Der Basler Filmpreis war eine Auszeichnung, mit der Jeshua Dreyfus schon vor der Premierenfeier für sein Langzeitprojekt belohnt wurde. Und das durchaus zur Überraschung mancher Vertreter der hiesigen Filmszene. Denn Dreyfus, heute 33-jährig, hatte man in den vergangenen Jahren nicht auf dem Radar. Er wuchs im Bernbiet auf, zog mit 16 nach Basel, besuchte das Gymnasium und studierte Wirtschaft und Philosophie. Danach zog er ins Berner Oberland zurück, wo er diesen Film, seinen zweiten, in jahrelanger Arbeit fertigstellte.

Die Schattenseiten der Toleranz

«Sohn meines Vaters» richtet den Fokus auf eine schrecklich nette Familie. Vater Karl, wunderbar dargestellt von Dani Levy, ist ein erfolgreicher, charmanter und jung gebliebener Psychiater. Seinen 60. Geburtstag feiert er im Kreis seiner Familie mit jüdischen Liedern, kulinarischen Häppchen und ... mit seiner Geliebten.

Sohn Simon, freischaffender Illustrator, taucht auch auf, möchte dem Vater die neue Freundin vorstellen. Doch dazu kommt es nicht wirklich, zu sehr sind seine Eltern mit sich selbst beschäftigt: Die Mutter, von Verlustängsten gezeichnet, kollabiert, der Vater beschwichtigt und dazwischen kratzt sich Simon am Kopf, der Mittzwanziger, der doch schon genügend hilflos und verloren wirkt auf dieser Welt.

Wer ist in dieser Vorzeigefamilie eigentlich souverän? Die Frage stellt man sich nach einem eher langatmigen Anfang. Zum Glück nimmt der Film danach Fahrt auf, führt in eine Welt voller (vermeintlicher) Toleranz, Heuchelei, Misstrauen, Eifersucht und Dysfunktion.

Aus der Psychiatrie-Praxis

Aufgrund der Tatsache, dass der Film im jüdischen Psychiatrie-Milieu spielt und es ordentlich menschelt, führt er zur Frage: Ist da einer Woody-Allen-Fan? «Ich finde ihn grossartig, aber gleichzeitig ist er kein Vorbild», sagt Jeshua Dreyfus. Man kann ihn verstehen: Denn wer eine Komödie erwartet, ist hier im falschen Film. Vielmehr ist es ein kleines Drama, das sich Dreyfus ausgedacht hat. Für das Setting musste er nicht weit suchen: Sein eigener Vater ist Psychiater. «Für mich war dieses Milieu Realität», sagt der junge Filmemacher. «Ich wuchs in einem offenen, progressiven Haushalt auf, wo aber zugleich alte Traditionen wie zum Beispiel jüdische Rituale ausgeübt wurden. Zudem gab es wenig Grenzen zwischen dem, was professionell ausgeübt und gelebt wird.»

Zwei Generationen im Fokus

Angesichts dieser privaten Parallelen könnte man leicht Schlüsse auf Dreyfus’ eigenes Leben ziehen. Das allerdings ginge zu weit: «Zwar hat die Vaterfigur durchaus Ähnlichkeiten mit meinem Vater. Doch sind die Handlung im Film und auch viele Figuren frei erfunden. Meine Mutter beispielsweise ist ganz anders als jene im Film.»

Das ist beruhigend zu hören, denn Sibylle Canonica spielt ein Nervenwrack von einer Mutter. Verzweifelt und scheinbar vergeblich kämpft sie um ihre Liebe und ihre Würde.

«Die Charakterzüge im Film habe ich bewusst überzeichnet», sagt der Filmemacher. «Wir wollten das Gefühl erzeugen, dass der Film einen persönlichen Hintergrund hat. Um ihn aber zum Funktionieren zu bringen, mussten wir uns auf eine fiktionale Ebene begeben.»

Dabei zehrt er durchaus von Erfahrungen aus seinem Umfeld: So skizziert er die moderne, aufgeschlossene Elterngeneration, die sich zwar von den autoritären Zeiten der Grosseltern distanziert und kollegialer auftritt, was aber nicht heisst, dass dies zu weniger innerfamiliären Konflikten führt – vielleicht einfach zu anderen. «Ich habe Freunde, deren Mütter mit ihnen ausgingen, die Nacht durchtanzten. Das war den Freunden unangenehm», erzählt Dreyfus. Die Mütter sind nicht das einzige Problem: «Viele meiner Generation suchen nach Selbstverwirklichung, hadern mit sich und kommen nicht an ein Ziel.»

Das trifft auch auf seinen Protagonisten zu: Der junge Illustrator Simon, ist zwar wie der Filmemacher im kreativen Bereich tätig. Doch kriegt er nicht wirklich etwas auf die Reihe. «Ich bin zielstrebiger», sagt Dreyfus.

Zum Glück, denkt man sich, sonst wäre der Film wohl auch nach sieben Jahren noch nicht im Kino zu sehen.

Sohn meines Vaters Basler Premiere: Heute Donnerstag, 7. März, 18.30 Uhr.

kult.kino atelier, in Anwesenheit von Jeshua Dreyfus, Dani Levy, uvm. Die Bilder aus dem Film von Zeichner Noyau sind noch bis zum 20. April im Comix Shop Basel ausgestellt.