Schweizer Film
Jetzt beginnt die Online-Version der Solothurner Filmtage. Ist das Festival auf der Höhe der Zeit?

Das Filmprogramm zeigt: Die Beiträge sind hochaktuell. Warum aber fehlen im Jahr 2021 bei einem Online-Festival die Filmtrailer?

Daniel Fuchs
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Der mühsame Weg zurück ins Leben: Szene aus «Atlas».

Der mühsame Weg zurück ins Leben: Szene aus «Atlas».

Imagofilm

Der Eindruck täuscht: Der Film über die Geschichte Jesu, «Das neue Evangelium» von Milo Rau, behandelt nicht bloss 2000 Jahre alten Stoff, sie ist höchst aktuell. Die Mischung aus Dokumentation und Spielfilm zeigt einen dunkelhäutigen Jesus mit seinen Jüngern, den Verrat und die Kreuzigung.

In Italien gestrandete Flüchtlinge, die als Erntehelfer ausgenützt werden, spielen als Laiendarsteller die Hauptrollen. Und mit dem Mix aus Passionsgeschichte, dokumentiertem Elend und Kapitalismuskritik animiert er die Zuschauer zur Reflexion, wenn sie das nächste Mal vor dem Einkaufsregal mit Tomaten oder Sugo aus Italien stehen.

Die wichtigsten Infos

Online-Festival vom 20. bis 27. 1.2021

Mi, 20. 1. Feier mit dem Eröffnungsfilm «Atlas» auf SRF 2.
Mo, 25. 1. «Nacht der Nominationen»: Bekanntgabe der Anwärter für den CH Filmpreis.
Di, 26. 1. Preisvergaben von Jury und Publikum.

Rund 20 Filme stehen täglich online, können für zehn Franken gemietet und während drei Tagen gestreamt werden. (dfu)

Rau zeigt: Das Flüchtlingselend liegt nicht so weit von uns entfernt. Und fragt: Warum sehen wir einfach weg? Schlummert gar in jedem von uns ein Rassist? Der Film wartet mit einigen unbequemen Antworten auf. Nun bekommt ihn endlich auch die Schweizer Öffentlichkeit zu sehen. «Das neue Evangelium» steht im Rennen um den Haupt-Jurypreis der Filmtage Prix de Soleure.

Schwarzer Jesus auf dem Weg nach Golgatha: «Das neue Evangelium».

Schwarzer Jesus auf dem Weg nach Golgatha: «Das neue Evangelium».

Armin Smailovic

Flüchtlinge, Traumata, Terror: Themen sind aktuell

Der Film steht exemplarisch für das sehr aktualitätsbezogene Programm dieses Jahr. Die Filmtage bilden das Schweizer Filmschaffen ab. 2020 anlässlich der 55. Ausgabe fiel auf: Der Schweizer Film suhlt sich gern in der Vergangenheit. Das ist dieses Jahr anders. Zu den aktuellen und universellen Stoffen gehö­ren neben den Flüchtlingen der Klimawandel und etwa die schwierige Vergangenheitsbewältigung traumatisierter Menschen. Ein Beispiel dafür ist «Atlas», der das Festival am Mittwochabend eröffnet (live im Fernsehen) und im Rennen um einen Publikumspreis steht. Darin thematisiert der Tessiner Niccolò Castelli den schwierigen Gang einer jungen Frau zurück in den Alltag. Sie hatte als Einzige einer Reisegruppe einen Terroranschlag überlebt.

Filmemacherin Alice Schmid stellt sich ihren «Burning Memories».

Filmemacherin Alice Schmid stellt sich ihren «Burning Memories».

Outside the Box

Ungeschönt auch die Geschichte, der sich die Luzerner Filmemacherin Alice Schmid in «Burning Memories» (für Prix de Soleure nominiert) annimmt: ihre persönliche Konfrontation mit der verdrängten Vergangenheit als Opfer von Missbrauch.

Vielversprechend und aktueller denn je: die Geschichte, die der schweizerisch-britische Regisseur Marc Raymond Wilkins erzählt. In «The Saint Of The Impossible» geht es um aufstrebende Sans-Papiers in New York. Was wie eine American-Dream-Geschichte daherkommt, entwickelt sich im Filmverlauf zum Albtraum. Der Film steht im Wettbewerb ums beste Début.

In «The Saint of The Impossible» drohen sie alles zu verlieren.

In «The Saint of The Impossible» drohen sie alles zu verlieren.

Dschoint Ventschr

Wo nur bleiben online die Filmtrailer?

Die Themen versprechen einen hohen Aktualitätsgrad. Auch die Filmtage mussten in die Gegenwart geholt und in ein Onlinefestival überführt werden, weil Publikum verboten ist.

Für einmal kriegen Festivalgänger also nicht kalte Füsse beim Anstehen vor einem Solothurner Kino. Den Weg dorthin kann man sich dieses Jahr sparen. Stattdessen wählt man die Filme bequem vom Sofa aus an. Dazu haben die Organisatoren um Direktorin Anita Hugi eine neue Website aufgeschaltet. Ein erster Besuch endet allerdings in Ernüchterung. Wer sich vor der Filmwahl Infos holen will, der findet nur spärlich Material. Die Pandemie sollte immerhin zu einem führen: Die Filmtage in die digitale Zukunft überführen, versprach man sich in Solothurn. Leider aber ist die Plattform nicht State of the Art. Nach Trailern für viele der Filme sucht man jedenfalls vergeblich.

Das sei, weil es für manche Filme noch gar keine Trailer gebe, heisst es dazu bei den Filmtagen. Festivalfilme werden oft auf den letzten Drücker fertig, Trailer jedoch häufig erst auf den Kinostart hin lanciert. Das Konzept eines Online-Festivals ist in der Branche also noch nicht ganz angekommen.

Hier geht's zum Programm der Solothurner Filmtage.