Das Lachen blieb einem ziemlich schnell im Hals stecken. Es war Anfang Januar, mitten während der Verleihung der Golden Globes – dem anderen wichtigen Filmpreis neben den Oscars –, als Schauspielerin Natalie Portman auf der Bühne stand, um die Auszeichnung für die beste Regie zu verkünden. Portman sagte, ohne die geringste Miene zu verziehen: «Hier sind die, ausschliesslich männlichen, Nominierten.» Auf das kurze Gelächter im Saal folgte vereinzelter Applaus, aber dann vor allem zustimmendes Nicken.

Kein Wunder: Nach einem Kinojahr, in dem mit «Beauty and the Beast» ein Film über eine feministische Disneyprinzessin am meisten Geld eingespielt und eine Frau (Patty Jenkins) mit «Wonder Woman» den erfolgreichsten Superheldenfilm des Jahres inszeniert hatte, ausschliesslich Männer zu nominieren – das dürfte für viele weibliche Filmschaffende wie ein Schlag ins Gesicht gewesen sein.

Bei den Oscars herrschen nun andere Vorzeichen. Bewegungen wie #MeToo und Time’s up haben unter den über 7000 Mitgliedern der Academy ihre Spuren hinterlassen. Nachdem beispielsweise mehrere Belästigungsvorwürfe gegen iGolden-Globe-Gewinner James Franco («The Disaster Artist») laut geworden waren, verzichtete die Academy darauf, den Schauspieler zu nominieren. Ihre Stimmen gingen dafür zu Christopher Plummer, der im Film «All the Money in the World» den ebenfalls geschassten Kevin Spacey ersetzt hatte.

In der Vergangenheit war die Academy wiederholt dafür kritisiert worden, dass ausser in den Darstellerkategorien kaum je andere weibliche Filmschaffende berücksichtige. Von einer Wiederholung des eingangs erwähnten Fauxpas bei den Globes wollte die Academy heuer aber nichts wissen. Unter den fünf Nominierten für den Regie-Oscar figuriert auch «Lady Bird»-Regisseurin Greta Gerwig. Die 34-jährige Amerikanerin, bekannt als Schauspielerin in Filmen wie «Frances Ha» (2012) und «Mistress America» (2015), ist in der 90-jährigen Oscar-Geschichte erst die fünfte Frau, die für den Regiepreis nominiert wurde. Gewonnen hat ihn bislang einzig Kathryn Bigelow, 2010 für den Kriegsthriller «The Hurt Locker».

Frauengeschichten im Fokus

Gerwig verfasste das Drehbuch zu «Lady Bird» und darf auch in dieser Kategorie auf einen Oscar hoffen. Ihr Film verhandelt viele autobiografische Elemente, es geht um ein Teenager-Mädchen (gespielt von Saoirse Ronan) und seine Mutter (Laurie Metcalf), die zwar eine sehr enge Beziehung haben, aber sich ständig streiten. «Es gibt tausend Filme, die sich mit der Vater-Sohn-Beziehung beschäftigen, aber fast keine über Mütter und ihre Töchter», konstatierte Gerwig in einem Interview. Tatsächlich kommt es einer kleinen Revolution gleich, dass ein Film, der so stark mit dem Innenleben von Frauen beschäftigt ist, in der Oscar-Königskategorie nominiert wurde. In vielen jener Filme, die in der Vergangenheit reüssierten, standen weibliche Charaktere oft nur neben oder hinter starken Männerfiguren.

Nicht so bei den diesjährigen Kandidaten, und «Lady Bird» ist da nur der Anfang. Gleich vier der neun Werke, die als bester Spielfilm nominiert sind (siehe Übersicht oben), sind dezidiert aus einer weiblichen Perspektive erzählt. «The Post» von Steven Spielberg beschäftigt sich mit dem Dilemma einer Verlegerin (Meryl Streep), ob sie geheime Kriegsdokumente, die ihre eigene Regierung belasten, in ihrer Zeitung publizieren soll oder nicht. In «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» knöpft sich eine Frau (Frances McDormand), deren Tochter brutal ermordet wurde, höchstpersönlich die aus ihrer Sicht nachlässige Polizei vor. Und im für 13 Oscars nominierten Fantasyfilm «The Shape of Water» befreit eine stumme Putzfrau (Sally Hawkins) ein amphibisches Wesen, das in einem Forschungslabor gefangengehalten und misshandelt wird. Die Hauptdarstellerinnen dieser vier Filme sind alle ebenfalls nominiert.

Die überfälligste weibliche Nominierung betrifft derweil Rachel Morrison, die eine Pionierfunktion einnimmt: Vor der 39-jährigen Amerikanerin war noch nie eine Frau für den Oscar für die beste Kamera nominiert worden. In einem Interview über ihr von Männern dominiertes Berufsfeld sagte sie: «Kameraarbeit vereint alle weiblichen Qualitäten: Multitasking, Empathie und die Visualisierung menschlicher Emotionen.» Morrison hat gute Chancen, den Oscar auch zu gewinnen. Nominiert ist sie für das Netflix-Südstaatendrama «Mudbound», aber sie stand auch beim aktuellen Kinohit «Black Panther» hinter der Kamera. Dieser Film sorgte just dann für Furore, als es bei der Oscar-Abstimmung in die heisse Phase ging.

Frauen wie Rachel Morrison und Greta Gerwig sind nicht bloss wegen Me too ins Scheinwerferlicht der Oscars gerückt, sie haben sich ihre Nominierungen mit Talent und harter Arbeit verdient. Aber #MeToo und das gegenwärtige gesellschaftliche Klima haben es den Oscar-Wählern erschwert, die bestechenden Leistungen weiblicher Filmschaffenden zu übersehen. Das war überfällig.