Grammy Awards
Mit fünf Grammys ist Jon Batiste der Abräumer der Verleihung

Vor sechs Jahren kannte ihn am Montreux Jazzfestival noch kaum jemand. Jetzt holte er mit Abstand am meisten Awards, darunter für «We Are» das Album des Jahres.

Stefan Künzli
Drucken
Jon Batiste ist ein aufsteigender Star mit Begabung in verschiedenen Sparten.

Jon Batiste ist ein aufsteigender Star mit Begabung in verschiedenen Sparten.

Bild: David Needleman / Universal Music

«Hi, I’m Jon Batiste. Ich soll hier spielen». Der Musiker, der da verspätet zur Probe zur Geburtstags-Gala «50 Jahre Jazzfestival Montreux» reingeschlurft kam, machte einen ziemlich verpeilten Eindruck. «Er war null vorbereitet», erinnert sich Bandleader Pepe Lienhard, der 2016 die Proben im Casino leitete. Doch als er sich ans Klavier setzte, war er voll da und am Konzert lieferte er eine irrwitzige Version von «What A Wonderful World».

2016: Gala «50 Jahre Jazzfestival Montreux» mit Pepe Lienhard.

youtube

Sechs Jahre später ist der verpeilte Musiker auf dem Musikerolymp angekommen. Im letzten Jahr wurde Batiste für die Filmmusik des Animationsfilms «Soul» mit einem Oscar ausgezeichnet. Jetzt ist er für die Grammy-Verleihung am 4. April elfmal nominiert. Eine Sensation für einen Jazzmusiker! Nur Michael Jackson und Babyface hatten aufs mal noch mehr Nominierungen.

2013: Jamsession in Montreux.

youtube

Jon Batiste stammt aus einer Musikerdynastie aus New Orleans und stand mit der Familienband schon mit acht Jahren im Rampenlicht. «Musik war in meinem Leben, solange ich mich erinnern kann. Sie war wie die Luft, die wir atmen», sagte er in einem Interview mit der «Zeit». Er begann mit Schlagzeug, wechselte zum Klavier und gesungen hat er sowieso immer.

Mit 14 debütierte er mit seiner Band, zog mit 17 nach New York, veröffentlichte sein Debüt und studierte an der renommierten Juilliard School. 2013 erreichte er mit «Social Music» die Spitze der Jazz-Charts. Landesweite Bekanntheit erlangte er als Bandleader der «Late Show with Stephen Colbert».

Seine Karriere scheint nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Doch Baptiste wehrt ab. Nach seinem Erfolgsrezept gefragt, sagt er: «Ich scheitere ständig. Der Weg zu grossen Erfolgen ist mit vielen kleinen Niederlagen gepflastert. Es ist also wichtig, in schöner Regelmässigkeit zu scheitern.» Doch nun ist er erst mal ganz oben.

Die Klassikzunft schäumt vor Wut

Jon Batiste ist ein Getriebener und aktuell einer der gefragtesten Musiker. Er komme nur selten auf vier Stunden Schlaf, sagt der 34-Jährige, der in der konzertfreien Pandemiezeit auch Gedichte geschrieben, gemalt, getanzt und eigene Kleider entworfen hat.

youtube

Jon Batiste kennt keine Grenzen und lässt sich noch weniger einordnen. Mit seinem gefeierten Album «We Are», inspiriert auch von der «Black Lives Matter»-Bewegung, ist der Jazzmusiker zum Popstar avanciert. Hier integriert er die Sängerlegende Mavis Staples wie auch die Schriftstellerin Zadie Smith und lässt sein gesamtes musikalisches Universum zwischen Jazz, Funk, Rhythm and Blues, Hip-Hop, Gospelchor und New-Orleans-Brass erklingen.

youtube

Kein Wunder, sind die Songs in den Kategorien «Jazz», «Pop» und «Rhythm and Blues» nominiert worden. Dass er mit seinem Zweiminuten-Stück «Movement 11» auch gleich noch für die «beste klassische Komposition» nominiert wurde, hat in der klassischen Welt dagegen für einen Sturm der Entrüstung gesorgt. Ob das Stück richtig kategorisiert ist, darf man tatsächlich fragen. Unwürdig ist aber, dass im Protest der Klassikerzunft unterschwellig auch eine Prise Rassismus mitschwingt. Vielleicht sind Jazzmusiker ja einfach die besseren Klassikkomponisten.

youtube