Kino
Bist du Mensch oder Replikant? «Blade Runner 2049» stellt moralische und philosophische Fragen

«Blade Runner 2049» setzt einen der einflussreichsten Filme aller Zeiten fort – nostalgisch und originell. Und es ist ein guter Film – weil er nicht nur von Gefühlen handelt, sondern auch Gefühle erzeugt.

Georges Wyrsch
Drucken
Teilen
Zwischen künstlicher Intelligenz und menschlichem Leben: «Blade Runner 2049» (mit Ryan Gosling) stellt erneut moralische und philosophische Fragen. Sony Pictures

Zwischen künstlicher Intelligenz und menschlichem Leben: «Blade Runner 2049» (mit Ryan Gosling) stellt erneut moralische und philosophische Fragen. Sony Pictures

Courtesy Columbia Pictures

Am Anfang stand die Frage, ob Androiden womöglich von elektrischen Schafen träumen könnten. «Do Androids Dream of Electric Sheep?» lautete ein visionärer Science-Fiction-Roman des Schriftstellers Philip K. Dick aus dem Jahr 1968, der als Vorlage zum dystopischen Kino-Thriller «Blade Runner» diente.

Der Roman handelt vom Kopfgeldjäger Rick Deckard, der unerwünschte Androiden aus dem Verkehr zieht, selbst jedoch ein elektrisches Schaf auf seiner Dachterrasse hält – weil er sich kein echtes Haustier leisten kann. Deckard gerät in eine Sinnkrise, als er von einer täuschend echten Androidin namens Rachael verführt wird.

Seit 1982 trägt Rick Deckard die Züge des Schauspielers Harrison Ford, denn Ridley Scotts Film mit ihm in der Hauptrolle hat längst Kultstatus. Die retrofuturistischen Szenenbilder von Syd Mead und die Spezialeffekte von Douglas Trumbull erwiesen sich als stilbildend, Philip K. Dick wurde post mortem zu einem Bestseller-Autor, und das Konzept der Austauschbarkeit von echten und künstlichen Menschen zog sogar die Entstehung eines neuen Literaturgenres nach sich: Cyberpunk.

Jetzt ist Rick Deckard zurück, er trägt die Züge des gealterten Schauspielers Harrison Ford. Deckard hält sich zuhause zwar kein elektrisches Schaf, aber immerhin einen Hund. Wird er gefragt, ob dieses Tier echt sei, so antwortet er lakonisch: «Keine Ahnung». Vor dreissig Jahren hätte es vielleicht noch eine Rolle gespielt.

Dreissig Jahre ist es her, seit Deckard seiner «Femme Fatale» Rachael über den Weg lief, aber nun ist alles anders: Junge Replikanten (so hiessen die Androiden bereits im ersten Film) machen nun auf ältere Replikanten Jagd, weil diese im Gegensatz zur neueren Generation aufgrund eines Funktionsfehlers immer noch gegen die Menschheit aufbegehren könnten. Und das darf nicht sein.

Ryan Gosling übernimmt

Der Polizeibeamte «K», gespielt von Ryan Gosling, ist eines dieser neueren Modelle – er löscht hauptberuflich seine Artgenossen aus. Sein aktueller Auftrag ist besonders brisant: «K» erfährt, dass eine Replikantin vor einigen Jahrzehnten komplett systemwidrig ein Kind geboren hat. Er muss nun jede Spur von diesem Vorfall ausradieren, bevor die Replikanten erfahren, dass sie zeugungsfähig sind.

Blade Runner 2049

(UK / CAN / USA 2017) 163 Min. Regie: Denis Villeneuve.

Ab Donnerstag im Kino. ★★★★☆

Eine dieser Spuren führt wenig überraschend zum ergrauten und verbitterten Rick Deckard, der in einem heruntergekommenen Casino haust. Doch «K»’s Spurensuche verläuft gleichzeitig auch nach innen: Er hat mittlerweile Zweifel, ob er wirklich ein reiner Replikant ist.

Mit diesen Kniffen bringt das Drehbuch zu «Blade Runner 2049» auch die ganzen bioethischen, moralischen und philosophischen Fragen wieder aufs Tapet, die bereits das Original stellte: Wo liegt die Grenze zwischen künstlicher Intelligenz und menschlichem Leben? Welchen Status verdienen Roboter, die zu Gefühlen fähig sind? Kann sich ein Lebewesen auf eine Identität berufen, wenn es nicht gezeugt, sondern entworfen wurde?

«Blade Runner 2049» geht an diese Fragen mit heiligem Ernst und noch weit pessimistischer als sein Vorgänger heran. In diesem neuen Film haben Replikanten zwar längst Gefühle entwickelt, aber sie sind bereits wieder dabei, diese Gefühle zu verlieren – abgestumpft von einer Gesellschaft, die sie nur zur Versklavung in die Welt setzt.

Auf der visuellen Ebene hat sich der Regisseur Denis Villeneuve bemüht, den einflussreichen Neo-Film-Noir-Look des Originals zu zitieren, ihn aber gleichzeitig mit den neusten technischen Möglichkeiten weiterzudenken: Er lässt Gesichter und Körper ineinander verschmelzen; er projiziert einen dreidimensionalen Elvis Presley auf eine leere Bühne und lässt ihn dort eine Weile als digitales Relikt flackern.

Rick Deckard wird sogar nostalgisch, wenn er solche Hologramme sieht, denn die sind wenigstens noch eindeutig als künstlich erkennbar.

Im Vorfeld wurde oft betont, «Blade Runner 2049» werde es schwer haben, den enormen Erwartungen der Fans gerecht zu werden. Diese Fans können nun aufatmen: Die Hybridität von Mensch und Maschine ist in dieser Fortsetzung kein aufgewärmter Gimmick – wie etwa in den Auswüchsen der Terminator-Serie –, sondern sie wird bis in ihre tragischen Konsequenzen hinein weitergedacht.

Etwas banal ausgedrückt könnte man sagen: «Blade Runner 2049» ist ein guter Film, weil er nicht nur von Gefühlen handelt, sondern auch Gefühle erzeugt. Hautverantwortlich dafür ist allerdings nicht Denis Villeneuve, sondern der Drehbuchautor Hampton Fancher, der zu einem genialen Trick greift: Seine Figur «K» ist eindeutig dem geplagten Autor Philip K. Dick nachempfunden – samt dessen biografisch überlieferten Kindheitstraumata und seinen paranoiden Schüben.

Das wird zwar nicht allen Zuschauern auffallen, aber es ist eine wunderschöne Hommage an den Mann, der am Beginn dieser Saga stand.

Aktuelle Nachrichten