Kinos in der Krise

Geschlossene Säle und verschobene Starts: Das Kino wird nach Corona wieder erwachen

Wegen Covid geschlossen: Viele Kinos leiden unter der Corona-Krise und deren Folgen.

Wegen Covid geschlossen: Viele Kinos leiden unter der Corona-Krise und deren Folgen.

Die (Kino-) Kultur befindet sich in der Krise. Ein Schweizer Portal sorgt aber dafür, dass nicht alles schlecht war im Pandemiejahr 2020.

Wegen Corona zu? Von wegen. Nicht alle Kinos in der Schweiz sind geschlossen. Sie operieren nun mit virtuellen Kinosälen. Ihr Stammpublikum kann aktuelle Kinofilme streamen, bequem ins Wohnzimmer und mit dem Preis erst noch das Lieblingskino unterstützen. Möglich macht es die Technik, dort, wo ihr Potenzial erkannt worden ist.

Zum Beispiel bei der Neugass Kino AG mit Sälen in Zürich und Luzern. Ihr Mitgründer Frank Braun wird in der kommenden Ausgabe der Solothurner Filmtage für seine Innovationskraft geehrt. Im Coronajahr waren es die Neugass-Kinos, die durch ihre enge Bindung an das Stammpublikum die Türe öffneten für ein neues hybrides Konzept.

Cinefile heisst die Kombination aus Online-Kinoagenda und Streamingportal. Gegründet wurde sie von Andreas Furler, einem Cineasten aus Zürich. «Wir wollten etwas Ähnliches machen wie Cineman, aber anders: Das Portal sollte die heutige Pendlerbewegung von Filmfans zwischen Kino und Streaming spiegeln», sagt Furler.

In der Aufbauphase gab es Fördergeld von der Migros. Nun steht Cinefile auf eigenen Beinen. Bereits vor Corona tüftelte Furler mit seiner Crew an virtuellen Kinosälen, in denen die User via Stammkino Filme streamen konnten.

Fifty-fifty-Deal zwischen Plattform und Betreiber

Frank Brauns Neugass-Kinokette erwies sich dabei ab dem Lockdown vom Frühjahr 2020 als der bestaufgestellte von 30 Partnern. Eigentlich brauche es neben einer Kontoangabe für die Überweisung der Umsatzanteile nur einen Distributionskanal, zum Beispiel einen gut etablierten Newsletter, so Andreas Furler.

Julia Garner (links) als Jane im Film «The Assistant» von Kitty Green.

Julia Garner (links) als Jane im Film «The Assistant» von Kitty Green.

Beides gab es bei der Neugass-Kette, die ihre Kundschaft per Newsletter über die Streaming-Option orientieren konnte. Und so funktioniert es: Via Website des Lieblingskinos, etwa das «Bourbaki» in Luzern, betreten die Kinogänger den virtuellen Saal bei Cinefile. Für acht Franken gibt’s zum Beispiel «The Assistant» über Sexismus in der Filmbranche. Gut 200 weitere Filme sind im Angebot. Cinefile und Kino teilen sich den Erlös fifty-fifty.

Ähnliche Einnahmequellen in der Krise haben auch andere angezapft. Unter ihnen Filmverleiher, die so abgesagte Kinofilme vor allem in der ersten Welle doch noch an ein Publikum bringen konnten. Der Badener World-Film-Verleih Trigon beispielsweise geht ähnliche Kooperationen mit zwei Berner Kinos und dem Stattkino Luzern ein. Anders in Basel: Dort hat die Kult-Kino-Kette schon länger ihr eigenes Streamingportal.

Auf myfilm.ch konnten Kunden bereits in der Pre-Coronazeit gegen Gebühr im Kino verpasste Filme streamen. Während Corona öffnete das Basler Kinounternehmen das Angebot für Kinos anderswo in der Schweiz.

Wo das Angebot stimmte, füllte sich der Saal

Kino und Streaming, das zeigen die Beispiele, gehen Hand in Hand. Streaming ergänzt Kino, dann etwa, wenn man gerade keine Möglichkeit zu einem Kinobesuch hat. Sei es zu einer Randzeit, weil man krankheitshalber zu Hause bleiben muss oder wegen einer Pandemie. Corona ist nicht die letzte, sagen die Experten. Die Warnung sollte gerade wegen der Einschränkungen arg gebeutelten Kino- und Filmbranche zu denken geben.

Das Filmjahr 2020 zeigte aber auch: Stimmt das Angebot, besuchen die Menschen auch physisch ein Kino. «Tenet» von Christopher Nolan sorgte im Spätsommer für gut besuchte Säle. Und das Filmfestival in Zürich, gerade noch, ehe die Coronazahlen durch die Decke gingen, war erfreulich gut besucht. Die Menschen werden auch nach der Pandemie ins Kino gehen, Streaming hin oder her.

Szene aus dem Film «Tenet» von Christopher Nolan.

Szene aus dem Film «Tenet» von Christopher Nolan.

