Strenge Garderobevorschriften für den Konzertbesuch im KKL? Das war einmal. Symbol dafür sind die Veranstaltungen von Lucerne Festival auf dem Inseli. Da herrschte am Samstag beim ersten Überraschungskonzert bei der Buvette lockere Feierabendstimmung. Und die Musiker der Academy trafen dafür den rechten Ton – mit den schlurfenden Grooves eines Horn-Posaunen-Duos und einem Bläserquintett von Beethoven, eines «modernen Komponisten aus dem 19. Jahrhundert», wie es ein Hornist augenzwinkernd ankündigte.

Die Stimmung draussen findet im KKL überraschende Fortsetzungen. Das gilt freilich eher musikalisch, weil die neue Lounge im Hauptfoyer im Gegensatz zur Offenheit des Inseli steht: Die «Freunde des Lucerne Festivals» haben hier eine sympathische Begegnungszone eingerichtet – allerdings nur für Mitglieder und VIPs. Die «Freunde», finanziell ein wichtiges Standbein des Festivals, könnten diesem und wohl auch sich selbst einen Dienst erweisen, wenn sie als Gastgeber diese Zone öffnen würden. In der aktuellen Form ist diese Ausgrenzung eher ein Anschauungsbeitrag zum Thema «Macht», das dieses Festival-­Wochenende bis in die Moderne-Konzerte (Ausgabe von Morgen) hinein prägte.

Naturszenerien auch im Konzertsaal

Im Konzertsaal wurde man dagegen an die Naturszenerie auf dem Inseli erinnert. Das galt am Freitag für die Beschwörung der Fünf Naturelemente in einem Werk des Komponisten Qigang Chen: Der Auftakt zum Konzert des Shanghai Symphony Orchestra unter Long Yu, das mit dem Geiger Franz Peter Zimmermann in Prokofjews erstem Violinkonzert zu einem betörenden Höhepunkt fand.

Die Natur, als Sinnbild des utopisch «Anderen» in der Musik von Gustav Mahler, spielte nach dem Buvette-Vorkonzert auch in den letzten Auftritt des Lucerne Festival Orchestra hinein – mit dem Herdengeläut, das in der kolossalen sechsten Sinfonie die Kunstwelt suspendiert.

Dass sich gegenüber Abbados Aufführung von 2006 die Balance weg von der Pianissimo-Magie hin zu einem energischeren Duktus bewegen würde, hatten schon die bisherigen Auftritte des Orchesters erahnen lassen: Tschaikowskys vierte Sinfonie hatte das Erbe Abbados mit der Sogkraft verbunden, die Orchestermusiker Chailly attestieren. Schostakowitschs vierte Sinfonie hatte gezeigt, wie spannend die Zusammenarbeit mit einem Gastdirigenten wie Yannik Nézet-Séguin sein kann (Ausgabe vom Samstag).

Zukunftsperspektiven für das Festival-Orchester

Die Utopie des Herdengeläuts stand in Mahlers Sechster quasi für die Erinnerung an das einstige Abbado-Erbe. Auch Chailly kostete im ersten Satz zwischen schneidig-scharfen Marschrhythmen und dem sehnsuchtsvollen Liebesthema dieses absichtslose Treiben ins Offene magisch schillernd aus. Aber bestimmender war der messerscharf vorangetriebenen Gang in die Katastrophe, für die im ­Finalsatz die zwei Schläge mit dem grossen Hammer stehen.

Ein Höhepunkt ergab sich daraus, wie Chailly diese Energie im langsamen Satz für eine emotionale Steigerung nutzte, die Überwältigungskraft mit Detailschärfe verband. Auch wenn Extremwerte nicht ausgereizt wurden, war es der vom Publikum heftig gefeierte Abschluss dieser Residenz. Sie bewies, dass das Festival-Orchester mit einem ins ­ 20. Jahrhundert erweiterten Repertoire, grossorchestralem Top-Niveau und geschickt ausgewählten Gastdirigenten seine Sonderrolle unter den Gastorchestern aus aller Welt behaupten dürfte.

Kunst und Politik kommen doch noch zusammen

Von der Macht des Schicksals in Mahlers sechster Sinfonie war ein weiter Weg zum Podium des Suisseculture-Verbands, das gestern Machtverhältnisse zwischen «Kunst und Politik» diskutierte. Das Gespräch pendelte sich bald auf die Frage ein, wie man der Kultur in der Politik zu einem stärkeren Lobbying verhelfen könnte. Der Slam-Poet Etrit Hasler machte klar, dass es dieses Lobbying braucht, weil sich Künstler die schlecht bezahlten Ratsmandate «schlicht nicht leisten» könnten. Bernhard Pulver, ehemaliger Berner Regierungsrat, will stärker den Wert aufzeigen, den Kunst für die Gesellschaft hat, indem sie thematisiert, «wie wir die Welt wahrnehmen: Das ist in einer digitalisierten Welt immer wichtiger». Dass Kunst Gemeinschaften bilden kann, veranschaulichte die Musikerin Käthi Gohl mit dem Moderne-Konzert des Festivals am Samstag, wo «Besucher mit und ohne Krawatte» den Luzerner Saal füllten – «fantastisch!». Die Luzerner Nationalrätin Andrea Gmür nannte als weiteres Beispiel die Babel Strings, die in Luzern Kindern mit Migrationshintergrund den Zugang zur Musik ermöglichen.

Dem Thema «Macht» näherte sich schon am Morgen das zweite Beethoven-Rezital des Pianisten Igor Levit. Selbst in früheren Sonaten bis hin zu «Les Adieux» entdeckte er ­asketisch und virtuos überraschendes Geheimnis- und Störpotenzial. Dann aber spielte er als Zugabe, die noch mehr «zu unserer Gegenwart» passt, Paul Dessaus «Guernica» nach dem Antikriegsbild von Picasso: eine zerrissene Musik, die sich zu wilden Akkordkaskaden steigert und in einem Klagegestus verlöscht. Da brachte die Kunst Kultur und Politik eindringlicher zusammen, als es jedes Podium vermag.