Joiz-Konkurs
«Man muss kein Mitleid haben mit den Ex-Mitarbeitern»: Moderatorin Gülsha über das Lichterlöschen bei Joiz

Der Schweizer Jugendfernsehsender joiz ist Konkurs und wird geschlossen. Und das sagt das Aushängeschild Gülsha dazu.

Gülsha
Drucken
Teilen
Moderatorin Gülsha: Sie war eines der Aushängeschilder bei Joiz – auf diesem Bild ging sie für einmal beim grossen Bruder SRF fremd.

Moderatorin Gülsha: Sie war eines der Aushängeschilder bei Joiz – auf diesem Bild ging sie für einmal beim grossen Bruder SRF fremd.

SRF

In grauen H&M-Unterhosen und oben ohne sitze ich vor meinem Laptop. Nein, nicht weil ich gerne nackt schreibe wie ... – irgendeine Frau hat doch ausschliesslich nackt an ihrem Buch, verdammt, wer war das denn? Egal, ich google es später. Oder du schreibst es mir in die Kommentarzeile, abwechselnd mit heissspritzendem Hass gegenüber Joiz.

Darum geht es nämlich hier: um den Untergang von Joiz und was ich als Aushängeschild so darüber denke. Und in Kommentarzeilen kommt ja das übel riechende Innere von irgendwelchen Trollen nie zu kurz, egal, worüber man schreibt. Nackt bin ich, damit ich schreiben kann, ich sei blankbusig vor dem Rechner und so hätte ich schon einen knackig sexy Einstieg. Es hat geklappt, du liest immer noch.

«Emily platzte fast for Stolz, als 2013 eine Gratis-Tageszeitung einen meiner ironischen Sprüche in eine reisserische Schlagzeile verwandelte – ‹Alte Menschen stinken›, you remember?»

Wegen Nackt-Schreib-Aktionen habe ich einen Paranoia-Kleber liebevoll über meine Laptop-Kamera gepflastert. Emily, sie arbeitete bis Montag, den 22. August 2016, bei diesem «Transmedialen-Crossmedia-Internet-Komm-Chatte-Mit»-Sender Joiz, überklebt sogar ihre Smartphone-Frontkamera. Auf Facebook markiert sich Emily manchmal auf falschen Fotos, um – wie sie mit ihrem knuffigen kanadischen Akzent sagt – die NSA zu verwirren. Gemeinsam liefen wir den Mammutmarsch, 14 Stunden und 60 km durch Deutschland. In dieser Nacht erzählte sie mir humpelnd irgendwelche Shakespeare-Geschichten, damit, wie sie sagte, ich mich nicht weinend am Waldrand der Blairwitch opfere. Wir tranken gemeinsam am Hansi Hinterseher-Konzert, um Sharknado auszuhalten oder bei Liebeskummer.

Bei unzähligen Freitagsapéros im Büro holten wir abwechslungsweise das gute Bier und stiegen erst ab 20.00 Uhr auf das «Kühle Blonde» um, das Anker-Bier unter den Aldi-Bieren, welches jeden einzelnen Freitag von Joiz gesponsert wurde (ich blieb bei Quöllfrisch, das Leben ist viel zu kurz für schlechtes Bier).

Emily platzte fast for Stolz, als 2013 eine Gratis-Tageszeitung einen meiner ironischen Sprüche in eine reisserische Schlagzeile verwandelte – «Alte Menschen stinken», you remember? Ich glaube, den ausgeschnittenen Artikel hat sie noch immer. Täglich sassen wir Rücken an Rücken in diesem riesigen, ab und zu nach Turnhalle müffelnden Grossraumbüro und hauten fünf halbstündige Sendungen pro Woche über den Äther. Aus einer introvertierten kanadischen TV-Produzentin und einer extrovertierten Ostschweizer Moderatorin wurden Freunde.

«Viele grossartige Menschen mit Köpfen voller grandioser Ideen»: Gülsha über ihre Mitstreiter.

