Hierzulande sorgt «No Billag» für Diskussionen über Aufgabe und Wandel der Medien. Darüber denkt derzeit auch der US-Regisseur Steven Spielberg nach. Grund ist sein neuster Film «The Post», in dem die Verlegerin der «Washington Post», Katharine Graham, 1971 entscheiden muss, ob sie die durchgesickerten «Pentagon Papers» veröffentlichen und sich allenfalls des Landesverrats schuldig machen soll. Die geheime Studie der Regierung legte dar, dass der Vietnam-Krieg nicht zu gewinnen sei.

Trotzdem wurden jahrelang weiter junge Amerikaner in den sinnlosen Krieg geschickt. Bekanntlich stehen regierungskritische Medien auch heute unter Beschuss in den USA. Obwohl Spielberg bekennender Demokrat ist, vermittelt er im Gespräch nicht den Eindruck eines militanten Filmemachers. Viel mehr strahlt er die Versöhnlichkeit eines Mannes aus, der in seiner bald 50-jährigen Karriere viele seiner eigenen Wünsche erfüllen konnte.

Es heisst, Sie hätten noch nie einen Film so schnell umgesetzt wie «The Post». Weshalb die Eile?

Steven Spielberg: Ich habe am Sci-Fi-Film «Ready Player One» gearbeitet, als ich letzten Februar das Drehbuch zu «The Post» zu lesen bekam. Das Timing war unglaublich. Diese Geschichte, wie die Regierung damals mit der Wahrheit umging, wie das die Presse konterte und was dabei herauskam, musste man sofort erzählen. Ich konnte nicht warten, bis ich in der zweiten Hälfte 2018 wieder frei war. Also habe ich – nicht zum ersten Mal – an zwei Filmen gleichzeitig gearbeitet und «The Post» in neun Monaten fertiggestellt.

Die Wahrheit scheint im Gegensatz zu 1971 heute keine Konsequenzen mehr in der amerikanischen Politik zu haben. Oder wie sehen Sie das?

Ich glaube, dass jeder nach der Wahrheit strebt, aber es gibt auch Leute, die nur hören wollen, was sie bereit sind zu hören, auch wenn das nicht der Wahrheit entspricht. Heute im Zeitalter von «Fake News» gibt es im Internet und auf Social Media so viel Lärm und Missinformation, dass man sich wirklich anstrengen muss, die Wahrheit zu finden. Als ich ein Jungspund war, wurde sie mir einfach von den Eltern oder der Zeitung serviert. Wenn die mir etwas sagten oder ich etwas las, glaubte ich das. Das ist heute anders.

Die üblichen Klischees Filmszene aus der Redaktion.

Die üblichen Klischees Filmszene aus der Redaktion.

Ist «The Post» eine indirekte Kritik an der Trump-Administration?

Es ist offensichtlich, dass der Film uns einen Spiegel vorhält. Nixon war ein Präsident, der die Wahrheit nicht in solchen Ehren gehalten hat, wie sie es verdient – da gibt es also ganz klar Parallelen zu heute. Aber ich habe den Film nicht als Demokrat gemacht. Ich halte den Film für unparteiisch und patriotisch. Ich glaube an die Pressefreiheit. Die Journalisten sind die Helden in dieser Geschichte. Mit der Veröffentlichung der Pentagon Papers und dann Watergate wurden die «Washington Post» und die «New York Times» so etwas wie die vierte Gewalt im Staat. Dass diese heute hinterfragt wird, halte ich für falsch.

Glauben Sie, dass der Film etwas bewirken kann, das zu ändern?

Ich glaube durchaus, dass Filme etwas bewirken können, denn sie können ein komplexes Thema verständlich machen. Ich hoffe natürlich, dass der Film den Leuten ins Bewusstsein ruft, was es für einen Effort braucht, die Wahrheit zu finden und zu drucken. Das ist in meinen Augen wichtiger, als den Glanzzeiten der Print-Medien nachzutrauern. Print ist im digitalen Zeitalter eine Antiquität, aber die Wahrheit wird nie eine Antiquität sein.

In der Schweiz wird über eine Initiative abgestimmt, die das mehrheitlich durch das Volk finanzierte Radio und Fernsehen abschaffen würde. Für wie wichtig halten Sie Medien mit Service-public-Auftrag?

Durchs Volk finanziertes Radio und Fernsehen ist sehr wichtig, denn sie vertreten das Interesse aller. Wir haben in den USA das National Public Radio NPR und das Public Broadcast System PBS. Da bin ich schon seit Jahren Abonnent. NPR macht wirklich wunderbare Podcasts, die dem Radio ein Comeback verschafft haben. Für mich ist es eine neue Art zu absorbieren, wie sich das Volk fühlt. Man kann zuhören und sich in etwas vertiefen, ohne in einen Bildschirm starren zu müssen. Und Zuhören ist etwas, wovon die Welt zurzeit viel mehr gebrauchen könnte. Wir hören einfach nicht genug zu. Deshalb gibt es so viel Geschwätz, das in die Sackgasse mündet.

Sie haben vor «The Post» noch nie mit Meryl Streep gearbeitet. Wie ist das möglich?

