Musikhistorische Sensation
«Grüezi wohl, Frau Stirnimaa» ist nicht nur die heimliche Nationalhymne - die Frau war auch eine Italienerin

Neue Forschungserkenntnisse über die einzigartige Engadiner Volksmusik beweisen, dass die heimliche Nationalhymne der Schweiz in unserem südlichen Nachbarland geboren ist.

Stefan Künzli
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Das Single-Cover von «Grüezi Wohl, Frau Stirnimaa» der Minstrels.

Das Single-Cover von «Grüezi Wohl, Frau Stirnimaa» der Minstrels.

Zvg / Aargauer Zeitung

Randulins (dt. Schwalben) nennt man die Engadiner Emigranten, die im 19. Jahrhundert wie die Zugvögel in der kalten Jahreszeit in den Süden zogen und im Sommer zurückkehrten, um sich in ihrer Heimat zu vergnügen.

Das Unterengadiner Dorf Sent, aus dem besonders viele Randulins kamen, wurde zum Sehnsuchtsort und zu einem Zentrum der Volksmusik. «Im Sommer wurde hier fast täglich musiziert und getanzt», sagt Jachen Erni, der Spross einer Musikantenfamilie aus Sent. Die Leute aus Sent hatten den Ruf, besonders ausgelassen zu feiern.

Durch den kulturellen Austausch floss viel Italianità ins Engadin und umgekehrt. Es entstand eine Engadiner Volksmusik, eine eigentümliche Tanzmusik, die anders klang als alles andere. «Einzigartig in der Schweiz», sagt Erni. Im Buch «Las melodias dals randulins. Pioniere der Engadiner Volksmusik» konnte er erstmals schriftlich nachweisen, dass viele Engadiner Tänze italienischen Ursprung haben. Es sind «die Melodien, die die Schwalben aus dem Süden über die Berge trugen», die sich in den Herzen der Engadiner festsetzten und Generationen überdauerten. Eine musikhistorische Sensation.

Gefunden hat Jachen Erni diesen musikalischen Schatz vor sechs Jahren im Nachlass seines Vaters, des Volksmusikanten und Trompeters Anton Erni (1913 – 1980). Dessen Vorbild und Lehrmeister war Cla Genua, ein am Konservatorium in Florenz ausgebildeter Klarinettist aus einer vermögenden Familie von Randulins. Dieser hatte sich nach Jahren in der Ferne in Sent niedergelassen – mit im Gepäck: die italienische Hochkultur. Cla Genua weihte den jungen Anton Erni nicht nur in die Geheimnisse der Musik ein, er vermachte ihm auch unsignierte Notizen und Noten.

Heimliche Nationalhymne der Schweiz

Mit den Schwalben ist auch das Lied "Grüezi wohl, Frau Stirnimaa" der «Minstrels» ins Engadin und die Schweiz gelangt. Das Lied schlug wie eine Bombe ein, als das Zürcher Trio «Minstrels» es bei ihrem ersten Fernsehauftritt an der Olma in St. Gallen im Oktober 1969 vorstellte. Die «Frau Stirnimaa» schoss Anfang 1970 in der Schweizer Hitparade auf Platz 1, in Deutschland auf Platz 3, in Österreich auf Platz 5 und verkaufte sich in 27 Ländern über 1,5 Millionen Mal.

Ein Schweizer Volksmusikstück an der Spitze der Hitparaden – so etwas hatte es noch nie gegeben. Landauf, landab wurde der Gassenhauer gespielt und gesungen, Jung und Alt konnten sich auf die bärtigen langhaarigen Spassmacher in Hippieklamotten einigen. «Grüezi wohl, Frau Stirnimaa» wurde zu einer Art heimlichen, generationsübergreifenden Schweizer Nationalhymne.

"Minstrel"-Geiger Mario Feurer hatte das Lied damals in einer Zürcher Fussgängerzone von einem Akkordeonspieler gehört und mit seinem Trio aufgenommen. Jachen Erni staunte nicht schlecht, als er hörte, dass es sich dabei um den Innerschweizer «Schäfli-Schottisch» handeln soll. Denn die lüpfige Melodie gehörte seit seiner Kindheit zum Repertoire der Familienformation «Chapella Erni».

Dieselbe Melodie fand er Jahre später auch im grossen Notenbuch von Cla Genua, wo das Stück den Namen «La Zittellona», also «beleibte, ältere Frau» trägt. Genua hat im Notenbuch vermerkt, dass er die Melodie aus einer anderen Sammlung übernommen hatte. Weil Cla Genua als «Randulin» in der Toskana war und in Florenz Musik studierte, kann davon ausgegangen werden, dass die Melodie zu «Grüezi wohl, Frau Stirnimaa» italienischen Ursprung hat. Also war wohl auch die besungene Frau in der heimlichen Schweizer Nationalhymne eine Italienerin, eine italienische Mama.