«Viele grossartige Menschen mit Köpfen voller grandioser Ideen»: Gülsha über ihre Mitstreiter.

Keystone

Praktisch jeder der Joiz-Garde kann Ihnen hunderte solcher Geschichten erzählen; darunter auch Liebesgeschichten und ein, zwei Sodom-und-Gomorrha-Storys. Joiz hat auch meinen Freundeskreis und mein Wissen über Geschlechtskrankheiten um ein Vielfaches vergrössert. Dank diesem Sender wurden so viele grossartige Menschen mit Köpfen voller grandioser Ideen in einer Redaktion vereint und durften angstfrei ihre Vorstellung von TV-Machen leben. Naja, nicht immer.

«Das, was wir machen durften, die Menschen, die wir kennenlernen konnten, und die Fehler, die man uns erlaubte, wiegen die plötzliche Arbeitslosigkeit um Längen auf.»

Nervigerweise kam jede Woche jemand von der Sales-Abteilung und wollte, dass wir doch bitte hier noch den Appenzeller-Käse in die Kamera halten und dort doch bitte noch während der Talk-Sendung ein Kilo Chips essen. Der Sales-Mensch hatte auch ein Konzept für Kaugummi entwickelt und da durfte man dann für eine Sendung verschiedene Disziplinen mit so viel Würde wie möglich durchjagen an den, das ist kein Scherz, Blowlympics. Im Nachhinein ein sehr kleiner Preis für das, was man während der Joiz-Ära erleben und mitgestalten durfte. Und am Freitagsapéro konnte man sich dann jeweils streiten, wer die schlimmste Integration in seine Sendung reindrücken musste.

Via «Facebook Live»: So hatte die Joiz-Crew das Aus kommuniziert.

Man muss kein Mitleid haben mit den Ex-Joiz-Mitarbeitern: Das, was wir machen durften, die Menschen, die wir kennenlernen konnten, und die Fehler, die man uns erlaubte, wiegen die plötzliche Arbeitslosigkeit um Längen auf. Und manchmal ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn das Schicksal einen mit einem Roundhousekick aus der Comfortzone schleudert – so ist man gezwungen, alles neu zu beurteilen, und vielleicht entscheidet sich der Sales-Mensch ja, nach Patagonien zu reisen, um Bilder von wilden Pferden zu schiessen, die er dann für Collagen zerschneidet und neu zusammenklebt, so mit Kopf am Bauch und Ohren am Fuss. Oder er schreibt nackt an seinem ersten Bestseller.

Joiz hat fertig, die Menschen, die bei Joiz gearbeitet haben, noch lange nicht. Wir haben gelernt, keine Angst zu haben und einfach mal auszuprobieren. Falls Sie also in Feuerland nackte Reiter entdecken, es könnte einer von uns sein.

«Geschäftsmodell statt Role Model»

Das Ende von Joiz sei absehbar gewesen, Schuld daran die wachsende wirtschaftliche Abhängigkeit des Senders: Dieses Fazit zieht der ehemalige Mitarbeiter Knackeboul. «Was ich als rebellisches Konzept zur Aufmischung der hiesigen Medienwelt wähnte, verkam kontinuierlich zu einer Sponsoren-Befriedigungs-Maschine, die über Soziale Medien Verbreitung und Einnahmen suchte – ein Geschäftsmodell statt ein Role Model», schreibt der Moderator in einem Beitrag für die«Tages Woche». Das ständige Mitmischen von Marketing-Abteilungen bei Inhalten habe dem Sender einen faden Beigeschmack verliehen. Joiz sei im Dilemma gewesen, authentisch jugendlichen Inhalt gewinnbringend vermarkten zu müssen. Darunter hätten «Inhalt und Glaubwürdigkeit» gelitten. Laut Knackeboul ist es ein Fehler, mit finanziellen Mitteln Viralität herzustellen zu wollen. «Joiz hat ihn auch gemacht und ist daran zugrunde gegangen.» (kad)

Aktuelle Nachrichten