Zum 125-igsten Geburtstag von Friedrich Glauser: Schreibend entfloh er der Hölle

Eine umfangreiche Zusammenstellung der Germanistin Christa Baumberger dokumentiert anschaulich das tragische Leben des genialen Aussenseiters Friedrich Glauser. Heute vor 125 Jahren kam er zur Welt. Ein Rückblick auf ein sehr kurzes, aber intensives Leben.

Charles Linsmayer
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In dieser Illustration von Hannes Binder wird Glausers berühmter Kommissar Studer im Atelier porträtiert. Etwa vom Autor selbst?

In dieser Illustration von Hannes Binder wird Glausers berühmter Kommissar Studer im Atelier porträtiert. Etwa vom Autor selbst?

Bild: Hannes Binder/Limmatverlag

Schon 1938, kurz bevor er 42-jährig starb, galt Glauser laut dem Basler Kritiker Otto Kleiber als «der erfolgreichste schweizerische Schriftsteller, der einzige, der sich allein durchzubringen in der Lage ist.» Der Erfolg war allerdings damals wie heute seinen Kriminalromanen geschuldet. Und damit einem Genre, das er im Grunde verachtete.

Zwar meinte er 1937, er wolle «die Leute erwischen, die Courths-Mahler, Felicitas Rose oder Rösy von Känel lesen», und probieren, ob es nicht möglich sei, «ohne sentimentalen Himbeersirup Geschichten zu schreiben, die meinen Kameraden, den Gärtnergehilfen, den Maurern und deren Frauen gefallen». Aber kurz darauf wusste er wieder, dass «der Weg mit dem Kriminalromaneschreiben nirgends hinführt», dass er, um Erfolg zu haben, «auf Teufel komm raus Studer-Romane schreiben» müsse und doch «lieber etwas ganz anderes» schriebe. Womit er jenen «Schweizer Roman» meinte, an dem er vor seinem Tod noch arbeitete und der formal an «Gourrama» anschliessen sollte, den in Marokko spielenden Legionärsroman, kein Krimi also. Nicht ahnen konnte Friedrich Glauser bei seinem Tod allerdings, dass einst eine andere Hinterlassenschaft, aufgesplittert in Zeitungsfeuilletons, Notizen und Briefe, als ein weiterer, nicht geschriebener, sondern gelebter hinreissender Roman von ihm angesehen werden könnte.

Packende Begegnung mit dem «anderen Glauser»

125 Jahre nach seiner Geburt sind wir in der Lage, den «anderen Glauser» kennen zu lernen, einen Menschen, der sich schreibend aus der Hölle herauszuarbeiten versuchte, in der ihn die Drogensucht, eine repressive Psychiatrie und eine bigotte Administrativjustiz lebenslang gefangen hielten. Den Erzähler und verblüffend vielseitigen Briefschreiber haben Manfred Papst, Bernhard Echte und andere längst zugänglich gemacht. Seit Gerhard Saners Darstellung von 1981 wurden die Abgründe seines Lebens vielfach erhellt. Beides zusammengebracht aber hat erst Christa Baumberger mit ihrer ausführlichen, klug kommentierten und um viele unbekannte Funde bereicherten Sammlung «Friedrich Glauser. Jeder sucht sein Paradies…». Hannes Binder evoziert darin Glausers Paradiessuche von der Fremdenlegion bis zu dem Moment, als Berthe Bendel seine Asche zum Friedhof Manegg trägt, kongenial mit seinen Bildern.

Hin und Her zwischen Internierung und Freiheit

Ihren Anfang nimmt die Dokumentation 1917, als Glauser dem Morphium verfällt, auf Druck des Vaters entmündigt wird und erste Gedichte schreibt. Bis zu den letzten zwei Jahren, als er ins Ausland entkommt, ist sein Leben von da an von einem Hin und Her zwischen Internierung und Freiheit, Entwöhnungsphasen und Rückfällen bestimmt – und von Autoritäten wie seinem Vater, den er hasst und doch braucht, zwei hyperkorrekten Amtsvormündern, deren Notate wichtige Aufschlüsse geben, Psychiatern wie Max Müller und Verlegern wie Friedrich Witz. Wobei nicht die vergebliche Paradiessuche, sondern das Schreiben ihn sein tragisches Leben ertragen lässt. «Gedruckt zu werden, ist nämlich für mich die einzige Rettung…», erkannte er schon 1918.

