Alte Reithalle
«Der schönste Saal der Schweiz»: Die Alte Reithalle in Aarau ist ein radikales Haus für Theater, Musik und sogar Zirkus

Am Wochenende wird die Alte Reithalle in Aarau eröffnet. Das Mehrspartenhaus wartet auf seine wichtigsten Akteure: das Publikum.

Anna Raymann
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Die Alte Reithalle ist ein Haus für die Musik, das Theater - und am wichtigsten: das Publikum.

Die Alte Reithalle ist ein Haus für die Musik, das Theater - und am wichtigsten: das Publikum.

Luca Zanier

Bühne frei heisst es bald schon in Aarau. Mit der Alten Reithalle erhält die Stadt ein Haus für die Künste – fürs Theater, für die Musik und auch den Zirkus. Es ist ein Haus, das fast alles neu macht und doch fest verankert ist, längst gute Nachbarschaften und gar Freundschaften geschlossen hat. Noch sind die Fensterläden wie zum Dornröschenschlaf verschlossen, dahinter aber rumpelt und rumort es kräftig. In der alten Reithalle scharren die Hufen.

Nur noch wenige Details müssen jetzt justiert werden, Stimmung, Schein und Atmosphäre sind bereits eingezogen. Die Halle verschluckt ihr Publikum und spuckt es mit einem Schritt geradewegs auf – oder eben hinter die Bühne.

Das Projekt ist eine Herkulesaufgabe

Die Halle ist, was das Wort verspricht: Ein einziger, immenser Raum. Lediglich ein paar Bahnen Vorhänge unterteilen ihn. Hier das Orchester, das neue Zuhause für Argovia Philharmonic, dort das Theater, Spielwiese für die Bühne Aarau. Dazwischen ist alles möglich. Steht man im 2000 Quadratmeter grossen Raum, ist klar: Das war eine Herkulesaufgabe, die sich 2012 das junge Büro Barão-Hutter angenommen hat. Peter Hutter schmunzelt: «Wir mögen komplexe Bauaufgaben mit starkem Charakter. Wir sind keine Grundriss-Optimierer.»

Die Alte Reithalle ist ein «Einraumwunder».

Die Alte Reithalle ist ein «Einraumwunder».

Luca Zanier

Weglassen ist schwieriger als etwas zu verbauen. Und hier steht nichts im Weg, was dort nicht hingehörte. Die Theatertechnik wird in Luken am Boden, vor allem aber in einer schwindelerregenden Konstruktion unterm Dach versteckt.

Die Alte Reithalle will von allen Seiten genutzt werden

Der Raum gehört seinen Nutzern. Und die haben längst begonnen, ihn zu beziehen. Der frisch verlegte Theaterboden hat die ersten Kratzer. Die verbauten Materialien schmücken weniger, als dass sie nützen. «Wir haben ausschliesslich Materialien verbaut, die zeigen, was sie sind», erklärt Hutter. Die Architekten haben nicht, wie im Wettbewerb verlangt, feste Wände gezogen, zwei Räume und ein klassisches Foyer eingebaut.

Ihre Idee des «Einraumspektakels» war von Beginn an radikal, doch man glaubte an das Projekt: «Wenn man eine ungewöhnliche Reise antritt, muss man offen sein für Neues und Unerprobtes», sagt Stadtbaumeister Jan Hlavica. Er ist noch heute überzeugt. «Es ist nicht der provisorische Charakter, den die Architekten erhalten haben, sondern die Flexibilität der Halle.» Dies gilt nicht nur nach innen, sondern auch nach aussen zur Stadt hin, wo sich die Umgebung um die Alte Reithalle weiter entwickeln wird.

Wenige Kompromisse, viele Möglichkeiten

Ein Theater, das nur einen Raum hat, verlangt Kompromisse. Die Akustik etwa erlaubt keine parallelen Produktionen in den Hallenhälften. Vieles aber wird erst möglich sein durch den mutigen Entscheid. Bald schon wird eine Zirkusmanege in die Halle gebaut. Peter Hutter:

«Manchmal war ich mir nicht sicher, ob den Nutzern immer bewusst gewesen ist, wie radikal ihr neues Zuhause wird.»

In der Alten Reithalle gibt es kein schützendes Entrée, keine Gänge und damit auch kein Backstage. Peter-Jakob Kelting, Künstlerischer Leiter der Bühne Aarau: «Anders als in anderen Häusern kann man bei uns dem Theater gewissermassen unter den Unterrock schauen.» Die Zuschauer werden auf dem Weg zu ihren Plätzen vielleicht Requisiten oder Probesituationen von anderen Stücken sehen.

Wie sich das Publikum, aber eben auch die Schauspieler, die Bühnenbildnerinnen, die Musikerinnen und Tontechniker zurechtfinden werden, muss sich zeigen. «Die erste Spielzeit besteht aus lauter ersten Malen», sagt Kelting.

«Wir werden üben müssen, um das Beste für unser Publikum herauszuholen und wir hoffen, dass es genauso geduldig ist wie wir – immerhin ist es der schönste Saal der Schweiz.»
In den Garderoben könnte es eng werden. Spielt das Sinfonieorchester in voller Besetzung müssen die Musikerinnen und Musiker an der Schauspielseite der Alten Reithalle anklopfen.

In den Garderoben könnte es eng werden. Spielt das Sinfonieorchester in voller Besetzung müssen die Musikerinnen und Musiker an der Schauspielseite der Alten Reithalle anklopfen.

Luca Zanier

Viel zu Üben werden die Pausen geben. Das Foyer, das zwischen die beiden Bühnen sitzt, ist knapp bemessen. «Mit bis zu 250 Gästen im Theater haben wir kein Problem. Bei 500 Gästen etwa bei einem klassischen Konzert könnte es in den Pausen aber recht kuschelig werden», so Kelting. Man werde austesten, wie sich die beiden Hallenteile hierzu bespielen lassen.

Selbst das Publikum wird Teil des Schauspiels

Auch in den Künstlergarderoben wird es eng. Schon jetzt zeigt sich: Spielt das Sinfonieorchester in voller Besetzung, müssen die Musikerinnen und Musiker an der Schauspielseite anklopfen. Die Garderoben liegen als dreigeschossige Türme an den Stirnseiten – hinter ihren Türen ist all die Bescheidenheit der grossen Halle vergessen. Die Spiegel, die dicken Glasbausteine, die schwarz gefasste Flucht kündigt den grossen Auftritt an. Vorbild für diesen Bereich war den Architekten der Ballett-Psychothriller «Black-Swan».

An den kleinen Spiegel vor den Toiletten können sich Besucher die Haare richten und die Musikerin das Kleid richten.

An den kleinen Spiegel vor den Toiletten können sich Besucher die Haare richten und die Musikerin das Kleid richten.

Luca Zanier

Zwischen Garderobe und der im Erdgeschoss der Türme angelegten Besuchertoilette werden sich Gäste und Künstler erneut begegnen. Die Alte Reithalle macht jeden zum Teil des Schauspiels – egal ob auf der Bühne oder in den Rängen. Das könnte Theater und Konzert entzaubern, vor allem aber wird es sie demokratisieren. Eine Aufgabe, der sich alle, die die Halle betreten werden, gemeinsam stellen müssen.

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