Grosses Kino
Film-Hit «Drive My Car»: Der rote Saab schützt ihn vor der Welt

Auch Barack Obama setzte den japanischen Spielfilm auf seine Best-of-2021-Liste. Wieso wird «Drive My Car» so gefeiert? Weil er das betont, was uns alle miteinander verbindet. Drei Stunden Balsam für die Seele.

Regina Grüter
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Gern am Steuer: Seine Frau Oto (Reika Kirishima) durfte bei Kafuku (Hidetoshi Nishijima) immer mitfahren.

Gern am Steuer: Seine Frau Oto (Reika Kirishima) durfte bei Kafuku (Hidetoshi Nishijima) immer mitfahren.

Bild: Sister Distribution

Die Frau sitzt aufrecht im Bett und erzählt eine Geschichte. Von einem Mädchen, das immer wieder in die Wohnung ihres Schwarms einbricht, etwas aus seinem Zimmer mitnimmt und etwas von sich dort zurücklässt. Der Mann hört im Liegen, den einen Arm unterm Kopf, aufmerksam zu. Tokio jenseits des Panoramafensters liegt in der Dämmerung.

Oto und Kafuku haben gerade Sex gehabt. Später sitzen sie zusammen im Auto, und Kafuku erzählt seiner Frau dieselbe Geschichte wie sie vorher ihm.

Es ist der elegante und rätselhafte Einstieg in «Drive My Car», der nach dem Drehbuchpreis in Cannes auf diversen internationalen Festivals zu Gast war und die Jahres-Best-of 2021 einiger renommierter US-Kritikerverbände anführt.

Auch für den erklärten Cineasten Barack Obama ist die Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte von Haruki Murakami einer der besten Filme des letzten Jahres. Eine Oscarnominierung in der Kategorie «Bester Internationaler Film» dürfte reine Formsache sein.

Verlust, Schuldgefühle und Verzweiflung

Murakami ist ein scharfer Beobachter. In seinen Geschichten passiert nicht viel, sie schreiten langsam voran. Zwischen den Zeilen aber baut er eine Stimmung auf, ein Gefühl, das sich beim Lesen einstellt, was man als eigentlichen Kern bezeichnen kann. Es ist dieser Kern, den Regisseur Ryusuke Hamaguchi zu fassen versucht. Und es gelingt ihm. Sogar mehr als das.

Nach «Burning» des Südkoreaners Lee Chang-dong ist «Drive My Car» die zweite Murakami-Verfilmung innert dreier Jahre, die als eigenständiges Werk neben der Vorlage bestehen kann. Der Thriller «Burning» ist ein mysteriöser Film, der den Betrachter in einem ebenso schwer zu erklärenden sanften Strom mitreisst. Dasselbe gilt für «Drive My Car». Nur ist hier das Mysteriöse bei näherer Betrachtung gar nicht mysteriös. Der Regisseur spielt nur mit dem Wissen der Zuschauer.

Die ersten 40 Minuten beschreiben die Beziehung des Paares Oto und Kafuku, sie Drehbuchautorin fürs Fernsehen, er Theaterschauspieler und Regisseur. Man erfährt, dass ihre Tochter mit vier Jahren gestorben ist und was es mit den After-Sex-Geschichten auf sich hat. Auch, dass Oto ihn betrügt und er dabei wegsieht – aber nicht wieso.

Als Oto unerwartet an einer Gehirnblutung stirbt, weiss er nicht, was sie ihm an jenem Abend sagen wollte. Er ist mit dem Auto umhergefahren, seinem geliebten Saab 900. Es ist sein intimster Raum, wo er sich auf seine Rollen vorbereitet und sich vor der Welt schützt. Oto hat ihm «Onkel Wanja» auf Kassette gesprochen.

Zwei Jahre später wird er für ein Festival in Hiroshima als Regisseur des Tschechow-Stücks engagiert.

Weil es einmal einen Unfall gab, muss die Leitung Kafuku aus versicherungstechnischen Gründen einen Fahrer stellen. Es ist die verschlossene 23-jährige Misaki.

Bald empfindet Kafuku ihre Gegenwart nicht mehr als unangenehm. Gemeinsam schweigen sie und hören immer und immer wieder das Stück. In der Mitte des Films, nach eineinhalb Stunden, beginnen sie, miteinander zu reden.

Verständigung jenseits ­ von Worten

Hamaguchi («Wheel of Fortune and Fantasie») ist bekannt für seine langsamen Filme mit melodramatischem Einschlag. Nur ist das eine japanische Melodramatik: Sie ist weder laut noch bunt. Gefühle werden nicht an die grosse Glocke gehängt, sie zeigen sich nur leise und langsam. «Drive My Car» ist auch ein Film über Sprache und Verständigung jenseits von Worten. Und das einzig Farbige ist dieser rote Saab 900; das Auto als Metapher für einen Mann, dessen Gedanken und Gefühle sich in einer Endlosschlaufe drehen, wie er und Misaki jeden Tag zweimal die gleiche Strecke fahren, von der Unterkunft am Binnenmeer zur Arbeit in der Stadt und wieder zurück.

Gegen Ende sitzen sie vorne nebeneinander und rauchen bei geöffnetem Dach, strecken die Hand mit der Zigarette empor. Es ist der filmische Code für Freiheit. Nur wenn man Gefühle zulässt und mit jemandem teilt, lebt man. Es ist eine Binsenwahrheit. Und das Wesen grosser Kunst, sie für andere sichtbar zu machen.

«Drive My Car» (JPN 2021), 179 Min., Regie: Ryusuke Hamaguchi, jetzt im Kino.

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