Natürlich, der eine oder andere Betrieb hat es nicht durch diese Zeit geschafft oder wird sich finanziell nicht mehr auffangen können. Solche Fälle sind zu bedauern. In manchen Fällen wird Corona eine langjährige Kinotradition besiegeln.

Doch Corona schafft das Kino nicht ab. So gesehen ist Streaming und Kino ein sich ergänzendes Angebot: Wer mit der Qualität zu Hause zufrieden ist, streamt: Wem der Ton der Soundbar für einen Film nicht genügt oder wer die Bilder auf der grossen Leinwand sehen will, besucht ein Kino.

Und doch gibt es ein Problem: Das Cinefile-Modell funktioniert vor allem im Bereich der Filme aus kleineren Studios. Im Mainstream, bei Blockbustern, taugt das Modell weniger. Und das hat vor allem mit dem Getöse im allmächtigen Filmland USA zu tun. Dort gehen Studios und Kinos auf Konfrontationskurs.

Ganz grosse Player wie Disney oder Warner Bros. drücken den Kinos die Pistole auf die Brust. In der Pandemie, in der diese aus einer Position der Schwäche agieren, nutzen die Studios die Gunst der Stunde und lancieren die Filme zuerst im Streaming.

Yifei Liu in «Mulan» gabs zuerst als Stream zu sehen.

Yifei Liu in «Mulan» gabs zuerst als Stream zu sehen.

Zu aberwitzigen Preisen, wie etwa die Realverfilmung von Disneys «Mulan» zeigte. Satte 29 Franken musste man hinblättern, um den Film auf Disney+ streamen zu können. Hinzu kommt die Abogebühr. Und für die 29 Franken besitzt man noch nicht einmal den Film, man hat ihn nur gemietet.

Der andere Riese Warner Bros. wiederum kündigte an, begleitet von Protesten der Filmbranche, 2021 gewisse Filme gleichzeitig auf dem hauseigenden Streamingkanal HBO Max (gibt es in der Schweiz nicht) und in den Kinos zu zeigen. Das exklusive Auswertungsfenster der Kinos, das in den letzten Jahren immer weiter zusammengeschrumpft ist, droht nun ganz wegzubrechen.

Eine fehlende Exklusivität ist auch für Mainstream-Ketten hierzulande ein harter Schlag. Diese hatten im Coronajahr eigentlich überhaupt kein Futter. Beispielhaft war der neue Bond: Seit Ausbruch der Pandemie wurde der Filmstart von «No Time to Die» vier Mal hinausgeschoben.

Nur, wie schlimm ist das für die Unternehmen längerfristig und für die Kinobesucher? In der Schweiz zumindest wird sich so viel nicht ändern für sie. Die Mainstream-Ketten Blue Cinema (vormals «Kitag»), «Pathé» und «Arena» hatten ohnehin vor Jahren reagiert. In Bern, wo es in der Innenstadt einst nur so von Kinos wimmelte, hat sich der Platzhirsch Blue Cinema längst aus dem Zentrum zurückgezogen.

Wegen Corona bereits vier Mal verschoben: Der neue Bond-Film «No Time to Die».

Wegen Corona bereits vier Mal verschoben: Der neue Bond-Film «No Time to Die».

Dass aus einem Kino mit dem einst stadtweit besten Sound in der Zwischenzeit als Covid-19-Testcenter genutzt wird, ist zwar komisch-tragisch, hat aber nichts mit dem Virus, viel eher mit der durch Corona beschleunigten Entwicklung zu tun. Mit ihren Kinos an den Stadträndern konnten die grossen Ketten ihre Kosten senken, tieferen Bodenpreisen und Personalkosten sei Dank.

In den Innenstädten kommt es seit Jahren zu Kinoschliessungen. Was nicht heisst, dass nichts Neues entstand. In Zürich zum Beispiel sprang das «Kosmos» in die Bresche. Dieses Multiplex hat sich zwar auf ein kunstinteressiertes Publikum ausgerichtet, zeigt aber nicht bloss Independent-Filme, sondern auch Blockbuster.

Nach der Pandemie gehen wir wieder ins Kino

Die Filmwelt dreht sich grad ein wenig schneller als sowieso schon. Und mit ihr ändern sich die Sehgewohnheiten. Für Serien geht man ja auch nicht ins Kino. Insofern tun wir gut daran, uns am Modell Cinefile zu orientieren. Für ausgewählte Filme besuchen wir auch künftig ein Kino: Sei es dafür, gemeinsam mit anderen Menschen zu lachen, zu leiden oder zu weinen. Um die Bilder und den Ton auf der ganz grossen Anlage wirken zu lassen. Oder bloss des Popcorns wegen, das nirgendwo authentischer schmeckt als im Kinosessel.

Im Pandemiejahr ist die Kinolandschaft nicht ärmer geworden, im Gegenteil. Sie ist zur Zeit eingefroren und wird nach der Pandemie wieder erwachen. Auch hat es in diesem Jahr ein vermeintliches Relikt aus längst vergangenen Zeiten in die Städte zurückgeschafft: das Autokino. Kaum etwas anderes bringt die Vielseitigkeit der Kinokultur besser auf den Punkt.

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