Interview
Nach zehn Jahren verabschiedet sich Annette Schindler vom Animationsfilmfestival Fantoche: «Eine grosse Liebesbeziehung endet»

Eine Dekade lang hegte und pflegte Annette Schindler den Animationsfilm als Festivaldirektorin von Fantoche. Am Wochenende endete die letzte Ausgabe unter ihrer Leitung - ein Abschied mit Trennungsschmerz.

Anna Raymann
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Eine Dekade für den Animationsfilm: Annette Schindler nach ihrer letzten Fantoche-Ausgabe.

Eine Dekade für den Animationsfilm: Annette Schindler nach ihrer letzten Fantoche-Ausgabe.

Alex Spichale

Am Wochenende ging die 19. Ausgabe des Animationsfilmfestivals Fantoche in Baden zu Ende. Es war nach zehn Jahren die letzte unter der Leitung von Annette Schindler. Die abtretende Direktorin erzählt von der grossen Liebe und den kleinen Versäumnissen.

Nach zehn Jahren waren es die letzten Tage mit Ihnen als Festivaldirektorin. Wie geht es Ihnen?

Annette Schindler: Mir war es das ganze Jahr sehr bewusst: Das letzte Mal die Vorselektion treffen. Das letzte Mal mit so kompetenten Leuten, so vertieft über Filme sprechen. Der Trennungsschmerz wird sich noch bemerkbar machen, aber während des Festivals mochte ich nicht daran denken. Ich wollte die Freude an der Feier, die Freude darüber, dass es überhaupt stattfinden konnte, einfach geniessen.

Wie haben Sie diese besondere Ausgabe erlebt?

Es gab kein Jahr ohne Challenge. Es ist jetzt das zweite Festival unter Pandemiebedingungen. Was Fantoche und ich in den letzten beiden Jahren gelernt haben – was wir davor wirklich nicht gut konnten –, ist Flexibilität. Wir sind Planer, wir wollen alles genau im Voraus wissen. Wir wollen wissen, wer die Kugelschreiber wann wohin bringt. (lacht) Das es nun Momente gibt, die man nicht vorhersehen kann, löst ein Lernprozess aus. So konnten wir auch dieses Jahr einiges auffangen. Die Erfahrung macht Vieles einfacher.

Zur Person

Annette Schindler

Annette Schindler

Annette Schindler war in ihrem «früheren Leben» Kuratorin und Kunstvermittlerin – und dies auffällig initiativ: Sie ist Mitgründerin des Forums für neue Medien [plug.in], dem «Shift – Festival der elektronischen Künste» sowie der ersten Medienkunst-Sammlung der Schweiz. Konsequent führte das zur Gründung des «Hauses für elektronische Künste». Für ihr Engagement verlieh ihr das BAK 2010 den Prix Meret Oppenheim. Seit 2012 hatte sie die künstlerische und seit 2013 die Festivalleitung von Fantoche.

Mit der Erfahrung wird es einfacher – aber auch besser? War es das beste Fantoche seit zehn Jahren?

Ich mache keine Rangliste mit dem allerbesten, dem zweit- und drittbesten Festival. Jedes Festival hat seinen eigenen Charakter, seine eigene Persönlichkeit. Es ist sicher ein Festival, auf das ich mich riesig gefreut habe.

Wie ist die Pandemie am Festival zu spüren?

Wir haben uns schon im Juni für die Zertifikatspflicht entschieden. Jetzt zeigt sich, dass es die richtige Entscheidung war, aber auf der Strecke gab es viele Momente, an denen ich unsicher war und Zweifel hatte. Ein Zertifikat löst nicht alle Probleme, aber es gibt Regeln vor, an die man sich halten kann. Das gibt mehr Sicherheit für das Publikum und mein Team.

Und wie äussert sich die Situation in den Zahlen?

Wir rechnen nicht damit, dass wir auf die Besucherzahlen von vor der Pandemie kommen. Wir rechnen eher mit ähnlich viel Publikum wie letztes Jahr. Der Kinderfilmwettbewerb, der letztes Jahr noch sehr gut besucht war, hatte dieses Jahr überraschend wenig Publikum. Alle Schutzmassnahmen, die wir kennen, betreffen die Erwachsenen, aber die Kinder sind eben «at risk». Vielleicht sind da gerade die Familien vorsichtiger mit solchen Anlässen.

Zurück zu dem, was ein Filmfestival ausmacht, den Filmen: Was muss man denn dieses Jahr gesehen haben?

Unsere Kernkompetenz, die Wettbewerbe, sind sehr beliebt. Gerade die sind aber nicht nur fürs Publikum wichtig, sondern auch für die Filmschaffenden. Wir hatten mehr Einreichungen als vor der Pandemie. Das zeigt, dass es Filme sind, die gemacht werden mussten, und eine gewisse Dringlichkeit haben. Dass Kultur etwas Wichtiges ist und kein Luxusgut, auf das man verzichten kann. Ausserdem sind viele Filmschaffende und Verleiher froh, ihre wertvollen Filme auf der Leinwand zu sehen statt in einem Onlineangebot.

