiner Scheune einen lukrativen Handel mit Naziuniformen und weiteren Militaria führt. Er nennt sich selbst einen «Hasenfuss». Mit träger Routine hockt er mit seinem Kumpel Hedwige in der einzigen Bar im holländischen Dorf. Sie sind die letzten ihrer Familien. Keine Frauen, keine Kinder – die Zukunft findet anderswo statt. Dorthin aber schaffen sie es nicht. Zu Hause wartet bloss Pauls pflegebedürftiger Vater, Hedwiges heruntergekommener Dorfladen. Pauls Mutter ist mit einem russischen Bruchpiloten abgehauen, als er noch ein Kind war. Ihr braver Dorfschullehrer-Gatte und das Dorfleben – beides waren ihr wohl zu leblos. Sie wird sich nie mehr melden und lässt in Paul eine Leere zurück, die er nie mehr überwinden wird – höchstens in den wenigen Minuten bei Santa Rita, der heiligen Rita im nahen Bordell, das dem brutalen, ehemaligen Schulfreund Steggink gehört. Als Hedwige unbedacht prahlt, er sei eigentlich Millionär, kommt eine kriminelle Energie in Gang, die ihn und Paul komplett überfordern wird.

Menschenfreundlicher, rührender Pessimismus

Dass Pauls Heilige eine philippinische Prostituierte mit mütterlichen Zügen ist, mag man als psychoanalytischen Kitsch empfinden, passt aber zu Pauls gefühlstauber Sehnsucht. Er lebt ein Leben ohne Erklärungen: Die Mutter wortlos verschwunden, der Vater ein grosser Schweiger, mit den Kumpels zu reden, geht ohnehin nicht. Ein erschreckendes, aber nicht untypisches Männerleben.

Wenn Paul später eine Jugendbekannte trifft, seine Lust aber beim Anblick ihrer grauen Schamhaare und schlaffen Brüste mit Ekelgefühlen gleich wieder zusammensackt, bewegt sich der Roman zwar auf Houellebecqs zynischen Spuren. Wieringa aber schreibt keinen weiteren weinerlichen, monologischen Abgesang. Sondern er zeichnet ein Tableau lebensuntüchtiger Männer, die einem mit ihren Selbstzweifeln nie unsympathisch werden. An Pauls Vater etwa nagt auf der Hochzeitsreise in Amsterdam das Heimweh nach seinem Dorf, er ist von den Hippies und der Ausgelassenheit in der Grossstadt der 1960er Jahre überfordert. So umwebt Wieringas Figuren bei allem entlarvenden Männerunvermögen letztlich ein menschenfreundlicher, rührender Pessimismus.

Tommy Wieringa Santa Rita, Roman, Hanser, 287 Seiten.

Autor

Hansruedi Kugler

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