Nachruf

Er war Künstler, Tüftler und Verblüffer – jetzt ist Markus Raetz 79-jährig gestorben

Augentäuscherei vom Feinsten – oder eine Plastik hat (mindestens) zwei Seiten. Ein Mann ist bei Markus Raetz auch ein Hase.

Augentäuscherei vom Feinsten – oder eine Plastik hat (mindestens) zwei Seiten. Ein Mann ist bei Markus Raetz auch ein Hase.

Markus Raetz war einer der populärsten und innovativsten Schweizer Künstler. Er ist am Dienstag fast 79-jährig gestorben.

Ja ist nein. Das bewies uns Markus Raetz nicht mit irgendwelchen Tricks, sondern handfest. Aus Draht formte er die drei Buchstaben «OUI». Ein banaler Schriftzug. Scheinbar. Doch dann drehte sich das Ding – oder man umschritt es: Das «OUI» verschwand langsam und wandelte sich zum «NON». Man traute seinen Augen nicht, umschritt die filigrane Wort-Draht-Plastik noch einmal und noch einmal. Und immer wurde NON zu OUI und OUI zu NON. Kleine raffinierte Verschiebungen und Überlagerungen machten es möglich. Genauer: Markus Raetz machte das möglich. Der findige Künstler war Zeichner, Maler und Objektbauer, aber vor allem Tüftler und im Hauptberuf eigentlich Verblüffer. Am Dienstag ist er fast 79-jährig gestorben.

Von Köpfen und mit Köpfchen

Aber Markus Raetz war nicht nur ein Erfinder, sondern auch ein überaus fleissiger Schaffer. Bei einer Ausstellung seiner Zeichnungen im Kunstmuseum Basel 2012 wurde das einem eindrücklich bewusst. Hunderte von Blättern hingen an den Wänden und vor allem stand da Vitrine an Vitrine – gefüllt mit seinen Skizzenheften. Ein Einfall schien einem trefflicher als der andere, und jede der dutzenden oder hunderten Varianten setzte noch eins drauf. Alleine zum Thema Kopf muss Raetz Tausende Blätter gezeichnet oder gebildhauert und gemalt haben. Mit «Strich-Strich-Komma-Strich» fängt das an, dann biegt sich da ein Strich, dort kommen zwei dazu, dann ein dritter, eine Schraffur, etwas dunkle Farbe. Jedesmal haben wir einen anderen Kopf vor uns: linear oder plastisch, hinter Rastern verschwunden oder in Punkte aufgelöst, verdoppelt, verdreifacht, winzig, gross... sanft oder zornig oder nachdenklich – oder einfach Mensch.

Markus Raetz ist in Büren an der Aare aufgewachsen, besuchte das Lehrerseminar und arbeitet zwei Jahre lang als Primarlehrer in der Region Biel. «Seit 1963 ist er freier Künstler», heisst es lapidar im Künstlerlexikon Sik-Art. Und weiter: «Neben den Zeichnungen seines Vaters Ernst Rätz prägen ihn die Nachbarschaft zum Bildhauer Piero Travaglini, später die Freundschaft zu Walo von Fellenberg und der Kontakt zur Kunsthalle Bern unter der Leitung von Harald Szeemann und dessen Assistent Jean-Christophe Ammann.»

Blitzkarriere von Bern aus

Die Kunsthalle Bern und die beiden Leiter: Sie waren damals der Motor in der Schweizer Kunstszene. Und Markus Raetz war in der Kunsthalle an der legendären Ausstellung «When Attitudes Become Form» zu sehen, 1972 dann an der Weltkunstausstellung Documenta 5 in Kassel – und bald in vielen Museen der Welt. Raetz wanderte auch selber: Er lebte in Bern, in Amsterdam, im Tessin und ab 1977 wieder Bern. Dazu reiste er viel: In Frankreich, Berlin, den USA verbrachte er längere Zeit.

Wer nur die späten Werke kennt, mag es kaum glauben: In den 1960ern begann Markus Raetz zeittypisch mit Pop Art zu arbeiten. Lustige Wolken- und Bänderreliefs in Blau und Rosa hängte er an die Wände. Bereits hier liess er flache Dinge durch optische Täuschungen scheinbar in den Raum ausgreifen. Und mit zum Pop-Feeling gehörte, dass der schlaksige junge Mann auf dem Laufsteg als Model die so bunten wie frechen Kleider-Kollektionen seiner Frau Monika vorführte. Das waren Zeiten!

Doch nach dem lustigen Pop kam die Zeit der strengen Konzeptkunst. Konzepte verfolgte Markus Raetz auch. Doch streng oder gar trocken waren seine nicht. Seine Arbeitsweise entsprach eher einem sprudelnden Bach als einem streng geführten Kanal mit einem kargen Restwässerchen. Und doch erweist sich sein Werk im Nachhinein sehr wohl als stringent und durchdacht. Als fröhliche Wissenschaft eines Künstlers, der den Fakten und der Realität glaubt, aber dahinter mehr vermutet. In immer neuen Drehungen und Wendungen, mit neuen Materialien und Rückgriffen auf alte Einfälle mäanderte Raetz über sechs Jahrzehnte durch seinen Kunstkosmos. Immer mit dem Wunsch, die Geheimnisse von Wahrnehmung und Täuschung praktisch forschend zu ergründen. Dass er dabei die Ideen nicht theoretisch entwarf und rational erklärte, sondern sie zu sinnlich erlebbaren Kunstwerken formte, dafür war ihm das Publikum dankbar – nicht nur in den Aera der forciert kargen Kunstattitüde.

Mimi ist der hölzerne Beweis

Mit vierzehn Vierkanthölzern bewies Markus Raetz auch einem breiten Publikum was Skulptur und Wahrnehmung heisst. Mimi hiess die Figur, die sich zuerst in Einzelteilen in einen Park legte, aussah wie von Bauarbeitern verstreute und vergessene Balken, sich vom richtigen Standpunkt aus aber als abstrahierte, menschliche Figur entpuppte. Später wurde Mimi auch zu einer mit Scharnieren verbundenen Stabpuppe, die sich in einem Museum an die Wand lehnen, sich setzen oder oder in verschiedenen Posen auf den Boden legen konnte – und die so den klassischen Heldenfiguren und schönen Damen in den Museumssammlungen eine so gute wie zeitgemässe Kameradin wurde.

Mimi war zwar flexibel, aber krud, hart und viereckig aus Eichenholz gesägt. Doch Markus Raetz, der feine Zeichner, der Linienzauberer hatte auch einen Sinn für feine Andeutungen und leise knisternde Dinge. Drei gebogene Ästchen, eines mit einer V-Gabel, richtig nebeneinader gelegt: Und fertig ist die Hüfte einer Frau. Wurzeln könnne doch zu Händen werden: sanft streichelnd oder bedrohlich umklammernd. Augen sind Höhlen oder schlafende Seen. Ja, Markus Raetz war auch ein Poet, ein Meister des Leisen und Subtilen.

Ja ist auch nein. Wenn man rundum geht.

Ja ist auch nein. Wenn man rundum geht.

Am Verblüffendsten aber sind seine metamorphotischen Skulpturen, eben diese Dinge, die sich je nach Standort verändern. «SI» ist auch «NO», «nada» wird zu «todo». Und selbst um Micky Mouse und Elvis machte Raetz keinen Bogen, sondern verwandelte sie zu wandelbaren Formen im Raum. Oder er zauberte aus einem Hasen das berühmte Profil des Künstlers Joseph Beuys mit Hut. Genial und verblüffend – so oft man es auch sieht.

Diese Prominenten sind 2020 verstorben: 

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