Gibt es Filme, Programme, die Sie in ihrer Zeit als Direktorin verpasst haben?

Seit einigen Jahren haben wir den «hors concours», der die Wettbewerbsprogramme ergänzt und ziemlich viel auffangen kann. Aber im Kurzfilmwettbewerb übersieht man dennoch immer wieder Filme, worüber ich mich schon ärgere. Andere «Regrets» sind dann eher installative, multimediale Arbeiten oder interaktive, wunderschöne AR- und VR-Experiences, die wir uns einfach nicht leisten konnten.

Wie hat sich das Filmschaffen in den letzten zehn Jahren verändert?

Verändert haben sich eigentlich weniger die Filme, sondern die Sehgewohnheiten der Leute. In den 1940er-Jahren, den goldenen Zeiten des Kinos, gab es Säle mit 1000 Plätzen. Diese Säle werden immer kleiner und kleiner. Die Bildschirme, auf denen wir Filme schauen, werden immer kleiner und kleiner. Sie sind nicht mehr zentral, sondern verteilt in jedem Haushalt, sogar in jeder Hosentasche.

Was bedeutet das gestalterisch?

Seit man versteht, welche Filme an der Kasse funktionieren, sind ganze Produktionsprozesse darauf ausgerichtet. Das lässt weniger Raum, ausgefallene Ideen oder verrückte Geschichten auszuprobieren. Auf der anderen Seite hat sich die Technik sicher stark weiterentwickelt. 3D-Animationen wie CGI, eine ursprünglich sehr kommerzielle Technologie, hat sogar in Fantoche-Independet-Programme Einzug gehalten. Als ich beim Fantoche angefangen habe, war der Prozentsatz von Filmen, bei denen der Computer eine Hauptrolle spielt, deutlich kleiner als heute.

Haben Sie einen Lieblingsanimationsfilm?

Ein all time favourite ist «Solar Walk» von Réka Bucsi von 2018. Der lässt mich abtauchen und träumen und hatte sicher eine prägende Wirkung auf mich. Aber auch «A la votre» von Monique Renault aus dem Jahr 1973 – mit einer atemberaubenden feministischen Erotik. Beide Filmemacherinnen waren dieses Jahr am Fantoche.

Die Frauenförderung war Ihnen als Festivaldirektorin ein wichtiges Anliegen. Zum 100-jährigen Jubiläum des Schweizer Animationsfilmschaffens gibt es nun ein Podium zu den Frauen im Genre.

Das machen wir aus dem Grund, weil die Frauen im Schweizer Animationsschaffen lange gefehlt haben. In England oder Frankreich haben Frauen bis zurück in die 60er-, 70er-Jahre kontinuierlich Werke schaffen können, wie eben Monique Renault. Und in der Schweiz ging es fast bis in die 90er-Jahre, bis weibliche Animatorinnen ein Oeuvre aufbauen konnten. Das sind grosse Lücken, die peinlich und erklärungsbedürftig sind.

Zurzeit gibt es viele Abgänge von Festivaldirektorinnen – Anita Hugi in Solothurn, Lili Hinstin in Locarno – wie war es für Sie als Frau ein Filmfestival zu leiten?

Ich habe mich nie benachteiligt gefühlt als Festivalleiterin. Wenn das in der heutigen Zeit noch so wäre, wäre das ein riesengrosser Skandal. «Me too»-ähnliche Situationen habe ich im Studium erlebt, seither habe ich solche Momente geschickt vermieden.

Vielleicht auch, weil das Genre heute sehr divers ist?

Schon unsere Heldinnen-Ausgabe im letzten Jahr hat gezeigt: Es sind Frauen, die aktuell eine überwältigende Power entwickeln und somit den Männern gehörig Konkurrenz machen.

Nach einer Dekade: Was ist das Fantoche ohne Annette Schindler?

Ich habe mich bemüht, ein Festival nicht um mich als Person aufzubauen, sondern eines, das in sich stark ist. Ich bin unglaublich stolz auf mein Team. Die letzten Jahre waren anspruchsvoll und sie haben gezeigt, dass mit viel Motivation dabeibleiben und vor nichts zurückschrecken. Ivana Kvesic, die neue Leiterin, wird neue Erfahrung und ein neues Netzwerk mitbringen, aber sie kann sich auf ein funktionierendes Getriebe verlassen.

Was ist Annette Schindler ohne Fantoche?

Eine grosse, schöne Liebesbeziehung geht zu Ende. Aber ich freue mich auch auf einen neuen Abschnitt, ich werde mich selbstständig machen als Kuratorin und Beraterin im Bereich Animationsfilm und als Mentorin für junge Kunsthistoriker.

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