Klagelieder
So singen die Menschen, wenn sie leiden: Von Sea Shanties, Worksongs und dem Blues

Ins Klagelied der Coronakrise bringt ein Postbote auf Tiktok Zuversicht: Bald kommt ja der Wellerman.

christoph bopp
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Simon Maurer

Bald kommt der Wellerman, nicht der Weihnachtsmann, aber auch er bringt sehnlichst erwartete Gaben. «Sugar, Tea and Rum» – Zucker, Tee und Rum. So heisst es im Refrain des Liedes, das diese Woche schnell weite Verbreitung im Internet fand. Nathan Evans, ein 26-jähriger schottischer Pöstler, der von einer Sängerkarriere träumt, hatte Ende Dezember 2020 ein Video mit dem Lied auf Tiktok gepostet. Es war nicht sein erstes in dieser Richtung, aber bisher sein wirkungsmächtigstes. Dank Tiktok wurde es vielstimmig harmonisiert, eine Violine kam hinzu – aus dem Sea-Shanty wurde ein Kunstlied.

Man wartet auf den «Wellerman». Er bringt irgendetwas und ändert dadurch die gesamte Situation: Heute würde der Wellerman wohl den Impfstoff bringen. Das trifft den Zeitgeist. Er ist durch das Pandemiewesen vorgebildet, und das in mindestens zweierlei Hinsicht: Das Singen verbindet, und im kreativen Singen zeigt sich der Wille, aus der Situation das Beste zu machen. Im Singen manifestiert sich oder entsteht erst Resilienz. Das Fremdwort hat man erfunden, weil man der ewigen Wiederholung der Weisheit überdrüssig war, man dürfe fallen, aber nicht liegen bleiben, sondern müsse wieder aufstehen.

Wo man singt – oder: Böse ­Menschen haben keine Lieder

Dass Singen Menschen verbindet, wissen die Religionen. Singen ist Mas­senbildung (hier im neutralen Sinn), denn beim Singen ist jeder zugleich Akteur und Rezipient, Sänger und Zuhörer. Beim Singen verschwinden die Unterschiede zwischen dem Ich und den Anderen: Wer einstimmt, gibt sich in einem gewissen Sinn auf.

Das ist vor allem dann erwünscht, wenn das Ich belastet ist durch Negatives und Niederdrückendes, da erhebt das Singen aus der Misere. Wenn die erfahrene Ohnmacht aufgehoben wird im Echo der Anderen. Die (Selbst-)Aufgabe der Subjektivität kann auch missbraucht werden. Zu dieser Einsicht braucht es nicht einmal das Sieg-Heil-Gegröl.

Nur ein Sänger schaffte es in die Unterwelt – und zurück

So viel zum ersten Punkt. Der zweite hat einen prosaischen Kern und einen vielleicht hintergründigeren. Dass Singen über körperliche und andere Grenzen hinausführen kann, ist eine All-Erfahrung. Nicht nur das Beresina-Lied hat unzähligen Soldaten in unzähligen Kriegen Marschleistungen abgezwungen, die ihnen vorher undenkbar erschienen. Man darf vermuten, dass es den Vertriebenen und Flüchtenden auf ihren Wegen nicht anders erging.

Die griechische Mythologie erzählt von Orpheus und seiner Lyra, mit der er Götter, Menschen, Tiere, Pflanzen und selbst Berge betörte. Als seine Frau Eurydike starb, war der Sänger so unglücklich, dass er seine Kunst mobilisierte, um den Göttern die Erlaubnis abzuringen, die Geliebte aus der Unterwelt zurückzuholen. Auf dem Rückweg passierte ihm das Malheur: Weil er zurückblickte, verschwand Eurydike wieder im Schattenreich. Dass die Griechen gerade Orpheus, dem Sänger, zubilligten, die Grenze des Todes zu überschreiten, leuchtet tief.

