Live-Event
Zurich Film Festival während Coronapandemie: Ist das Experiment geglückt?

Das Zurich Film Festival (ZFF) endet am Sonntag. Das erste weltweit, das ausschliesslich vor Publikum stattfand.

Regina Grüter
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Maskentragen ist Pflicht: Galapremiere zur Eröffnung des Zurich Film Festivals.

Maskentragen ist Pflicht: Galapremiere zur Eröffnung des Zurich Film Festivals.

Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 24. September 2020

Er wollte einfach nicht hören. Christian Jungen, ehemaliger Filmjournalist und neuer Leiter des Zurich Film Festivals (ZFF), hielt unbedingt an seiner ersten Ausgabe fest, Corona hin oder her. Ist das Experiment, während der Coronapandemie einen derart grossen Live-Event über die Bühne zu bringen, geglückt? Die Frage gilt es aus drei Perspektiven zu beantworten. Aus künstlerischer Sicht: ja. Gut, es gab ein paar Misstöne um Rolf Lyssy, aber dafür kann das ZFF nichts. Was Corona betrifft: Auch ja – obwohl man dies noch nicht abschliessend beantworten kann.

«Was, wenn ein Superspreader im Kinosaal sitzt?», haben wir im Vorfeld gefragt. Nun, unter den gegebenen Sicherheitsvorkehrungen musste man diesbezüglich eigentlich keine Angst haben: Zwischen den Sitzen blieb immer ein Platz frei, und die Maske musste man auch während der Vorstellung aufbehalten. Sicher haben sich leider nicht immer alle konsequent daran gehalten, aber die Organisatoren haben ihre Hausaufgaben gemacht. Angaben für allfälliges Contact-Tracing waren Pflicht. Man wähnte sich in Zürich ein bisschen wie in den Sommerferien in Italien: Geht man irgendwo rein, setzt man die Maske auf. Ganz selbstverständlich.

Die Gewinner

Spielfilm-Wettbewerb

«Sin señas particulares» von Fernanda Valadez (Mexiko, Spanien; Start: 7. 1.)

Dokumentarfilm-Wettbewerb

«Time» von Garrett Bradley (USA)

Fokus-Wettbewerb

«Hochwald» von Evi Romen (Österreich, Belgien)

Serien-Wettbewerb: «Cry Wolf» von Maja Jul Larsen (Dänemark)
Publikumspreis: «Sami, Joe und ich» von Karin Heberlein (Schweiz)
Kritikerpreis: «80’000 Schnitzel» von Hannah Schweier (Deutschland).

Johnny Depp vermisste Kontakt zum Publikum

«Wir hatten 68000 Zuschauer, obwohl wir nur 60 Prozent der Kapazitäten nutzen konnten», sagt ein überwältigter Christian Jungen am Telefon – «mit knapp 40000 sind wir zufrieden», meinte er im Vorfeld.

100 Vorstellungen sind ausverkauft gewesen, von den 165 Filmen im Programm haben 100 eine Auslastung von 90 und mehr Prozent gehabt.

Die Zahlen bestätigen das Gefühl, das man vor Ort hatte: Die Leute hatten Vertrauen in dieses Schutzkonzept. Geglückt also auch hinsichtlich Publikumsaufmarsch. So viel zum dritten Aspekt. Der Festivalleiter und sein Team haben damit ein weiteres Ziel erreicht. Sie haben ein Zeichen gesetzt, dass Kultur auch unter diesen erschwerten Bedingungen möglich ist.

Christian Jungen hat eingeladen, die Sonderbewilligungen wurden eingeholt, und die Leute sind gekommen, Corona hin oder her: Juliette Binoche, Maïwenn, Til Schweiger. Und Johnny Depp, nach 2018 zum zweiten Mal am ZFF, stellte nicht nur den von ihm produzierten Film über The-Pogues-Sänger Shane McGowan vor, sondern sagte kurzfristig für ein moderiertes Gespräch vor Publikum zu.

Die Filmschaffenden haben es extrem geschätzt, ihre Werke endlich wieder einem Publikum präsentieren zu können», sagt Jungen. «Sogar ein Star wie Johnny Depp».
Christian Jungen, Direktor Zurich Film Festival

Christian Jungen, Direktor Zurich Film Festival

Pressedienst

Wie letztes Jahr «Joker», bekam man mit «Nomadland» auch dieses Jahr den Gewinner des Goldenen Löwen von Venedig in Zürich zu sehen, als Premiere im deutschen Sprachraum. Davon gab es am 16. ZFF wegen all der abgesagten Filmfestivals einige, und auch mehr Weltpremieren. Dass es davon in Zürich zu wenig gäbe, wurde immer wieder bemängelt. Der verstärkte Fokus auf den deutschsprachigen Film – auch Sönke Wortmann und Moritz Bleibtreu waren in Zürich – liegt wohl nicht unbedingt in Christian Jungens Vorlieben begründet, sondern darin, wie er sein Festival im dichten Markt positionieren will. Seine Vorlieben sind eher in der – starken – Sektion «Neue Welt Sicht» zu finden, die dem jungen französischen Kino eine Plattform gab.

Speziell und merkwürdig – aber schön!

Die Interviewerfahrung war dieses Jahr eine spezielle, insbesondere mit dem Regisseur von «The Father», Florian Zeller. Zu zweit sass man sich in einem riesigen Konferenzsaal an einem riesigen Konferenztisch schräg gegenüber, mit Maske! Aber zum Glück sind da ja noch die Augen. Man versteht die Verantwortlichen, sie wollten auf Nummer sicher gehen. Und neben «Nomadland» gehörte «The Father» mit Anthony Hopkins als an Demenz erkranktem Vater und Olivia Colman als seine Tochter zum Stärksten, was im Rahmen der Galapremieren zu sehen war. Ein bisschen lockerer ging’s bei Juliette Binoche zu und her: Während die Journalisten die Maske nur zum Reden runterzogen, trug sie selbst keine. Der Sicherheitsabstand war natürlich gewährleistet.

Das Corona-ZFF war gut für die Kinos, und die hiesigen Verleiher bekamen eine bitternötige Starthilfe für ihre Filme, die in den nächsten Wochen und Monaten in der Schweiz anlaufen. Nicht zuletzt war es gut fürs filminteressierte Festival- und vor allem Kinopublikum, das, entgegen allen Katastrophenszenarien, durchaus existiert und bereit ist, 29 Franken für eine Galapremiere zu bezahlen. Mit Maske im Kino zu sitzen, ist schon merkwürdig. Besonders für Brillenträger, denen anfangs die Gläser beschlagen. Oder wenn auf der Leinwand Sachen passieren, die einem den Atem stocken lassen. Aber irgendwann hat man vergessen, dass man eine aufhat – wenn der Film gut war. Und viele waren sehr gut. Christian Jungens Hartnäckigkeit – manche nennen es Naivität – hat sich ausgezahlt.