Stéphanie Chuat und Véronique Reymond

Diese beiden Schweizer Regisseurinnen sind im Rennen um einen Oscar - wir haben sie zum Interview getroffen

Untrennbar: Schwesterlein und Brüderlein, gespielt von Nina Hoss und Lars Eidinger, auf dem Weg vom Berliner Spital nach Hause.

Untrennbar: Schwesterlein und Brüderlein, gespielt von Nina Hoss und Lars Eidinger, auf dem Weg vom Berliner Spital nach Hause.

Berlin und Genfersee im selben Film: «Schwesterlein» vereint viele Themen. Im Gespräch mit CH Media erklären die beiden Westschweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, worum es ihnen eigentlich geht.

Diese Woche kommt «Schwesterlein» von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond ins Kino. Nur ein paar Tage, nachdem der Bund den Film offiziell als Schweizer Beitrag ins Rennen um einen Oscar geschickt hat. Wir haben die beiden Westschweizer Regisseurinnen an der Berlinale zum Interview getroffen. Das war vor dem Ausbruch der Pandemie. Nun, ein halbes Jahr später und nach einem massiv verzögerten Kinostart, nahm Stéphanie Chuat das Telefon für ein paar weitere Fragen entgegen. Kurz bevor sie zusammen mit Véronique Reymond in den Zug stieg, um den Film dem Kinopublikum in der Deutschschweiz zu präsentieren.

Seit unserem Treffen in Berlin kam Corona, der Lockdown und die Aussicht auf einen Oscar. Wie fühlen Sie sich gerade?

Stéphanie Chuat: Ich bin so happy, dass die Jury unseren Film ausgewählt hat und ihn der Akademie in Hollywood empfiehlt. Und das zehn Jahre nach unserem ersten Spielfilm «La petite chambre», der auch ins Rennen um einen Oscar geschickt worden war. Die guten Neuigkeiten aus Bern helfen aber nicht nur für die Veröffentlichung des Filmes in der Schweiz, sie helfen auch den internationalen Verkäufern und Verleihern im Ausland, die den Film gekauft haben.

Es ist keine einfache Zeit, einen Film zu lancieren, oder?

Chuat: Nein, die Industrie ist in Gefahr. Am Wochenende hatten wir die allererste Vorführung des Films seit der Berlinale. Der Film lief im Open-Air-Kino in Morges und war gut besucht.

Unser Film startet nun in den Kinos der Deutschschweiz. Wir hoffen, dass die Leute trotzdem hingehen. Ich bin überzeugt, die sanitären Vorgaben werden eingehalten im Kino.

«Schwesterlein» spielt in der Berliner Theaterszene. Was bedeutet dieses Setting Ihnen persönlich?

Véronique Reymond: Die Liebe zum Theater hier in Berlin bildet das Herz des Films. Darum herum dreht sich die gesamte Handlung. Denn die beiden Hauptfiguren, zwei Geschwister, stammen aus einer Berliner Theaterfamilie, beide haben Theatererfahrung, er als Schauspieler, sie als Autorin. Auch wir kommen vom Theater, standen und stehen in der Schweiz und in Frankreich als Schauspielerinnen auf der Bühne.

Im Film kümmert sich die Familienfrau Lisa um ihren an Leukämie erkrankten Zwillingsbruder Sven, distanziert sich dabei von ihrem Mann, der Familie. Und findet zurück zu sich selbst. Worüber wollen Sie den Zuschauern primär erzählen, über Krebs oder Geschlechterrollen, einem feministischen Ansatz also?

Reymond: Wenn ich zwischen den beiden Themen auswählen muss, dann ist es ganz klar der Feminismus.

Beide aus Lausanne, beide 49 Jahre alt, ein Regie-Duo: Véronique Reymond (links) und Stéphanie Chuat.

Beide aus Lausanne, beide 49 Jahre alt, ein Regie-Duo: Véronique Reymond (links) und Stéphanie Chuat.

Das überrascht, liegt die Haupthandlung doch ganz klar bei der Krebserkrankung des «Brüderleins» Sven.

Reymond: Für mich liegt der Fokus des Films vielmehr auf der Beziehung zweier Seelenverwandter. Der eine ist krank, der andere ist gefangen in seinem Leben.

Das passiert im Film Lisa, und jeder, der das schon erlebte, könnte sich möglicherweise genauso fühlen.

Chuat: Ich möchte noch etwas betonen: Die Beziehung zwischen zwei Seelenverwandten, wie Zwillingen, ist im Gegensatz zu derjenigen eines Ehepaars nicht auflösbar.

