Zurich Film Festival
Nicht nur Glamour, sondern Filme für alle

Die in zwei Wochen beginnende 12. Ausgabe des Zurich Film Festivals trumpft wie immer mit Hollywood-Prominenz auf, versteht sich aber auch als ein Volksfest mit kultureller Relevanz.

Georges Wyrsch
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Die Stars werden kommen – dennoch will das ZFF weit mehr bieten als Starparaden im Blitzlichtgewitter.

Die Stars werden kommen – dennoch will das ZFF weit mehr bieten als Starparaden im Blitzlichtgewitter.

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Jedes Filmfestival kämpft mit ihnen: gehässige Vorurteile. Auch über das Zurich Film Festival (ZFF) kursieren unqualifizierte Pauschalverurteilungen: Der Anlass sei ein mit Bankengeldern und Luxusmarken zusammengetrommeltes Schaulaufen der Zürcher Schickeria, die sich mit Kultur als Feigenblatt im Rahmen der Promotion von Hollywood-Streifen mit echten Stars ablichten lässt. Kurz: mehr Glamour als Tiefgang; mehr Galas für betuchte Sponsoren als Filmvergnügen für die Öffentlichkeit.

Natürlich ist das alles falsch oder zumindest aufs Übelste vereinfacht. Dass das ZFF nicht nur Freunde hat, ist seinem raschen, fast schon fast aggressiven Wachstum geschuldet, das wiederholt als unfaire Konkurrenz zu anderen Anlässen wahrgenommen wurde, die auf traditionellere Weise im Kulturgeschäft verankert sind. In einer Schulklasse der Filmfestivals wäre das ZFF unter vielen Musterschülern so etwas wie der Streber mit reichen Eltern.

Co-Festivalleiterin Nadja Schildknecht: Ständiger Kampf gegen das Vorurteil, das ZFF biete mehr Glamour als Tiefgang.

Co-Festivalleiterin Nadja Schildknecht: Ständiger Kampf gegen das Vorurteil, das ZFF biete mehr Glamour als Tiefgang.

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«Gesundes jährliches Wachstum»

Doch lassen wir die dummen Vergleiche und gehen hin zur Pressekonferenz: Im Hotel Baur au Lac geben die Festivalleiter Nadja Schildknecht und Karl Spoerri das Programm der 12. Ausgabe bekannt. Dass die NZZ-Mediengruppe neuerdings eine Mehrheit am Festival besitzt und zudem – statt wie bisher Schildknecht – das Präsidium des Verwaltungsrats für sich beansprucht, ist heute kein Thema, zumindest nicht am offiziellen Teil der Veranstaltung.

Ebenfalls kein grosses Thema mehr ist die permanente Vergrösserung des Festivals: Heuer ist das Budget von 7,1 auf 7,2 Millionen CHF gestiegen, statt 10 Leinwänden bespielt das Festival nun deren 12, die Anzahl der Weltpremieren steigt von 14 auf 17. Eine solche Zunahme ist für ZFF-Verhältnisse bescheiden und wird auch vom Festival selbst als «gesundes jährliches Wachstum» bewertet. Das Wort «Rekordzahl» taucht in der Pressemitteilung nur einmal auf: Am ZFF sei «eine Rekordzahl von Schweizer Filmen» zu sehen.

172 Filme – ein Überangebot?

Diese Formulierung versteht sich als ein Zugeständnis an die Schweizer Filmbranche, soll aber auch bedeuten, dass Schweizer Produzenten und Verleiher dem Anlass mittlerweile besser über den Weg trauen als auch schon. Früher stand oft die Befürchtung im Raum, dass die Premieren von Schweizer Filmen am ZFF im Überangebot unterzugehen drohten: Immerhin laufen an der diesjährigen Ausgabe insgesamt satte 172 Filme (im Vergleich zu 161 Filmen im Vorjahr).

Und so ganz ist diese Befürchtung auch noch nicht aus der Welt geschafft: Im internationalen Spielfilmwettbewerb des Festivals ist die Schweiz mit einem einzigen Film vertreten: «Miséricorde» des gebürtigen Tessiners Fulvio Bernasconi ist eine schweizerisch-kanadische Koproduktion.

Auch im internationalen Dokumentarfilmwettbewerb des ZFF läuft nur ein einziges Schweizer Werk: «The Other Half of the Sky» von Patrik Soergel dreht sich um weibliche Führungskräfte in China. Sechs weitere Schweizer (Ko-)Produktionen sind im dritten Wettbewerb des Festivals zu finden, dem «Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich». Hier buhlen drei Spielfilme, zwei Dokumentarfilme und ein Episodenfilm aus der Schweiz um einen Preis.

Zudem werden auch noch etliche Schweizer Filme ausser Konkurrenz gezeigt. Doch diese stattliche Schweizer Präsenz sagt noch nichts über die Qualität aus: In der Vergangenheit kam es vor, dass komplett missratene Schweizer Filme am ZFF liefen, die im Anschluss an ihre Festivalpremiere wieder in der Versenkung verschwanden.

Welche dieser Filme nun aus der Masse herausstechen werden, ist derzeit noch offen, aber was bereits jetzt heraussticht, sind die grossen Namen, die das ZFF diesmal in die Schweiz bringt: Die Hollywood-Briten Hugh Grant, Daniel Radcliffe und Ewan McGregor präsentieren neue Werke, wobei Radcliffe gleich zwei Filme bewirbt (den surrealen Abenteuerfilm «Swiss Army Man» und den Agententhriller «Imperium») und McGregor zum ersten Mal als Regisseur in Erscheinung tritt: Er hat den Roman «American Pastoral» von Philip Roth verfilmt.

Weitere klingende Namen sind Harvey Weinstein, Oliver Stone, Shailene Woodley, Joseph-Gordon Levitt, Jennifer Connelly und Woody Harrelson. In anderen Worten: Hollywood hat den Stellenwert des ZFF als Promotionsplattform endgültig erkannt, das Kerngeschäft des Festivals läuft wie geschmiert.

Talks und ein Kinderprogramm

Aber wie eingangs erwähnt: Das ZFF will weit mehr bieten als Starparaden im Blitzlichtgewitter. «Ein Fest fürs Kino. Ein Fest für alle» steht auf dem frisch gedruckten Programmheft, und diesem Motto will das ZFF mit diversen Attraktionen gerecht werden: Gratisvorführungen im Pavillon auf dem See, allerlei Talks, ein Amateur-Kurzfilmwettbewerb, ein Kinderprogramm mit Kinderjury.

Natürlich kann man auch hier wieder einwenden, solche Bemühungen seien überambitioniert und streberhaft. Aber man kann es auch positiv ausdrücken: Hier hat jemand seine Hausaufgaben gemacht.

Das detaillierte Festivalprogramm findet sich unter www.zff.com