Kino oder Streaming?
Von Netflix und Versäumnissen der Solothurner Filmtage lernen: Diese Frau erfindet das Filmfestival neu

Nach der Pandemie füllen sich die Kinosäle wieder. Ein Filmfestival setzt trotzdem auf Streaming. Warum soll man da überhaupt noch hin?

Daniel Fuchs
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Will ihr Festival auch längerfristig mit einem Online-Angebot ergänzen: Emilie Bujès, Direktorin des Visions du Réel in Nyon.

Will ihr Festival auch längerfristig mit einem Online-Angebot ergänzen: Emilie Bujès, Direktorin des Visions du Réel in Nyon.

Alexandra Wey/Keystone

In einer Sache tickt Emilie Bujès wie die meisten in ihrer Branche. Die Direktorin des Dokumentarfilmfestivals Visions du Réel in Nyon überschäumt fast vor Freude, wenn sie das gemeinsame Filmerlebnis im Kinosaal anspricht, die Emotionen, die einen im Dunkeln unter vielen Menschen stärker erfassen als zu Hause auf der Couch. Seit Donnerstag werden am Genfersee wieder Dokumentarfilme aus aller Welt gezeigt, darunter viele aus der Ukraine und Russland mit mehr oder weniger aktuellem Bezug zum Krieg.

Dass das Festival mit der Zeit geht, liegt nicht indes nur am Programm, sondern auch an der Form. Und diese ist nach den Pandemiejahren nicht mehr eingeschränkt von einem Virus. In Nyon freut man sich nach zwei Online-Ausgaben wieder auf ein Publikumsfestival.

Die Reise nach Nyon soll künftig nicht mehr nötig sein

Ein qualitativ hochstehender Film gehört ins Kino. Dieser Ansicht ist zwar auch Emilie Bujès, aber das Primat des Kinos zählt für sie einen Tick weniger als für andere in ihrer Zunft. «Dass ein Film ausschliesslich im Kino laufen soll, kann nicht das einzige Ziel sein, schon gar nicht für die meisten der Filme, die an Festivals wie in Nyon laufen», sagt die 41-Jährige, die seit vier Jahren das Visions du Réel leitet.

«Wir in Nyon wollen zuallererst Filme sichtbar machen und so viele Menschen wie möglich erreichen.»

Folgerichtig flankiert Nyon das Festival vor Ort mit einem Online-Angebot. Für rund 60 Filme sind ab Montag je 200 Streaming-Zugänge erhältlich. Für die Filme muss man also nicht mehr extra an den Genfersee reisen.

Das Filmfestival Nyon setzt auf die Karte hybrid und geht einen anderen Weg als etwa die Solothurner Filmtage. Solothurn sorgte zuletzt für Kopfschütteln, als es in seiner Ausgabe im Januar, just am Peak der Omikron-Welle, auf Publikumsveranstaltungen pochte und nach einer Online-Ausgabe 2021 nicht nur das Streamingangebot rückgängig machte, sondern, wie es schien, gleich sämtliche Verbindungen ins Internet kappte. Der ganze Aufwand der Pandemieausgabe für die Katz’!

Emilie Bujès in Nyon geht es gar nicht primär darum, die Arbeiten der letzten beiden Jahre in die postpandemische Ära zu retten. Die Frau hat eine Mission. Ihr geht es darum, dass Filme nach einer Premiere an einem Spartenfestival wie Nyon nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. «Die wenigsten Filme bei uns starten jemals regulär im Kino, ihren einzigen Kinoauftritt haben sie in Nyon.»

Volle Ränge bei der letzten Vor-Corona-Ausgabe: Bundesrat Alain Berset besuchte 2019 das Vision du Reél.

Volle Ränge bei der letzten Vor-Corona-Ausgabe: Bundesrat Alain Berset besuchte 2019 das Vision du Reél.

Nicolas Bodard/Visions du Reel

Bujès will darüber hinaus die Menschen aus anderen Landesteilen am Festival teilhaben lassen und jene, die gar nicht in der Lage sind, hinzupilgern.

Letztes und vorletztes Jahr mussten Bujès und ihr Team sehr kurzfristig umorganisieren. 2020 verlagerte sich das Festival nur fünf Wochen nach dem Lockdown komplett in den virtuellen Raum. Im Jahr darauf, eigentlich als reines Online-Festival geplant, verkündete der Bundesrat just am Tag der Eröffnung des Visions du Réel, dass Kinovorstellungen wieder möglich sind. Über Nacht wurden in Nyon Kinovorführungen aus dem Boden gestampft.

Das Visions du Réel zählt als erstes Hybrid-Filmfestival überhaupt. Die Zugriffszahlen gaben dem Festival recht. Nur logisch, dass man in Nyon diesen Weg auch künftig weitergeht.

Die schwierige Suche nach dem richtigen Rezept

Ein hybrides Festival zu planen, heisst, freilich zweigleisig zu fahren. Der Mehraufwand ist gewaltig. In Solothurn machte man sich zwar Gedanken dazu, liess die Idee letztlich aber fallen. Die letztes Jahr abgesetzte Filmtage-Direktorin Anita Hugi hatte den Online-Ausbau zwar vorangetrieben, seit diesem Jahr heisst es an der Spitze der Filmtage aber: «Ein hybrides Festival entspricht nicht unserer Vision.»

Für Emilie Bujès in Nyon passen online und Präsenz derweil gut zusammen. Wie organisiert man so etwas?

«Wir haben die Produktionsfirmen angefragt, ob sie einverstanden wären damit, dass wir einen Teil der Eintritte via Streaming anbieten.»

Auf die 60 Anfragen seien gerade einmal vier Absagen zurückgekommen. Allesamt waren es laut Bujès Filme, die bereits einen Schweizer Verleiher hatten, also noch auf einen offiziellen Kinostart hoffen.

Die Frage der Auswertung an der Kinokasse ist für die Filme zentral. Wer auf gute Einspielergebnisse hoffen kann, der wird seinen Film weniger gern vorher freigeben fürs Streaming. Doch auch das Festival selbst steht vor der existenziellen Frage, ob ein Online-Angebot nicht das Angebot vor Ort kannibalisiert. Für Bujès lag darin die grosse Herausforderung.

Es brauchte also Kreativität. Und man fand eine Lösung: Einerseits traf das Festival eine Auswahl. Die 60 Filme im Streaming sind nur ein Teil des Angebots in Nyon (insgesamt werden rund 120 Neuheiten gezeigt). Andererseits ist das Streamingangebot zeitversetzt. Das Wochenende gehört ganz den Veranstaltungen vor Ort, erst am Montag gehen die Filme ins Streaming.

Und hier liegt der Grund, weshalb die Rechnung am Schluss aufgehen könnte: Es wird nicht im Voraus verraten, welche Filmtitel ab Montag im Streaming landen. Wer also den einen Film unter keinen Umständen verpassen will, der reist am besten trotz Streamingangebot nach Nyon.