Entgegen der Kontaktsperre: Nach diesem Film ist eine Diskussion und ein Glas Wein fast schon zwingend

Stefan Haupt lässt uns in seinem neuen Dokumentarfilm «Zürcher Tagebuch» viel Zeit, Antworten zu suchen. Und vielleicht fast noch mehr, Fragen zu stellen.

Daniel Fuchs
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Ort des Austauschs: Stefan Haupt gibt in seinem Film Privates preis, wie in dieser Szene aus seiner Wohnsiedlung.

Ort des Austauschs: Stefan Haupt gibt in seinem Film Privates preis, wie in dieser Szene aus seiner Wohnsiedlung.

Bild: Xenix

Von einem Filmtitel sollte man sich ja nicht abschrecken lassen. «Zürcher Tagebuch» von Stefan Haupt («Zwingli») ist kein Zürich-Film. Also doch, eigentlich schon, sofern man die Bilder und Protagonisten isoliert betrachtet. Und mit diesem «Ja und Nein», «eigentlich schon», dem ständigen Reflektieren also, sind wir mitten im Film.

Auf diesem Prinzip ist er aufgebaut, in einer Welt der klaren Meinungen, der überdeutlichen Profilierung, in der es an der ­Fähigkeit zu zweifeln mangelt, ist Haupts filmisches Tagebuch wohltuend zurückhaltend.

Die Fragen eines alten weissen Mannes

Zürich steht zwar im Titel, die Themen aber sind universell. Klima, Flüchtlinge, Immobilien. Finanzkrise, Zusammenleben, Demokratie. Er wirft vor allem Fragen auf, er liefert aber auch einige Aha-Momente.

Stefan Haupt.

Stefan Haupt.

Bild: Gaetan Bally/Keystone

Stefan Haupt selbst nennt es einen filmischen Essay. Er gibt den Themen in seinem selbstreflexiven, auch sehr privaten Dok Zeit, sich zu setzen. Belehrend ist er dabei keineswegs. Auch wenn Haupts ältester Sohn im Film genau davor warnt und seinem Vater vorhält, mit dem Film versuche er doch genau wie all die anderen «heteronormativen weissen Männer über Fünfzig», die Welt zu erklären. Stefan Haupt lässt das Zitat selbstironisch stehen.

Was dieses filmische Experiment vor allem auszeichnet, ist, dass es uns Zuschauern erlaubt, uns mit den eigenen Gedanken auseinanderzusetzen. Gewissheiten wechseln sich ab mit Ungewissheiten. Im Gespräch betont der 59-jährige Zürcher Filmemacher, es gehe dabei nicht um die «plumpe Gegenbestätigung der eigenen Gedanken». Vielmehr wolle er Fragen stellen. «Fragen, zu denen wir häufig gar nicht vordringen, weil wir uns alle in einer Art Hamsterrad befinden.»

«Dabei braucht es eine gewisse Demut, damit man es an den Punkt schafft, einfach mal Fragen und Unsicherheiten zuzulassen.»

Der Film schreit geradezu nach einem Glas Wein in Gesellschaft und einer guten Diskussion. Das würde einen geradezu einladen, sich über die Coronaempfehlung der Behörden, Kontakte möglichst zu unterlassen, hinwegzusetzen. Falsches Timing für den Film?

«Zweier- oder Dreiertreffen sind ja erlaubt», erwidert Haupt. Sie sind für ihn auch viel ergiebiger. «In solchen Situationen rutscht man weniger ins Selbstdarstellerische, Profilierungsneurotische ab.»

Die unbeantworteten Fragen zum Finanzsystem

Der Stoff käme sehr schwer daher, zumal es um Fragen geht, die schwierig zu beantworten sind. Ein Glück für den Film sind die Zitate von Haupts eigenen Kindern. Sehr erfrischend ist etwa die jüngste Tochter, die mit einem wirklich herzigen Witz gleich zu Beginn dem Filmtitel eine ironische Note gibt.

Und bei allen Fragen, ein paar einleuchtende Erklärungen gibt es dann doch noch: Zum Beispiel die eines Finanzforschers, der herleitet, weshalb es von der Elite gewollt ist, dass Leute wie Haupt – und die meisten der Zuschauer dieses Films – gewisse Vorgänge nicht verstehen sollen. Vorgänge, die Finanzkrisen wie diejenige von 2006 auslösen können. «Die Komplexität im Finanzsektor ist ein Machtfaktor», sagt er.

Und als Zuschauer beschleicht einen das Gefühl, sich in solchen Fragen eigentlich nicht gross von einem Schaf zu unterscheiden, das nur der Herde folgt, und sei es auf direktem Weg zur Schlachtbank.

Und nach Corona? Werden wir uns dann noch dieselben Fragen stellen?

Man muss mit den Einsichten, der Haltung und den Argumenten überhaupt nicht einig sein, um etwas anfangen zu können mit dem Film. Haupts Gedankenfluss lässt sich gut folgen, ab und zu taucht er ab, geht einer Frage auf den Grund.

Das Tagebuch beginnt 2016 und endet Mitte März 2020, als der Bundesrat den landesweiten Lockdown ausruft. Vogelgezwitscher, Stille. Und die Frage: Werden die grossen Fragen nach Corona dieselben sein?

«Zürcher Tagebuch» (CH 2020, 100 Min.); Regie: Stefan Haupt; jetzt im Kino.

Hier geht's zum Trailer: