Aarau

Gutes Hochhaus – böses Hochhaus: Wie man Wolkenkratzern ein Image verpasst

Menschen im Bild verschaffen den Gebäuden ein humaneres Antlitz: Sicht einer Bewohnerin auf die Grosssiedlung Tscharnergut in Bern 1975 (Ausschnitt).

Menschen im Bild verschaffen den Gebäuden ein humaneres Antlitz: Sicht einer Bewohnerin auf die Grosssiedlung Tscharnergut in Bern 1975 (Ausschnitt).

Das Stadtmuseum Aarau zeigt in einer Ausstellung, wie mit Fotos Kritik oder Lob an den umstrittenen Bauten provoziert werden kann.

Sehen wir hier den grandiosen Turm der Zukunft oder ein tristes Wohngetto? Dasselbe Gebäude wirkt auf Fotos sehr unterschiedlich. «Je nach Perspektive, Beleuchtung und Ausschnitt erreicht man als Fotograf eine ganz andere Botschaft.» Das sagte der Fotograf Oliver Lang bei einem Talk im Stadtmuseum Aarau. Wer von einem Hochhaus nur einen Ausschnitt der Fassade oder mehrere Blöcke ohne Durchblick und Horizont und eng geschnitten abbildet, zeigt sie als unüberwindbare Barrieren. Als Stopper fürs Auge. Soll ein Hochhaus aber als positives Signal, als Verheissung für die Zukunft erscheinen, lässt man den Turm in den offenen Himmel wachsen und stellt glückliche Menschen davor.

Hochhäuser und Grosssiedlungen sind dankbare Sujets, um Bildwirkungen zu zeigen, weil sie selber schon polarisieren. Diese doppelte Wirkung illustriert Kuratorin Laura Aellig im Stadtmuseum Aarau mit Material von 1950 bis 1970 aus dem Ringier Bildarchiv. Das Archiv, das heute dem Aargau gehört, bietet mit sieben Millionen Fotografien reichlich Material dafür.

Euphorie und Wachstumskritik

In den 1950er-Jahren galten grosse Siedlungen als Mittel gegen die Wohnungsnot und als Chance, allen Menschen zeitgenössischen Wohnkomfort zu verschaffen. Doch bald schon traten die Wachstumskritiker auf, wie die Diaschau von Aellig veranschaulicht. «Bauen als Umweltzerstörung» titelte ein Buch von 1973. Unwirtlich, krankmachend, monoton seien diese Bauten, machen uns dessen Bilder vor, gut seien sie nur für die Profitmacher. Ähnliches fand Aellig in Presseberichten: Wenn die Genfer Siedlung Onex durch einen engen runden Ausschnitt, der Platz verschattet und menschenleer gezeigt wird, dann passt das Symbolbild zur Schlagzeile «Schlafstadt». Welch ein Unterschied in der Wirkung, ob man prügelnde Buben, fröhlich spielende Kinder oder einen einsamen Mann vor einer Siedlung zeigt. Im Tscharnergut in Bern scheinen laut den Bildern von Siegfrid Kuhn aus den 1970er-Jahren nur glückliche Menschen zu leben.

Göhner-Bauten: mal grün, mal grau

Grosse Siedlungen aus vorgefertigten Teilen zu bauen, war in den 1960er-Jahren die Spezialität der Firma Göhner. In einem kritischen Zeitungsbericht sehen wir die Gebäude in tristem Schwarz-Weiss und mit kahlen Fassaden. Im Werbeprospekt der Firma Göhner dagegen wirken die warm angeleuchteten Wohnblöcke mit viel Grün im Vordergrund, Baumzweigen, die ins Bild ragen und genug blauem Himmel als attraktive Wohnorte. «Da war ein Könner am Werk», urteilte Oliver Lang über seinen unbekannten Berufskollegen von einst. Er selber hat für ein Buch 2012 die Siedlungen wieder fotografiert. Weder verherrlichend, noch verteufelnd. «Aufgefallen ist mir aber, wie schrecklich saniert sie zum Teil wurden», sagt Lang. Auch das hat er dokumentiert.

Beliebt als Fotosujets und Reportagestoff für Zeitungen, waren Baustellen. Spektakuläre Bilder zeigen, wie riesige Kräne und wenige Arbeiter die Fertigelemente zu Wohntürmen stapeln, wie ganze Treppen und Hausteile quasi angeflogen kommen, um schnell und günstig zu bauen. Oder um den Profit der Firma zu steigern. Je nach ideologischem Standpunkt.

Der heutige Blick: Siedlung Sunnebüel der Ernst Göhner AG in  Volketswil, 2012 fotografiert.

Der heutige Blick: Siedlung Sunnebüel der Ernst Göhner AG in Volketswil, 2012 fotografiert.

Reizvoll im Stadtmuseum ist ein Abstecher zu den alten Bildern aus Aarau, auch wenn hier – ausser in der Telli – nicht Grosssiedlungen dokumentiert sind. Aber zum Nachdenken über die Wirkung von Fotografien regen sie an.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1