Sprachwandel
Hilfe, die Mutanten kommen! Warum Viren neuerdings aus Fleisch und Blut sind

Im deutschen Sprachgebrauch werden die neu entdeckten Corona-Variationen gerne vermenschlicht. An Pressekonferenzen und in Schlagzeilen treten sie gerade einen Siegeszug als Mutanten an.

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Auch Corona-Variationen sind Mutanten. Und darüber hinaus auch noch so unberechenbar wie das grüne Ungeheuer «Hulk».

Auch Corona-Variationen sind Mutanten. Und darüber hinaus auch noch so unberechenbar wie das grüne Ungeheuer «Hulk».

Walt Disney Studios

Es ist ein tiefmenschliches Bedürfnis, unsichtbaren Gegnern ein menschliches Antlitz zu geben. Einem Mikroorganismus kann man schliesslich keine reinhauen. Kinderbücher zur Pandemie machen aus dem Coronavirus deshalb gern mal eine knuffige stachelige Kugel mit Ärmchen und Beinchen. Politiker stilisieren das Virus deshalb gern mal zu einem Feind, dem man dann staatsmännisch den Krieg erklärt. Alles nicht neu, alles gewohnte Krisenbewältigungsstrategie in Zeiten hoher Verunsicherung.

Und doch hatte es etwas Rührendes, als BAG-Mann Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit, am 21. Dezember 2020 an einer Pressekonferenz mit ernster Miene den Feind auf der Schlachtkarte einkreiste mit den Worten: «Im September wurden in Grossbritannien Mutanten beobachtet.» Mutanten? Echt jetzt? Diese Kerle aus der Comic- und Filmwelt, denen eine Genmutation irgendeine telepathische, telekinetische oder anderweitig geartete Superkraft beschert hat? Die sich entweder zur besseren Version der Spezies Mensch mausern oder aus denen üble Bösewichten werden? Was haben die bitte an einer Pressekonferenz zu suchen?

Patrick Mathys Leiter Sektion Krisenbewältigung beim BAG

Patrick Mathys Leiter Sektion Krisenbewältigung beim BAG

Key

BAG-Mathys war weder der Erste noch der Letzte, der die Mutanten auf den Plan rief. Seit man von der Existenz der Coronamutationen weiss, marschieren sie siegesgewiss durch deutschsprachige Zeitungen: «Virus-Mutanten jetzt in Österreich», titelte die «Die Presse». «Achtung, Mutanten!», warnte die FAZ. Und der «Blick» verbreitete Untergangsstimmung mit der Schlagzeile: «Coronamutant versetzt Europa in Angst».

Spätestens jetzt, wo ETH-Forscher die Mutanten sogar im Abwasser unserer Skigebiete nachgewiesen haben («Britischer Coronavirus-Mutant im Abwasser», SRF), ist zu befürchten, dass sie bald wie Zombies oder Ninja Turtles, diese mutierten, kampfkunsterprobten Riesenschildkröten, die Anfang der Neunzigerjahre jedes Kinderzimmer bevölkerten, aus der Kanalisation hinauf in unsere Homeoffice-Festungen steigen. Schliesslich besitzen sie Superkräfte: Sie sind schnell, unberechenbar und gefährlich wie das jähzornige grüne Ungeheuer Hulk aus dem Marvel-Comic-Universum.

BAG-Mathys schien alle Befürchtungen am Donnerstag zu bestätigen: «Erwartungsgemäss haben wir weitere Mutanten in der Schweiz gefunden.»

Das Fantasiereservoir zum Überlaufen gebracht

Der Aufmarsch der Mutanten zeigt, dass die Pandemie unser aus Katastrophen- und Zombiefilmen gespeistes Fantasiereservoir zum Überlaufen gebracht hat. Und das hat anscheinend eine kathartische Wirkung. Eine Studie der Pennsylvania State University kommt zum Schluss, dass Konsumenten von Zombie-, Vampir- und Katastrophenfilmen mental wesentlich besser auf die Pandemie vorbereitet waren als durch Liebeskomödien verzärtelten Mitmenschen. Denn Filme wie Steven Soderberghs «Contagion» (2011), welche die Eskalationsstufen einer Pandemie genau beschreiben, geben in einer unsicheren Zeit mit vielen Ungereimtheiten so etwas wie ein Modell vor, wie man die vielen Daten, die auf einen einprasseln, interpretieren könnte.

Als im Herbst 2020 17 Millionen dänische Nerze getötet werden mussten, weil viele von ihnen mit einer Coronavirus-Mutation infiziert waren, erregte nicht nur die Massentötung die Gemüter. Als die begrabenen Nerze durch Verwesungsgase wieder an die Erdoberfläche gedrückt wurden, zog die schreibende Zunft angesichts der Unfassbarkeit der Geschehnisse alle cineastischen Register: «2020 ist das Jahr der Zombie-Mutanten-Killer-Nerze», hiess es da, und: «Die Nerze kommen, um euch zu holen!»

«Mutant» oder «Mutante» – wer macht mehr Angst?

Für die Lexikologin Annette Klosa-Kückelhaus, die am Leibniz Institut für deutsche Sprache in Mannheim Wortschöpfungen der Coronapandemie sammelt und erforscht, sind die Assoziationen die logische Konsequenz unserer Sprachgewohnheit. Zwar seien «Mutation» und «Mutant» in der Wissenschaft seit Jahrzehnten gebräuchlich. «Der ‹Mutant› wird in der Allgemeinsprache aber häufiger mit Marvel-Comic-Verfilmungen oder Science-Fiction in Zusammenhang gebracht als mit der Wissenschaft», so Klosa-Kückelhaus.

Dass wir in einem Mutanten sofort ein Gegenüber sehen, liegt gemäss der Linguistin Juliane Schröter auch an der Wortendung -ant, die im Deutschen zur Bezeichnung von Personen gebräuchlich sei. Weshalb wir den Mutanten neben dem «Musikanten» und dem «Praktikanten» einreihen. Seriösere Medien sind wohl auch deshalb auf die Variante «Mutante» umgestiegen.

Zum Schluss ein paar beruhigende Worte: Nicht jeder Mutant besitzt auch Superkräfte. In Österreich sind Mutanten eine Spezies, die selten zur Gefahr für die Menschheit wird: junge Männer im Stimmbruch.