Kino
«Meine Brüder starben einen wunderbaren Tod»

Elitesoldat Marcus Luttrell überlebte als Einziger einen Einsatz in Afghanistan – nun hat Hollywood sein Schicksal verfilmt. Regisseur Peter Berg bringt in «Lone Rider» die Geschichte mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle ins Kino.

Marlène von Arx
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Einsatz im afghanischen Hindukusch: Marcus Luttrell (Mark Wahlberg, 2.v. l.) überlebte als einziger Elitesoldat – der Rest seines Teams kam ums Leben.Universal Pictures

Einsatz im afghanischen Hindukusch: Marcus Luttrell (Mark Wahlberg, 2.v. l.) überlebte als einziger Elitesoldat – der Rest seines Teams kam ums Leben.Universal Pictures

Als mein erstes Kind geboren wurde, war ich mir meiner Verantwortung als Vater bewusst, aber ein Gefühl der Liebe verspürte ich nicht.

Wenn man so viele Kameraden begraben und selber den Kriegshorror mitgemacht hat, kommt einem das Einfühlungsvermögen irgendwann etwas abhanden», sagt Marcus Luttrell. Der 38-jährige «Purple Heart»-Ordensträger war Berufssoldat der Sonderklasse:

Als Navy Seal wurde er gedrillt, Schlimmes durchzustehen und dem Tod ins Auge zu sehen.

Einen solchen Einsatz erlebte er 2005 im afghanischen Hindukusch-Gebirge: Alle seine Teamgefährten kamen während der Operation Red Wings im Gefecht mit den Taliban um; Luttrell überlebte nur, weil ihn ein afghanischer Dörfler bei sich versteckte und sich damit selber in Lebensgefahr brachte.

Dies ist die Geschichte von «Lone Survivor», die Regisseur Peter Berg («Battleship») basierend auf Luttrells gleichnamigen Bestseller-Memoiren mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle fürs Kino inszeniert hat.

Einen Monat lang im Irak

Berg, ursprünglich als Schauspieler bekannt («Chicago Hope»), hat sich in den letzten Jahren als Hollywoods Regisseur etabliert, der zuständig für den Patriotismus ist:

In «Friday Night Lights» (2004) erklärte er die amerikanische Heldenpsyche noch durch die ländliche High-School-Football-Kultur.

In «The Kingdom» (2007) schickte er dann eine Anti-Terror-Spezialeinheit nach Saudi-Arabien, während im Sci-Fi-Militär-Streifen «Battleship» (2012) ein Navy-Lieutenant bis zum Äussersten geht, um einen ausserirdischen Angriff abzuwehren.

«Lone Survivor» ist nun jenen Super-Amerikanern gewidmet, die in fremden Landen ausführen müssen, was an Mahagoni-Tischen in Washington ausgeheckt wird.

«Ich glaube, dass es das Böse gibt in der Welt und dass man sich dagegen wehren muss», erklärt Berg, der das Seal-Leben ein Jahr lang erforschte und auch einen Monat mit Seals im Irak lebte.

«Ich denke, auch ein internationales Kinopublikum kann das nachvollziehen. Ob wir zu Recht oder Unrecht in Afghanistan oder Irak sind, bleibe dahingestellt.

Mein Patriotismusverständnis hat weniger mit Politik zu tun als mit Polizisten, Notfallhelfern, Feuerwehrleuten und Soldaten, die an etwas glauben, das grösser ist als sie selber, und deshalb zum Schutz anderer ihr Leben riskieren. Das kann statt im Krieg auch bei einem Erdbeben in Mexiko sein. Mir ist es wichtig, jenen Männern und Frauen Respekt zu zollen, die das Wohl anderer vor ihr eigenes stellen und im Fall von ‹Lone Survivor› wieder einmal zu zeigen, dass in einem Krieg gute Menschen sterben.»

Zu jenen guten Menschen zählt Berg Luttrells Team und dessen Paschtun-Retter Mohammad Gulab, mit dem Luttrell noch heute in Kontakt ist. Die Heimkehr als einziger Überlebender war nicht einfach für den 1,96-Meter-Mann: «Ich habe gute und schlechte Tage, an einem schlechten rufe ich Teamkollegen an oder rede mit meinem Bruder oder meiner Frau.» Inzwischen zweifacher Vater, kann Luttrell mit dem «Loch, dieser Dunkelheit im Innern», wie er seine Empathielücken beschreibt, jetzt besser umgehen und liebt heute seine Kinder über alles.

Seine gefallenen Kameraden vermisst er, aber von Schuldgefühlen, als Einziger überlebt zu haben, ist er nicht geplagt: «Wir sind Krieger, und ein Krieger will nicht an Altersschwäche oder einem bedeutungslosen Tod sterben. In diesem Sinn starben meine Brüder einen wunderbaren, ehrenvollen Tod. Das werde ich ihnen nicht nehmen, indem ich sage, er sei unnötig gewesen. Es war Krieg, wir kämpften und hatten am Schluss einfach weniger Munition und weniger Blut als die Gegenseite.»

Ähnlich fatalistisch betrachtet angeblich auch Mohammad Gulab sein Schicksal, seit er den verwundeten US-Soldaten aus blosser Gastfreundschaft tagelang bei sich versteckte. Aus Sicherheitsgründen verliess er sein Dorf, Kopfgeld ist auf ihn ausgesetzt und sein Auto wurde schon in Brand gesteckt. «Aber er hat gesagt: Müsste er sich noch einmal entscheiden, würde er mir wieder helfen», so Luttrell. «Denn das sei das Richtige, und Gott habe es so gewollt.»