Der Mythos kennt mehrere Varianten. Einer zufolge muss Orpheus, weil er mit Eurydike zusammen sein will, einen Tag oben und einen Tag unten verbringen. Mit der Lyra dürfte das zu überstehen sein. Einer anderen Lesart nach wurde er von betrunkenen Fans des Dionysos zerrissen. Vielleicht wollten sie sich rächen, weil man ihnen das Singen (und Grölen) verbieten wollte.

Bleiben wir bei den Griechen. Der Philosoph Platon war gegenüber dem Singen misstrauisch eingestellt, weil es enthemmt. Singen sei okay, befand er, solange es streng reguliert geschieht. Wer in der Polis welche Gesänge in welchen Tonarten singen darf, wird genau festgelegt. Männer haben andere Gesänge als die Jugendlichen, noch andere haben die Frauen – auch den Sklaven wird ihr Songbook zugestanden, aber ein vorgeschriebenes.

Cotton Needs A Picking So Bad – solange er singt, ist er glücklich

Der «Wellerman»-Song sei ein Sea-­Shanty. Nathan Evans steckt es in diese Schublade. Es ist aber keines, auf jeden Fall kein typisches. Sea-Shanties waren Lieder, welche Seeleute zu anstrengenden monotonen Tätigkeiten anstimmten. Es ist geprägt vom Wechsel zwischen Vorsänger und Chor, Anfang und Schluss des Verses werden jeweils betont («Haul!» oder «Pull!»). Es diente dem Koordinieren des Muskeleinsatzes an einem Seil, einem Gangspill oder dem Ruder.

Text und musikalische Struktur sind sehr einfach, Zeilen werden vor allem wiederholt. Demgegenüber erzählt «The Wellerman» eine Geschichte von einem Walboot, das auf hoher See auf sein Versorgungsschiff wartet («Soon may the Wellerman come». Gereimt und mit Refrain.

Das Vor- oder Parallelbild zum Sea-Shanty ist der Worksong aus den USA. Auch hier geht es um monotone und anstrengende Arbeit. Sklaven, welche Baumwolle pflückten, oder Arbeiter im Bahnbau («Take This Hammer»). Ob die Sklaven zum Singen gezwungen wurden oder es freiwillig taten? Dass sie es taten, ist sicher.

Der Blues war eine eigenständige schwarze Weiterentwicklung. Er übernahm das einfache harmonische Schema, die Texte befassten sich mit dem rassistischen Alltag der Unter­drückung. Die Bluessänger waren bereits Interpreten, welche am Samstagabend in der Kneipe über das qualvolle Leben der Tagelöhner und Abgehängten sangen.

Mit einem Shanty schickt Mozart Tamino in die Unterwelt

Ist die «Zauberflöte» schon geheimnisvoll, ist die Nummer II,27 in ihr ein Geheimnis für sich. Prinz Tamino soll sich Initiations­riten unterziehen. Zwei Geharnischte erklären sie ihm: «Der, welcher wandelt diese Strasse voll Beschwerden...», werde auch den Tod überwinden und so weiter.

Mozart verwendet dafür eine Choralmelodie («Ach Gott, vom Himmel sieh darein») und lässt sie die beiden Geharnischten im Oktavenabstand vortragen. Und zwar als Cantus firmus in einer fugierten Choralvariation, wie Bach sie nicht viel besser hätte schreiben können.

An Bach lehnt sich auch der «Walking Bass» in trippelnden Achteln an, der das Wandeln andeutet. Was Bach nie gemacht hätte, waren die Oktavparallelen (auch der Posaunen). Das erzeugt den Shanty-Sound, der für Mozart offenbar zu diesem schweren Prüfungsgang passt. Man kann in der Anleihe bei Bach einen stilistischen Kunstgriff sehen, es soll sakral und fremd klingen. Das tut es, aber für unsere blues­getränkten Ohren ist schnell klar, dass auf diesem Trip Todesgefahr droht.