Coronavirus

Basler Filme im Lockdown: Kinos sind geschlossen und neue Produktionen auf Eis gelegt

Alles steht am richtigen Ort, nur die Action fehlt: Das Luxemburger Filmset von «Une histoire provisoire» ist verwaist.

Alles steht am richtigen Ort, nur die Action fehlt: Das Luxemburger Filmset von «Une histoire provisoire» ist verwaist.

Die Pandemie macht nicht nur Kinobetreibern Kummer, sondern auch den Filmschaffenden. Zwei Produzenten erzählen.

Alles war bereit. Eine Wohnung in Luxemburg wurde für den Dreh komplett neu eingerichtet, Unterkünfte für das Schweizer Team waren gemietet, die Schauspielerinnen und Schauspieler hatten ihre Kostüme. Die Handlung: Eine Iranerin und ein junger Schweizer Werber treffen in einer Airbnb-Wohnung aufeinander – Kulturschock.

«Die Tragikomödie hat in ihrer Grundstimmung ein bisschen etwas von ‹Lost in Translation›», sagt dazu der Basler Filmemacher Cyrill Gerber, der «Une historie provisoire» zusammen mit Regisseur Romed Wyder und einer Luxemburger Firma koproduziert. Doch dann, eine Woche vor Drehbeginn, kam die Hiobsbotschaft: Die geplanten Dreharbeiten wurden wegen Covid-19 auf Eis gelegt.

Seit dem 17. März sind alle Schweizer Kinos geschlossen. Doch nicht nur öffentliche Vorführungen werden dadurch verhindert, auch die Herstellung neuer Filme nimmt Schaden. Für kleine oder sich im Aufbau befindende Produktionsfirmen wie Gerbers Milan Film eine ­bedrohliche Situation. Der 2,6 Millionen Franken teure Spielfilm «Une histoire provisoire» ist zwar versichert, aber nicht gegen eine Pandemie. «Wäre zum Beispiel der Regisseur ­aufgrund eines Unfalls arbeitsunfähig geworden, hätten wir einfach unterbrechen können und würden von der Versicherung ausbezahlt.» Honorare, Mieten und Mehrkosten wären gedeckt.

Mit den Arbeitnehmerverbänden wurde deshalb vereinbart, dass es sich bei Corona um «höhere Gewalt» handelt. «Das heisst, die bestehenden Verträge mit Technikern und Zulieferern können eingefroren und zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgenommen werden.»

Umsatzeinbruch und Kurzarbeit

Für Mitarbeiter mit befristetem Arbeitsvertrag hat Gerber erfolgreich Kurzarbeit angemeldet, und auch für unselbstständig Erwerbende, die noch nicht lange als Lohnempfänger beim Film arbeiten, soll eine Lösung gefunden werden. «Diese Leute haben ja mit Einkünften für die nächsten zwei Monate gerechnet», sagt Gerber, der jetzt mit dem Bund und der Filmförderung verhandelt.

Als kleine Filmproduktionsfirma realisiere man einen Film dieser Grösse vielleicht alle zwei Jahre, erklärt Gerber. Dazwischen liegen lange Durststrecken. «Ein Film wird ungefähr vier Jahre vorfinanziert, das heisst, in dieser Zeit wird das ­nötige Geld akquiriert, ohne das ein Verdienst dabei abfällt.» Tauchen unerwartet Mehrkosten auf, kann das nicht nur das Projekt, sondern auch die Produktionsfirma selbst gefährden. «Gibt es keine Nachfinanzierung, um den Film abzuschliessen, müssen die Gelder zurückgezahlt werden. Dann droht der Konkurs.»

Auch Pascal Trächslin, der mit Cineworx Filme verleiht und produziert, ist von der Krise betroffen – seit dem Lockdown sind 90 Prozent der Arbeit und des Umsatzes eingebrochen. Trotzdem sei er «noch einigermassen entspannt», erklärt der Produzent: «Das letzte Jahr war für uns sehr erfolgreich, wir hatten noch nie so viele Zuschauerinnen und Zuschauer wie 2019.»

Was die eigenen Projekte ­angeht, sei man «mit einem blauen Auge» davongekommen, da kein Spielfilm in Produktion sei. Dennoch sind zwei Projekte ­direkt von der Krise betroffen: Für einen Fernseh-
Dokumentarfilm waren Ende März vier Drehtage eingeplant gewesen. «Der andere Fall ist komplizierter», sagt Trächslin. «Wir schneiden aktuell einen Dokumentarfilm in Buenos Aires. Dort herrscht ein kompletter Lockdown.» Die Regisseurin sei in einer 20 Quadratmeter kleinen Wohnung eingesperrt, «jetzt kümmern wir uns um Rückflug-Möglichkeiten».

In «weiser Voraussicht» habe man schon am 12. März ein Gesuch auf Kurzarbeit eingereicht, was sehr unbürokratisch vom Kanton Basel-Stadt bewilligt worden sei. «Ob und in welcher Form wir von Bundesgeldern profitieren werden, lässt sich noch nicht schlüssig beantworten.» Schwieriger sei es mit Filmen, die bereits angelaufen sind. «Da die ganzen Vorkosten für Filmrechte, Kopien und das Promotionsbudget schon vor dem Kinostart ausgegeben werden, entsteht nun ein Loch in der Kasse, weil wir weniger einnehmen, als wir budgetiert hatten», so Trächslin. Dasselbe gelte für Filme, deren Starttermin abgesagt wurde.

Positive Entwicklung der Filmbranche gefährdet

Über das Verschieben von Startterminen sei man mit Kinobetreibern im Gespräch, ein eigentliches «Filmloch» sei nicht zu erwarten. Und natürlich wäre man daran interessiert, bereits gestartete Filme auf Streaming-Plattformen zu zeigen, ­wofür die entsprechenden Rechte aber nicht immer vorhanden sind. «Bei einem Film, den wir selbst produziert haben, ist das natürlich einfacher», so Trächslin. «Es ist spannend, wie der ganze Online-Arthousefilm-Markt jetzt in Bewegung gerät.» Das versuche man zu unterstützen. Dass die Kinos schon am 20. April wieder öffnen werden, glaubt der Produzent nicht. «Die grosse Frage ist ohnehin, wie wir als Gesellschaft mit dieser Krise umgehen. Die Krankheit wird uns vermutlich noch länger beschäftigen.»

Auch Cyrill Gerber, der bis 2019 nebenberuflich für Cineworx tätig war, macht sich Gedanken über die Zukunft. Seine Produktionsfirma Milan Film sei derzeit gut aufgestellt. «Aber ich fürchte einen Rückfall, sollte die Förderung nicht bereit sein, unsere Mehrkosten zu decken.» Dieses Jahr habe er die eigene Firma strukturell und finanziell nachhaltiger gestalten wollen. «Nun weiss ich nicht, ob ich wieder eigene Gelder einsetzen muss, um den Prozess am Laufen zu halten.»

Fängt die Filmförderung kleinere Produzenten in dieser Situation nicht auf, fürchtet Gerber um die positive Entwicklung, welche die heimische Filmbranche in den letzten Jahren erlebt hat. «Das Problem an dieser Krise ist, dass zuletzt immer die Kleinen leiden.»

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