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Kaltblütige Attentäterinnen im Dienste Nordkoreas oder bloss unschuldige Marionetten?

Sie haben den Halbbruder von Nordkoreas Diktator Kim Jong-un umgebracht. Vermutlich aus Versehen. Wie es dazu kam, zeigt ein Dok-Film.

Daniel Fuchs
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Mörderinnen und Opfer: Siti Aisyah und Doan Thi Huong.

Mörderinnen und Opfer: Siti Aisyah und Doan Thi Huong.

Bild: ZVG

Prank-Videos, zu Deutsch: Streiche mit versteckter Kamera, sind ein beliebtes Genre in den sozialen Medien. Zwei junge Frauen glauben 2017 Teil einer Youtube-Show zu sein. Doch sie werden verhaftet wegen Mordes an Kim Jong-nam, dem Halbbruder des nordkoreanischen Herrschers Kim Jong-un.

Kim Jong-nam auf einer Aufnahme von 2010.

Kim Jong-nam auf einer Aufnahme von 2010.

Yonhap / EPA/YNA

Jong-nam betritt am 13. Februar 2017 den Flughafen von Kuala Lumpur, Malaysia. Die beiden Frauen, die Indonesierin Siti Aisyah und die Vietnamesin Doan Thi Huong, nähern sich ihm, erschrecken ihn und reiben eine Substanz in sein Gesicht. Die Täterinnen eilen davon, das Opfer sucht den Notfall auf. Eine Stunde später ist Jong-nam tot, vergiftet mit dem Nervengift VX. Alles aufgenommen von Überwachungskameras, im Dokumentarfilm «Assassins» des Amerikaners Ryan White sind die Aufnahmen mit Interviews und Prozessbildern zur 100-minütigen Geschichte verdichtet.

Herrscher Nordkoreas: Kim Jong-un.


Herrscher Nordkoreas: Kim Jong-un.

AP

Die vermeintlichen Täterinnen waren rasch identifiziert, die wahren Täter bleiben bis heute ohne Strafe. Neue Einsichten bietet der Film nicht. Das mag daran liegen, dass der Fall und der nachfolgende Prozess ein Medienspektakel sondergleichen waren. Für die Annahme, dass das Regime in Nordkorea Kim Jong-nam aus dem Weg räumen liess, spricht einiges. Jedenfalls implizieren frühere kritische Aussagen Kim Jong-nams gegenüber der Herrscherdynastie in Nordkorea sowie nach dem Mord aufgetauchte Beweise, wonach Jong-nam mit den USA kooperierte, dass der abtrünnige Halbbruder auf der Abschussliste Jong-uns gestanden haben muss.

Stattdessen konzentriert sich der Film auf die Frauen. «Waren sie von Nordkorea ausgebildete Attentäterinnen, die wussten, was sie tun, oder bloss Schachfiguren des Regimes und unschuldig?», fragt der Film.

Aus einem Streich wurde tödlicher Ernst

Der Dok zeichnet das trostlose Bild zweier nach Malaysia emigrierter junger Frauen nach, die verführt von den Möglichkeiten der Big City und der auf Social Media inszenierten Schoggiseite des Lebens an die falschen Leute geraten. Die Anwerber rekrutieren sie mit Geldversprechen für lustige Videos.

Hier geht's zum Trailer von «Assassins»:

Youtube

Die Streiche sind in Wahrheit ein Ausbildungsprogramm. Auch am Flughafen ziehen sie ihre Show ab. Dort wird ihnen Babyöl auf die Hände geschmiert, die sie in die Gesichter ahnungsloser Passanten drücken. Am Tag X ist es kein Babyöl, sondern Gift. Und der Passant heisst Kim Jong-nam.

Waren sie naiv, dumm? Vielleicht. Doch was schwerer wiegt, ist der perfide Plan, der sie zu blossen Marionetten machte. Und diese Degradierung vom Menschen, der nichts Böses im Schilde führt zur blossen Tötungsmaschine, thematisiert dieser Film.

«Assassins» (USA 2020, 104Min.). Regie: Ryan White. Jetzt im Streaming auf VoD-Portalen.