Trotzdem noch einmal: Die Krankheit hat wegen Lars Eidinger, der den leidenden Sven spielt, sehr grosses Gewicht.

Chuat: Sven hat mit seiner Krankheit eine grosse Präsenz, das stimmt. Für mich ist er wie das Auge eines Zyklons und sie, Lisa, dreht sich darum. Der ­Feminismus in unserem Film zeichnet sich vor allem durch Lisas Parcours aus: Langsam wird sie sich aus der ­Zwangsjacke befreien, die aus ihrer ­Familie und ihrem Leben in der Schweiz besteht.

Sprechen wir über diese Rollen. Den Film versteht man so: Angestossen von ihrem kranken Bruder, tritt sie aus dem Schatten ihres Mannes, eines Karrieristen. Im Presseheft des Filmverleihers aber steht: Sie hat nur noch Augen für ihren Bruder und riskiert alles, sogar ihre Beziehung zu ihrem Mann, ihrer Familie. Das ist doch das Gegenteil?

Reymond: Lisa ist in einem Dilemma gefangen. Das Leben ist nie Schwarz und Weiss. Es gibt immer Grautöne. In «Schwesterlein» erhielt ihr Mann diesen Job angeboten, die Leitung einer internationalen Privatschule in einem Waadtländer Bergdorf, und sagte zu für fünf Jahre. Sie sagte Okay, auch wenn es nicht der Ort ist, in dem sie sich ausleben kann. Für ihn ist das aber das Riesenglück, und er will nach Ablauf der fünf Jahre länger bleiben. Doch sie pocht auf den Deal, fünf Jahre, keines mehr. Und solche Konflikte tragen sich typischerweise zu bei Expats.

Hier geht es zum Trailer von «Schwesterlein» (Fortsetzung des Interviews unten)

Wer hat recht?

Reymond: Keiner von beiden. Oder beide. Der Ehemann hat recht, wenn er sagt, der Ort und die Privatschule seien eine Riesenchance für die Kinder. Doch auch sie hat recht, denn sie muss sich um ihren kranken Bruder Sven ­kümmern.

Chuat: C’est la vie, so ist doch das wahre Leben. In leitenden Funktionen bist du nach fünf Jahren erst richtig angekommen. Willst du etwas verändern, musst du noch zwei, drei Jahre länger bleiben, er hat also guten Grund für seine Argumentation. Und trotzdem macht er sie damit wütend.

Was markierte eigentlich genau den Beginn der Filmidee. Worüber wollten Sie einen Film drehen?

Reymond: Er lag genau da, in der Welt der Expats in der Genferseeregion und in den Bergen darum herum.

Doch sie erzählten schon mehrfach, wichtiger Impuls sei ein Zufallstreffen mit Nina Hoss gewesen, die nun die Hauptrolle Lisa spielt. Was hat es damit auf sich?

Chuat: Ja, so war es. Véronique und ich waren in Berlin, das war vor fünf Jahren. Es war bitterkalt, und wir waren in einem Laden, als ich sie erkannte. Sie war am Handy und kaufte irgendwelche Geschenke.

Sie hatten Nina Hoss auf dem Radar?

Reymond: Wir hatten bereits die Idee für einen solchen Film, wollten aber unseren Horizont erweitern und mit nicht-frankophonen Schauspielern zusammenarbeiten. Der Film sollte von einer Frau um die Vierzig erzählen, die in einer Midlife-Crisis steckt und hin- und hergerissen ist zwischen der Welt der internationalen Schulen in der Schweiz und der Theaterwelt in Berlin, zwischen der Familie und ihrem künstlerischen Ausdruck.

Chuat: Und da standen wir in diesem Laden und ich erkannten sie. Wir warteten, bis sie fertig war mit ihrem Einkauf. Dann sprachen wir sie an, wir seien zwei Schweizer Filmemacherinnen und wollten einen Film für sie schreiben. Sie war sehr erstaunt, nahm aber unsere Nummern entgegen.

Und dann dachten Sie bestimmt, die meldet sich nie.

Chuat: Ja, wir waren total überrascht, als Nina uns drei Tage später anrief und wir ein Treffen mit ihr vereinbaren konnten, auf einen kurzen Kaffee (lacht). Aus dem kurzen Kaffee wurden drei Stunden. Und sie brachte so viel ein. Als sie uns erzählte, dass sie Teil des Ensembles der Schaubühne war, brachte uns das auf die Idee, die Welt des Theaters in den Film einzubeziehen und Lars Eidinger als Zwillingsbruder anzufragen.

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