Friedrich Glauser in der psychiatrischen Klinik Münsingen: «Gedruckt zu werden, ist nämlich für mich die einzige Rettung… »

Friedrich Glauser in der psychiatrischen Klinik Münsingen: «Gedruckt zu werden, ist nämlich für mich die einzige Rettung… »

Bild: Limmatverlag

Gerade in dieser Hinsicht waren für ihn immer auch Frauen bedeutsam, die bedingungslos zu ihm hielten. In unterschiedlichen Konstellationen allerdings. So verehrt er seine früheste Liebe Elisabeth von Ruckteschell völlig hingerissen in Form eines Gebets als «schlanke Gottheit in blondem Haar», während er die treuste Partnerin, die Psychiatrieschwester Berthe Bendel mit «lieb Bertie klein» und «Geissli» tituliert. Die schönsten Briefe aber schreibt er «Maman Marthe», der Baslerin Martha Ringier, die ihm die mit vier Jahren verlorene Mutter ersetzt. Glausers Liebesbriefe hat Manfred Papst unter dem sprechenden Titel «Du wirst heillos Geduld haben müssen mit mir» kompetent kommentiert auch separat ediert.

Trotziges Im-Abseits-Stehen

Schon 1917 sprach Glauser in einem Brief an den Vater von der «Gesellschaft, an deren Rand ich wohl leben werde». Noch 1938 bekannte er dem Schauspieler Heinrich Gretler: «Ich glaub immer noch, dass man mit viel Geld nie etwas Anständiges zustande bringen wird, und darum halte ich mich so im Souterrain.» Dieses trotzige Abseitsstehen einer Gesellschaft gegenüber, die ihn lebenslang bevormunden liess, ist etwas vom Eindrücklichsten in dieser Sammlung. Auch wenn er zuletzt Studi und die Schweiz, aus der er lange nur fliehen wollte, als rettendes Ufer ansah: er zeigte doch einen Mut, wie er vielen Zeitgenossen fehlte. So schrieb er sieben Tage vor seinem Tod der Stiefmutter: «Ich mag Zwingli. Er hatte keine Angst vor dem Tod, und er liess sich als der tapfere Mann, der er war, in einer Schlacht zusammenschlagen, die er zu verhindern versucht hatte. Mein Gott, man spricht gegenwärtig so viel vom Krieg, und ich weiss, dass ich mich wie er zusammenschlagen liesse für eine Sache, die ich für gut halte.»

«Jeder sucht sein Paradies…»: Briefe, Be­richte, Gespräche. Herausgegeben von Christa Baumberger und Illustrationen von Hannes Binder. Limmat-Verlag, 520 S.

«Du wirst Geduld haben müssen mit mir»: Liebesbriefe. Mit einem Vorwort und Steckbriefen der Empfängerinnen von Manfred Papst. Unionsverlag, 147 S.

Die Romane von Friedrich Glauser

  • «Wachtmeister Studer»: Der bieder-schweizerische Kommissar, dem Glauser zu Ruhm und Ansehen verhalf, beweist hier, dass die Aktennotiz «Schlumpf Erwin Mord», wie der Roman ursprünglich hätte heissen sollen, nicht stimmt.
  • «Matto regiert»: Der Irrenhausroman, in dem der vermeintliche Hausgeist Matto Kommissar Studer das Rätsel der Ermordung des Anstaltsdirektors lösen hilft.
  • «Der Chinese»: In dem Roman sagt der Weltenbummler Fahrni zu Studers Verblüffung seine eigene Ermordung voraus.
  • «Die Fieberkurve»: In diesem Roman führen Wachtmeister Studers Ermittlungen ihn bis in die französische Fremdenlegion nach Nordafrika.
  • «Die Speiche»: Der fünfte und zugleich kürzeste Studer-Roman war eine Auftragsarbeit. Der Krimi dreht sich um einen Mord im fiktiven Dorf Schwarzenstein im Appenzellerland.
  • «Gourrama»: Der einzige Roman Glausers, der nicht ins Krimigenre gehört. Glauser hielt ihn für seinen wichtigsten Roman.