Vor rund zehn Jahren bahnte sich eine junge Slampoetin mit schwerem Rollmaterial den Weg an die Spitze. Die kleine, zierliche Lara Stoll aus dem Thurgau zog von einer Slambühne zur nächsten, wo sie mit lauter Röhre jedem erklärte, warum sie sich manchmal wünsche, ein «John Deere Traktor 7810 Powershift mit Gewicht in der Fronthydraulik» zu sein.

Die Ostschweizerin wurde damals nicht nur Schweizer Meisterin im Poetry Slam, sondern mit dem Gewinn der ersten europäischen Poetry-Slam-Meisterschaft zu einem Schwergewicht dieser jungen Szene. Es gab eine Zeit, da waren Bühnenauftritte und Kolumnen Lara Stolls primäre Einnahmequellen.

Stoll macht jetzt Punk

Doch Stoll wurde das irgendwann zu einseitig. Sie hielt die Ambivalenz, ständig lustige Texte zu produzieren, auch in Momenten der Frustration, irgendwann nicht mehr aus. 2016 nahm sie in St. Gallen zum vorerst letzten Mal an den Schweizer Slammeisterschaften teil. Dort murmelte, schrie und intonierte sie minutenlang «Dini Mueter», sprang und wälzte sich dazu auf der Bühne. Mit ihrem mutigen performativen Experiment zog sie im Finale den Kürzeren. «Ich war aber irgendwie auch erleichtert», so Stoll. Erfolg hätte bedeutet: Sich stärker in der von ihr sehr geschätzten Slamszene zu verankern, wo sie doch so viel Neues vorhatte.

Heute macht die 30-Jährige, wie viele Slampoeten ihrer Generation, Bühnenprogramme mit Slamtexten. Seit ihrem abgeschlossenen Filmstudium hat Stoll, die inzwischen in Zürich lebt und Psychologie- und Philosophievorlesungen besucht, ihr Spektrum stetig erweitert. Sie singt und spielt Gitarre in der Punkband Pfffff – ein Jugendtraum von ihr – oder produziert mit dem Musiker Constant Hiatus (Lukas Marty) Videoclips, in denen sie auf einer Pferdekoppel auch mal minutenlang Tulpennamen aufzählt.

Mit Filmemacher Cyrill Oberholzer hat sie gerade erst einen längeren Spielfilm gedreht, ein Remake des biografischen Bergsteigerdramas «127 Hours» von Danny Boyle (2010). Dort amputiert sich ein Bergsteiger in einer Notlage den Arm, um sich aus einer Felsspalte zu befreien. Im Remake klemmt sich Stoll ihren Finger im Abfluss ihrer Badewanne ein. Was nicht bedeutet, dass ein kleiner Finger nicht dieselbe existenzielle Krise auslösen kann wie ein Arm. Stoll und ihr damaliger Freund und Kreativpartner Cyrill Oberholzer wollten den Film in zwei Wochen abdrehen. Es wurden acht Monate daraus.

«Ich bin an meine Grenzen gegangen», sagt sie heute. «‹Feuchtgebiete› ist ein trockener Witz dagegen.» Die Emotionen seien beim Dreh in ihrer Badewanne übergeschwappt. Gut fürs Bild, aber zerstörerisch für den Drehplan und die Liebesbeziehung, die währenddessen in die Brüche ging. «Dass die Tränen echt sind, lässt auf den Bildern eine interessante Energie entstehen», so Stoll. Der Film steckt in der Postproduktion. Noch fehlen Fördergelder für den Finish, die Premiere findet im besten Fall noch vor dem Sommer statt.

Keine glatt produzierten Sachen

Lara Stoll macht keine glatt produzierten Sachen. Vor zwei Jahren drehte sie im hippen Zürcher Bahnhofsquartier Europaallee das amateurhaft wirkende Musikvideo «Europa (Neurodance)», ihr Beitrag zum Eurovision Song Contest. Die Künstlerin schlingert zu nervtötenden Eurodance-Rhythmen über ein Eisfeld und massiert die Lettern eines an einer Hauswand angebrachten Massage-Schildes. Das Schweizer Fernsehen lehnte ihre Bewerbung zwar ab, ist aber gewillt, dieses Jahr zwei Folgen der im Internet frei verfügbaren Satiresendung «Bild mit Ton» zu produzieren, ein Gemeinschaftsprojekt von Stoll, Dominik Wolfinger und Cyrill Oberholzer, das entfernt an das nicht mehr ausgestrahlte ORF-Format «Sendung ohne Namen» erinnert.

Gezielt politisch unkorrekt

Die drei produzieren dort seit 2013 irre Mashups (Musik-Collagen mit verschiedenen Tonaufnahmen), die jegliche Genregrenzen überschreiten. «Wir haben aus einem Horrorfilm eine Komödie gemacht, Dinge miteinander vermengt, mit dem Ziel, wertefreie neue Produkte entstehen zu lassen.» Stoll weiss nicht, ob die Radikalität ihrer Sendung, in der sie ihren Zuschauern entspannt politisch unkorrekte Wörter an den Kopf wirft, heute noch so funktionieren würde. «Heute musst du dir ständig die Frage stellen, was darf ich überhaupt noch sagen, ohne dass man geshitstormt wird», sagt sie. Aber: «Vielleicht sollte man gerade deshalb mal so richtig mit dem Panzer reinfahren.» Ob sie ihren Traktor John Deere 7810 doch nochmals anschmeissen wird?

Lara Stoll «Krisengebiet 2 – Electric Boogaloo.» 13.2. St. Gallen; 18.2. Küsnacht; 24.2. Stans; 8.3. Zug; 16.3. Muri; 21.3. Luzern.