Graubünden ist eine ideale Landschaft, um sich zurückzuziehen. Fernab vom Getöse der grossen Zentren ist Platz für Eigensinn. Das wussten schon Künstler wie Nietzsche oder Kirchner. Das Wissen auch Zeitgenossen.

Das Bündner Kunstmuseum eröffnet heute zwei Ausstellungen mit zwei Solitären der Gegenwartskunst. Beide sind Pioniere in ihrem Metier. Beide haben ihr Werk fernab des Scheinwerferlichts konsequent zur Blüte gebracht. Der Konzeptkünstler Peter Trachsel kam in den Achtzigerjahren aus Zürich ins Prättigau – um dortzubleiben (siehe Text unten.)

Der Fotokünstler Gaudenz Signorell hat von Domat/Ems aus die Welt bereist. Rom, Paris, New York, Kuba und Indien waren wichtige Stationen, von welchen er immer wieder nach Hause zurückgekehrt ist.

Erholung von der Bilderflut

Gaudenz Signorell ist ein sogenannter «Künstler Künstler». Von Fachkreisen hoch geschätzt, dem breiten Publikum aber kaum bekannt. Dies ändert sich nun mit der ersten grossen Überblicksausstellung in einem Museum. Und das ist gut so. Denn in einer Zeit, in der die Bilderflut täglich steigt, ist es erholsam, einem Fotografen zuzusehen, der mit seinem Bildmaterial so behutsam und langsam umgeht.

Der heute 67-jährige Signorell begann in den Achtzigerjahren seine Strategien im Umgang mit Fotografie zu entwickeln. Vor der Kamera waren Aquarell und Bleistift seine Werkzeuge. Dieser Umstand ist seinem Werk bis heute anzusehen. Seine Bilder sind eher abstrakte Gemälde als herkömmliche Fotos, die eine äussere Wirklichkeit abbilden. Es sind emotionale, innere Landschaften, die der Fotograf in aufwendigen Verfahren generiert.

Am Anfang steht der Akt der Fotografie. Dieser geschieht bei Signorell eher beiläufig, mit kleiner Kamera oder mit der Polaroid. Der Fotograf sucht seine Motive nicht. Er findet sie auf. Oft führt der Zufall Regie. Meist interessiert ihn Unscheinbares, wie Baumhütten, eine alte Hauswand oder eine Hand. Mehr als das eigentliche Bild beschäftigt ihn der emotionale Gehalt einer Situation.

Sein Umgang mit Bildern ist zuweilen asketisch. Das offenbart sich auf einer Indienreise. Er, der Fotograf, schafft es, von dort ohne direkt verwertbaren Schnappschuss nach Hause zurückzukehren. Erst im Nachhinein entwickelt er, notabene aus ganz anderem Bildmaterial, seinen Indien-Zyklus. Er zeigt die Farben dieses Kontinents.

Signorell, und das ist vielleicht das Geheimnis seiner Kunst, lässt die Zeit für sich arbeiten. Oft bleibt das Rohmaterial jahrelang im Archiv, bevor er es in eine endgültige Form bringt. Dabei behandelt er seine Filme wie ein Maler. Er kratzt an der Oberfläche, treibt ein komplexes Spiel mit Hell und Dunkel, Positiv und Negativ, macht Fotografien der Fotografien, zoomt Details heran, spielt mit Formaten von der Miniatur bis zum 38 Meter langen Fries, das er extra für die Ausstellung konzipiert hat.

Versunkene Erinnerungen

Stefan Kunz, Ko-Direktor des Museums, präsentiert Signorells formalen und inhaltlichen Reichtum grosszügig und mit Gespür für die Verwandtschaft zwischen einzelnen Werkgruppen. Am gezeigten Archivmaterial und an den Tagebüchern des Künstlers wird sichtbar, wie sich sein Werk aufbaut. Wichtige Bezugspunkte wie die Architektur oder gewisse Autoren werden lesbar und Signorells künstlerische Kraft augenscheinlich. Es ist, als ob hier jemand seine Träume fotografiert habe. Oder seine Erinnerungen, die in der Zeit zu versinken scheinen, wie in einem verwunschenen Teich. «Was bleibt von alledem?», scheinen die Bilder zu fragen.

Gaudenz Signorell. Bis 27. Mai. Bündner Kunstmuseum.