Schwer zu glauben auch, dass Tom Hanks und Meryl Streep noch nie einen Film zusammen gemacht haben! Sie passte halt nicht in «War Horse», und in «Lincoln» hatte es auch keine Rolle für sie – obwohl Daniel Day-Lewis bei den Oscars sagte, sie wäre die erste Wahl gewesen. Ich kenne Meryl seit vielen Jahren privat, weil wir beide gute Freunde von Carrie Fisher waren. Wir haben oft phantasiert, dass wir eines Tages zusammen arbeiten werden. Für die Rolle der Verlegerin Katharine Graham, die in der Männerwelt ihre Stimme fand, kam dann wirklich niemand anderes als Meryl infrage. Ich bin stolz, dass ich der Regisseur sein durfte, als sie sich als Schauspielerin einmal mehr selber übertraf.

Macht beziehungsweise die Ohnmacht von Frauen in Hollywood ist derzeit ein grosses Thema in Hollywood …

Das stimmt. Ich bin froh, haben die Missbrauchsopfer nun auch ihre Stimme gefunden. Ich glaube, die Horror-Show der letzten Monate ermöglicht es ihnen nun, ihre Scham und Opfergefühle überwinden zu können – egal, was ihnen passiert ist und ob es vor fünf Minuten oder vor 40 Jahren geschah.

Sie haben immer mit Frauen in wichtigen Positionen gearbeitet. Woher kommt das?

Das stimmt. Kathleen Kennedy hat meine Produktionsfirma Amblin viele Jahre lang geleitet. Laurie MacDonald hat mit Walter Parkes DreamWorks zwölf Jahre lang geführt, und danach kam Stacy Snider. Und ich halte auch jetzt Ausschau für eine Frau, die die neue Inkarnation von Amblin übernimmt. Vermutlich kommt das von meiner Beziehung zu meiner Mutter her, mit der ich eher ein freundschaftliches als ein Eltern-Kind-Verhältnis hatte.

Was haben Sie von ihr gelernt?

Von ihr habe ich gelernt, Beziehungen zu managen, vor allem mit schwierigen Persönlichkeiten. Frauen können besser eine Familien-Atmosphäre schaffen, und in diesem Ambiente bin ich auch am kreativsten – jedenfalls fühle ich mich besser, als wenn ich wie bei «Saving Private Ryan» drei Monate lange nur um Männer herum bin.

Ob es Katharine Graham in der Männerwelt ähnlich erging? Kannten Sie die Verlegerin persönlich?

Ich habe sie einmal getroffen: Mein Geschäftspartner David Geffen stellte mich ihr vor, als ich mit «Saving Private Ryan» in Washington war. Er brachte mich in ihr Büro und liess mich mit ihr alleine. Aus einem kurzen Treffen wurde ein anderthalbstündiges Gespräch. Wie eine gute Verlegerin und Journalistin stellte sie mir aber zehn Fragen für jede Frage, die ich stellen konnte. Ihren Chefredaktor Ben Bradlee, im Film gespielt von Tom Hanks, kannte ich besser. Er war jahrelang mein Nachbar in Long Island, wo wir die Sommer verbrachten. Das Haus von Nora Ephron (Filmemacherin und Ex-Frau von Watergate-Journalist Carl Bernstein, Anm. d. Red.) war ebenfalls nur ein Steinwurf entfernt. Wir luden Tom Hanks und seine Frau Rita Wilson ein und erfreuten uns toller gemeinsamer Soirées.

Wenn wir schon von früher reden: Waren Sie politisch engagiert, als sich 1971 dieses Drama abspielte?

In meinem Kopf drehte sich alles um meine 16-mm-Filme, die ich im College realisierte. Ansonsten hoffte ich, nicht nach Vietnam eingezogen zu werden. Glücklicherweise hatte ich eine hohe Nummer, die nicht gezogen wurde. Von den Pentagon Papers habe ich ehrlich gesagt erst viel später etwas mitbekommen.

Inzwischen ist es 50 Jahre her, seit Sie und die jungen Filmemacher von damals wie George Lucas oder Martin Scorsese anfingen, Hollywood umzukrempeln. Wie erinnern Sie sich an jene Zeit?

Wir wollten Filme machen und hatten das Gefühl, niemand würde uns lassen. Francis war der erste, der mit «You’re a Big Boy Now» und «Der Pate» Erfolg hatte. Damit wurde er unser «Pate» und ermunterte uns, dranzubleiben und weiter unsere 16-mm-Filme zu drehen. Zum Glück gingen die anderen auf andere Filmschulen, so hatte ich an der Uni von Long Beach keine Konkurrenz. Denn wer weiss: Wenn ich mit George Lucas studiert hätte, wäre ich vielleicht gar nicht Regisseur geworden, sondern hätte einfach seine Kameralichter gehalten. Jedenfalls hätten wir nie gedacht, dass wir es einmal so weit bringen. Und wir sind über all die Jahre Freunde geblieben. Das ist eigentlich das Erstaunlichste von allem.

Sie sind jetzt 71. Welchen Tipp würden Sie dem jungen Spielberg heute geben?

Ich würde sagen: Entspann dich, Junge. Du wirst es schon schaffen, mach dir nicht so viele Sorgen. Und hör auf, an den Fingernägeln zu kauen!

Sie haben eingangs «Ready Player One» erwähnt, den Virtual-Reality-Film, der am 5. 4. in die Schweizer Kinos kommt. Wie sehen Sie die Zukunft von Virtual Reality im Kino?

Virtual Reality ist die Zukunft, ich weiss nur nicht, wann Virtual Reality wirklich explodieren wird. Aber sind wir doch ehrlich, wenn man mal durch die VR-Brille geschaut hat und das Erlebnis ist zu Ende, würde man doch am liebsten gleich wieder in diese Welt zurück. Für mich ist die Rückkehr in die reale Welt der Schocker – nicht sich in der digitalen zu verlieren.