Die Tanzmusik geht auf die Kultur der Fahrenden zurück

Die Erforschung der Engadiner Volksmusik wurde lange Zeit vernachlässigt. Erni führt das darauf zurück, dass sie nicht als typisch schweizerisch angesehen wurde. Die lang stigmatisierten Fahrenden waren für die Tanzmusik prägend, und die bekannten Musikerfamilien – die Waser, Metzger, Mayoleth oder Kolleger – haben jenische Wurzeln. «Die Nichtsesshaftigkeit der Jenischen passte nicht ins Bild nationaler Stereotypen», sagt Erni. Sie wurde 1850 unter dem Stichwort «Vagantenfrage» sogar unter Strafe gestellt. Der Austausch mit benachbarten Regionen und Ländern, die kulturelle Offenheit gegenüber äusseren Einflüssen blieben aber ein Kennzeichen der lebendigen Engadiner Volksmusik.

Der Aufschwung der Engadiner Volksmusik begann 1853, als das von der Kirche geforderte Tanzverbot gelockert wurde. Sent wurde zu einem Zentrum der Engadiner Volksmusik, und die Tanzmusik übernahm in den Dörfern eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Mit der Zunahme der Tanzveranstaltungen gewann der Tourismus an Bedeutung und wurde zu einem wichtigen Wirtschaftszweig.

Dorfplatz Sent 1960: Die Formation mit Trompeter Anton Erni spielte nach der Schlittenfahrt zum Tanz auf.

Dorfplatz Sent 1960: Die Formation mit Trompeter Anton Erni spielte nach der Schlittenfahrt zum Tanz auf.

Somedia Buchverlag / somedia Buchverlag

Man benannte die Tanzmusik nach den beliebtesten Musikern des Tals: Fränzlimusik nach Franz-Josef Waser und Sepplimusik nach Josef Metzger. Sie blühte lange bevor an der Landi 1939 der Begriff «Ländler» eingeführt wurde und im Rahmen der geistigen Landesverteidigung zu einem nationalen Kulturgut erhoben wurde. In jener Zeit wurde auch ein sogenannter «Bündner Stil» mit zwei Klarinetten definiert. Die Engadiner Volksmusik hat sich gemäss Ernis Nachforschungen aber erfolgreich diesen Reglementierungsbestrebungen entzogen.

Die ersten Engadiner Tänze wurden mit Geigen gespielt. Man findet aber auch die Zither und sogar das Hackbrett. Es folgten die Klarinette und die Bassgeige als feste Bestandteile der Kapellen. Neue, fremde Tänze wie Polka, Mazurka, Schottisch und Walzer gelangten ins Tal und wurden freudig aufgenommen. Die Popularität nahm zu, die Tanzsäle wurden grösser.

Die lauten Blechblasinstrumente, vor allem das Kornett, wurden integriert und verdrängten die leiseren Geigen. Gleichzeitig wurde die Formation um die Handorgel (nicht das Schwyzerörgeli) erweitert. Die Engadiner Tanzmusik war in steter Bewegung und kannte nur wenige Regeln.

Engadiner Tanzkapellen als ­touristisches Gut

Die beliebten Tanzformationen durften im Tal an keinem gesellschaftlichen Anlass fehlen und prägten bis in die 1960er-Jahre das Freizeitangebot im Engadin. Danach verlor die Engadiner Tanzmusik mit dem Aufkommen von Rock und Pop allmählich ihre gesellschaftliche Funktion. Musikanten verfügten über akademische Musikausbildungen.

Neue Formationen wie die Chapella Erni, die Engadiner Ländlerfründa, Huusmusig Kollegger oder Ils Fränzlis da Tschlin hoben die Musik auf ein neues Level. Die Engadiner Volksmusik wurde konzertant. Dabei orientierten sie sich zwar an der traditionellen Fränzlimusik, sie interpretierten sie aber zeitgenössisch.

Umgekehrt sind die Tanzkapellen an den Festen der Gemeinden nicht mehr vertreten. Es gibt keine Tanzanlässe mehr. Nur noch touristische Anlässe präsentieren die einheimische, urchige Musik. «Vielleicht wird die Engadiner Volksmusik sterben, wie das Romanisch stirbt», heisst es im Buch. Umso wertvoller ist die Forschungsarbeit von Jachen Erni, um die einzigartige Musik und ihre Pioniere zu würdigen und für die Nachwelt zu erhalten.

Jachen Erni, Anna Miller, Markus Brühlmeier: Las melodias dals randulins. Pioniere der Engadiner Volksmusik (Somedia). Inkl. Notenheft und CD.

Noten und CD

Rinaldo Franci: Klingende Sternstunde der Engadiner

Volksmusik Im Nachlass von Musikant Anton Erni ist auch ein Notenbuch mit 22 Stücken von Rinaldo Franci gefunden worden. Der klassische Komponist und Violinist hat von 1852 bis 1907 in Siena gelebt und gewirkt. Die Stücke sind mit 1882 datiert und somit die ältesten Noten, mit denen der Einfluss Norditaliens auf die Engadiner Volksmusik belegt werden kann. Die Entdeckung gilt als «Sternstunde der Engadiner Volksmusik». Die «Chapella Erni» in der vierten Generation hat Rinaldo Francis Stücke in neuen Arrangements des bekannten Volksmusikanten und Kontrabassisten Ueli Mooser aufgenommen und interpretiert. Dazu kommen weitere vier Tänze aus dem Nachlass von Anton Erni. Alles ist auf der beigelegten CD zu hören. (sk)