Literatur

Freundschaftliche Boxstösse gegen das Vergessen

Der Autor erzählt von einer neu erwachenden Beziehung zu seinem an Demenz erkrankten Vater.

Der Autor erzählt von einer neu erwachenden Beziehung zu seinem an Demenz erkrankten Vater.

David Wagner widmet seinem an Demenz erkrankten Vater mit «Der vergessliche Riese» eine berührende Hommage.

Drei Dinge zeichnen den Protagonisten von David Wagners Erzählung «Der vergessliche Riese» aus: Er sagt oft «Der Dings», fragt «Wohin fahren wir eigentlich?» und wiederholt den Satz: «Tante Gretl hat gesagt, die Dublany sind sehr intelligente Leute, aber im Alter werden sie alle blöd.» Dass der knapp Siebzigjährige von seinem Sohn daran erinnert werden muss, an wessen Beerdigung sie gerade fahren, lässt keine Zweifel: Die Erzählung handelt von Demenz.

Je älter wir als Gesellschaft werden, umso mehr wird Demenz zu einem Thema der Literatur. Auf Martin Suters «Small World» von 1997 folgte zehn Jahre später Arno Geigers «Der alte König in seinem Exil». Und nun also David Wagner mit «Der vergessliche Riese». Die augenfällige Nähe zu Geigers Titel, sei es Zufall, sei es Zitat, legt einen Vergleich nahe. Beide Bücher sind autobiografisch. Beide Autoren lassen einen Erzähler über die Begegnung und Beziehung zum an Demenz erkrankten Vater berichten. Wagners Erzähler besucht seinen Vater regelmässig, etwa zu Beerdigungen und an Weihnachten. Arno Geigers Bezug ist enger, er hat seinen Vater über längere Zeit persönlich gepflegt.

Während «Der alte König in seinem Exil» auch Momenten der Verzweiflung, Wut und Ratlosigkeit Raum gibt, wirken Vater und Sohn in Wagners Erzählung meist überraschend souverän. Sogar der spannend beschriebene Tag, an dem der Erzähler und seine Schwestern ihren Vater nicht ohne schlechtes Gewissen weg von seinem geliebten Haus in eine Pflegevilla bringen, verläuft unter dem Strich harmonisch. Das mag überraschen, vielleicht sogar irritieren. Für viele Betroffene und deren Angehörige bedeutet die Diagnose Verzweiflung und grossen Stress. Nicht so hier: Das einzige Mal, dass der Vater wütend wird, ist, als man ihm die Autoschlüssel nicht geben will.

Neu erwachende Beziehung

Mercedes, Porsche, Golf: Man muss sich als Lesende durch viele Parkplätze, Autowaschanlagen, -lackierungen, -marken und -preise durchmanövrieren, um bei dem anzukommen, was dieses Buch ausmacht: die neu erwachende Beziehung zwischen einem Sohn und seinem Vater. Auf der symbolischen Ebene zeigt sich dies durch die wiederholten, etwas unbeholfen freundschaftlich-männlichen Boxstösse vom Sohn in die Schulter des Vaters.
Was tief berührt, ist die Zärtlichkeit, mit der David Wagner diese Vaterfigur erschafft. Jeder Satz, den er diesem Mann in den Mund legt, sprüht vor Schalk, Lebenslust und Klugheit.

Da wird ein Mensch gezeichnet, der sozusagen in Pointen redet, und der – so erstaunlich das klingt – dennoch natürlich wirkt. Grosse Dialog-Kunst. In keinem bisherigen Roman hat Wagner sich für das Verfahren entschieden, die Erzählung fast ausschliesslich durch den Dialog voranzutreiben. Man möchte den charmanten Vater unbedingt kennenlernen, der selbstironische Dinge sagt wie: «Ich scheine die Frauen ja sehr anzustrengen, wenn mir schon die zweite wegstirbt.»

Die Erzählung einer Liebesgeschichte

Tragik und Komik liegen nahe beieinander. So nebenbei ist «Der vergessliche Riese» auch die Erzählung einer komplizierten und leidenschaftlichen Liebesgeschichte. Wagners Tristan und Isolde spielen dabei eine wichtige Rolle. Richard Wagner, eine Hitler-begeisterte Tante, die 68er-Demo gegen das Notstandsgesetz: Der Versuch, sich durch bewusstes Erinnern vor dem Vergessen zu immunisieren, führt die beiden Männer auch durch Stationen der Geschichte (West-)Deutschlands.

Und doch ist dieses Buch nicht primär ein Deutschlandbuch. Es ist auch nicht das vielschichtigste Demenzbuch, das in letzter Zeit erschien. Aber
es ist ein feinsinniges Buch über das Erzählen gegen das Vergessen.

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