Film
Odyssee durch Frankreich

«Un sac de billes» schildert die Flucht zweier jüdischer Brüder im Zweiten Weltkrieg. Die Literaturverfilmung läuft nun im Kino.

Stefan Volk
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Zwei Brüder auf der Flucht vor den Nazis: Der Film «Un sac de billes» basiert auf der Lebensgeschichte von Joseph Joffo.

Zwei Brüder auf der Flucht vor den Nazis: Der Film «Un sac de billes» basiert auf der Lebensgeschichte von Joseph Joffo.

Thibault Grabherr;zvg;

Für ein paar Murmeln tauschen der zehnjährige Joseph (Dorian Le Clech) und sein drei Jahre älterer Bruder Maurice (Batyste Fleurial) 1941 in Paris den gelben Judenstern ein, den ihnen die deutschen Besatzer an die Brust hefteten. Was aus dem Jungen wird, der von ihnen das Zwangskennzeichen erwirbt, erfährt man in «Un sac de billes» nicht. Christian Duguays Verfilmung der gleichnamigen Lebenserinnerungen Joseph Joffos orientiert sich eng an der subjektiven Perspektive der heldenhaften zwei Brüder.

Anfangs machen sich die beiden Lausbuben noch einen Spass daraus, SS-Männer in den Friseursalon ihres Vaters zu lotsen, indem sie sich vor das Schild am Schaufenster stellen, das den Laden als «Jüdisches Geschäft» brandmarkt. Bald aber wird ihnen der Ernst ihrer Lage schmerzlich bewusst. Weil eine Flucht als Familie zu auffällig wäre, schicken die Eltern sie alleine auf den Weg nach Südfrankreich, das noch nicht von den Deutschen besetzt ist.

Vorbereitung auf die Verhöre

Zum Abschied fragt der Vater den jüngeren Sohn: «Bist du Jude?» Als dieser mit «Nein» antwortet, verpasst ihm der Vater eine krachende Ohrfeige: «Bist du Jude?» Noch ein paar Mal muss der Junge in dieser starken, einprägsamen Szene seine Herkunft leugnen, ehe der Vater ihn schliesslich tröstend in den Arm nimmt. Der Junge, so die Hoffnung des Vaters, habe seine Lektion gelernt und sei bereit, auf der Flucht seine Herkunft zu leugnen und die heimtückischen Verhöre der Nazis auszuhalten.

Doch trotz der Gewalt und der vielfältigen Gefahren, denen die beiden Kinder auf ihrer Wanderschaft ausgesetzt sind, spielt sich das Grauen des Holocaust weitgehend im Verborgenen ab. Menschen verschwinden, die Deportationszüge kehren leer zurück. Joseph und Maurice hingegen haben Glück: Sie begegnen unterwegs dubiosen Gestalten, Schleppern, Kollaborateuren, die ihnen Unterschlupf gewähren. Viele riskieren für sie ihr Leben.

«Un sac de billes» ist ein Jugendfilm, der die historischen Ereignisse nicht nur durch den Erlebnishorizont seiner Charaktere filtert, sondern sie auch einem jugendlichen Publikum zugänglich macht. Die Flucht der beiden wunderbar authentisch gespielten Brüder inszeniert Duguay oftmals wie eine Abenteuerreise in schwelgerisch schönen Landschaftspanoramen. Jenseits des Naziterrors werden die Zeitumstände nostalgisch weichgezeichnet.

Als sein Bestseller 1975 das erste Mal verfilmt worden war, hatte sich Joffo über die trottelige Darstellung seines Vaters und einige andere biografische Unstimmigkeiten geärgert. Diesmal hat er dazu keinen Grund. Von Patrick Bruel und Elsa Zylberstein werden seine Eltern einfühlsam verkörpert: vorbildlich, liebevoll, klug; fast schon zu gut, um wahr zu sein.

Un sac de billes (F / CAN / CZE 2017) 110 Min. Regie: Christian Duguay. Ab Donnerstag im Kino. 5 Sterne. – Kino Atelier, Theaterstrasse 7, Basel.