Die Namen der Gewinnerinnen und Gewinner des Schweizer Filmpreises schlummern in versiegelten Couverts und sind nur den Mitgliedern der Filmakademie bekannt. Auch wenn sich die Öffentlichkeit auf die Bekanntgabe bis diesen Freitagabend gedulden muss, ist eines sicher: Die Verleihung des 21. Schweizer Filmpreises steht im Bann einer Meerjungfrau. Regisseurin Lisa Brühlmanns (37) Langfilmdebüt «Blue my Mind» ist mit sieben Nominationen der Favorit des Abends.

Diese Filme sind für den Schweizer Filmpreis 2018 nominiert:

Der Spielfilm erzählt die Geschichte eines pubertierenden Mädchens, das sich allmählich in eine Meerjungfrau verwandelt. Die 15-jährige Mia leidet unter der gewaltigen Veränderung ihres Körpers und flüchtet sich in eine Welt von Sex, Drogen und wilden Partys. Die Regisseurin findet mit ihrer Mischung aus Realität und Fantasy eine geschickte Metapher für die körperliche Erfahrung in der Pubertät.

Wie Faustschläge in den Magen

Die Idee mit der Meerjungfrau ist im Gespräch zwischen Brühlmann und ihrem Ehemann Dominik Locher entstanden, der ebenfalls Filmregisseur ist. «Dominik fragte mich: ‹Wenn es dein letzter Langspielfilm wäre, was würdest du erzählen?› Für mich war sofort klar, dass es um eine Meerjungfrau gehen muss», erläutert die Regisseurin. Die Meerjungfrau tauche in verschiedenen Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten auf; daraufhin habe sich Brühlmann gefragt, was diese Figur heute bedeute und wie man sie in ein zeitgenössisches Bild umsetzen könne: «Für mich ist die Meerjungfrau eine Figur, die verbunden ist mit ihrer Urkraft. Sie ist wild und frei.»

Die Zürcher Regisseurin hat den Weg zur Regie über die Schauspielerei gefunden. Erste Bühnenerfahrungen machte sie im Primarschulalter mit einem Kinder- und Jugendtheater. Sie habe sich aber in einem Umfeld befunden, in dem man eher etwas «Richtiges» machen musste, erklärte Brühlmann in einem Interview. Daher kam eine Schauspielschule zunächst nicht infrage, und sie machte eine KV-Lehre. Erste Kinoluft schnupperte sie später, als sie für den Fernsehsender Star TV arbeitete. Es folgten eine Schauspielausbildung in Berlin und Auftritte in diversen Filmen und TV-Serien. Danach studierte sie Filmregie an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), an der sie auch ihren Ehemann Dominik Locher kennen lernte.

Als Regisseur muss man nicht zwangsläufig Schauspiel studiert haben, um sich gut auf Schauspieler und deren Figuren einlassen zu können – schaden tut es aber auch nicht, wie «Blue my Mind» beweist. Unter Brühlmanns Führung stechen die Jungschauspieler, allen voran Luna Wedler (18) als Mia, durch ihre Leistungen hervor. Ihre Figuren wirken für Schweizer Verhältnisse ungewöhnlich direkt, und sie reden frei heraus über Sex und ihre eigenen Körper: «Dä Jim hät mi gläckt – er häts nonig im Griff. Vilicht figg ich ihn, wänn er besser läckt.»

Die Dialoge und allgemein unzimperliche Darstellung des Teenie-Alltags wirken wie Faustschläge in den Magen. Sie sind aber auch erfrischend authentisch. «Man bekommt schon mal viel mit, wenn man im Bus den Jugendlichen und ihrer Sprache zuhört. Ich habe auch viele Interviews mit Jugendlichen in Jugendzentren und -treffs geführt», sagt Brühlmann. Ausserdem hätten auch die Jungschauspieler ihre eigenen Vorschläge für die Dialoge eingebracht und umgesetzt.

«Blue my Mind» fliegen die Herzen der Kritiker und Festivaljurys in Spanien, Brasilien, Deutschland und vielen anderen Ländern zu. Er ist ohne Zweifel der Schweizer Film der Stunde. Umso mehr fällt die Diskrepanz zu den einheimischen Zuschauerzahlen auf; hierzulande ging das mutige Pubertätsdrama an den Kinokassen unter. Trübt das ein wenig die unüberhörbare Freude von Brühlmann über den Erfolg? «Natürlich wünscht man sich, dass möglichst viele Leute den Film sehen. Es gibt aber verschiedene Arten von Erfolg», so die Regisseurin. Beispielsweise laufen die Verkäufe auf VOD-Plattformen («Video-on-Demand») gut, und weltweit hätten viele Festivalbesucher den Film gesehen, was sehr schön sei.

Ganz unvorbereitet war Brühlmann aber auch nicht: «Wir dachten uns im Voraus, dass gewisse Elemente des Filmes das Publikum abschrecken könnten.» Hatten die Zuschauer vielleicht auch Mühe damit, dass der Film das Heranwachsen von jungen Frauen und, ganz konkret, die weibliche Sexualität thematisiert? Brühlmann lässt diese Hypothese nicht ganz zu. «Natürlich ist das im Film drin, aber nicht nur. Ich habe erstaunlicherweise auch viele positive Bekundungen von jungen Männern erhalten, die sich stark mit Mia und ihrer Situation identifizieren konnten und denen der Film sehr nah ging.»