Der Dokumentarfilm ist am Sonntag am Festival von Locarno im Rahmen der vielbeachteten Kritikerwoche uraufgeführt worden. Dies auf den Tag genau 70 Jahre nachdem die US-Luftwaffe am 9. August 1945 - drei Tage nach Hiroshima - auch die Stadt Nagasaki bombardiert hatte. Bei beiden Angriffen kamen über 200'000 Menschen qualvoll ums Leben.

Die 43-jährige Regisseurin machte sich 2010 erstmals auf die filmische Suche nach Spuren ihres Grossvaters, der 1945 als Arzt im Rotkreuzspital von Hiroshima gearbeitet hatte und Jahrzehnte später vermutlich an den Spätfolgen der Verstrahlung verstarb. Zu Lebzeiten wollte der Grossvater nicht über diese Zeit sprechen, weil das Ungeheuerliche nur begreifen könne, wer selber dabei gewesen war.

Deshalb rücken im Film andere Zeitzeugen in den Vordergrund. Ausser Aya Domenigs Grossmutter sind dies der ehemalige Kriegsarzt Shuntaro Hida, der sich bis heute gegen das kollektive Verdrängen wehrt und noch als 95-Jähriger schlagfertig und humorvoll vor vollen Hörsälen doziert.

An den jährlichen Gedenkfeiern im Friedenspark von Hiroshima nimmt Hida längst nicht mehr teil, weil er "diese Heuchelei" nicht mehr erträgt. Die Langzeitfolgen nuklearer Verstrahlung würden von den Behörden bis heute kleingeredet und die Leiden der Opfer tabuisiert.

Geglückte Gratwanderung

Noch während der Dreharbeiten passierte im März 2011 die AWK-Katastrophe von Fukushima, die dem Film eine zusätzliche Dimension gibt. Obwohl es auch in Japan Proteste gibt, wiegeln die Behörden die gesundheitlichen Folgen einer Verseuchung für die Bevölkerung in der betroffenen Region erneut ab.

Dagegen wehrt sich auch die inzwischen fast 100-jährige Krankenschwester Choziko Uhida, die 1945 im gleichen Spital wie Domenigs Grossvater die verbrannten und verstrahlten Hiroshima-Opfer pflegte und seither zur resoluten Kriegs- und Atomgegnerin geworden ist.

Die rüstige und kampfeslustige alte Dame engagiert sich in einer Bürgerinitiative und nimmt in ihrem Haus Fukushima-Flüchtlinge auf: Eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn, die den behördlichen Beschwichtigungen keinen Glauben schenkt, und dafür von ihrer eigenen Familie ausgegrenzt wird.

Aya Domenig ist die Gratwanderung zwischen der persönlichen Nacherzählung der Familiengeschichte und der historischen Aufarbeitung geglückt. "Als die Sonne vom Himmel fiel" ist ein universelles Lehrstück über ein Stück Zeitgeschichte, das bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüsst hat.