Nebenschauplätze

Ein Kunstbummel in Aarau: Falsche Blumen und echte Gefühle

Bunte Sträusse bietet Andrina Jörg im Eck. Welken wird ihre Paranatur nicht.

Bunte Sträusse bietet Andrina Jörg im Eck. Welken wird ihre Paranatur nicht.

Kunst spriesst in der Kantonshauptstadt auch ausserhalb des Kunsthauses. Wir waren im KiFF, im Kunstraum und im Eck. Es hat sich gelohnt.

Sie sind klein, teilweise nicht grad am Weg, aber zur Zeit lohnt sich ein Bummel durch Aaraus Kunstnebenschauplätze besonders. Wobei Nebenschauplatz nicht despektierlich gemeint ist, aber die Galerien und Kunsträume stehen meist im Schatten des Kunsthauses (das mit Julian Charrières magischen Eisexpeditionen und der Sammlung und den «Caravans» natürlich die Reise in die Kantonshauptstadt aktuell auch mehr als lohnt).

Aber auf in die Stadt. Im Eck, an bester Lage – zwischen Tuchlaube und Rathaus, in der ehemaligen Metzgerei Speck – hat sich Andrina Jörg mit ihrem neuen Blumenladen eingerichtet. So sieht es jedenfalls aus – üppig, bunt und grün leuchtet es aus den Schaufenstern. Meist bleibt einem auch nur dieser Blick, ist die Geschäftsinhaberin nur selten vor Ort. Doch keine Angst, ihre Ware welkt nicht – ihre Blumen, ihr Grünzeug, ihre Girlanden stammen aus der Paranatur. Einem pflanzlichen Paralleluniversum, zu dem die Badener Künstlerin seit Jahren forscht.

In ihrem Bestimmungsbuch findet sich beispielsweise die Pflanzenfamilie der Plantae Utiligeneraceae, der Nutzpflanzen. Die auf Deutsch übersetzten Unterteilungen in Putzlinge, Zierlinge oder allgemeine Löffler bringen uns der Sache näher. Was so edel klingt, entpuppt sich nämlich als banales Alltagszeug: Plastiklöffeli, Staubwedel, Schwingbesen oder Trinkhalme. Und die copa ultramarina (der blaue Kugelbeserich) ist nichts anderes als ein WC-Bürsteli.

Erheiterung ist die erste Reaktion. Die zweite aber ist Bewunderung. Dafür, dass Andrina Jörg diese Analogien und ihr optisches Potenzial erkennt, es mit Schalk, wie Ernsthaftigkeit und Fantasie umsetzt. Die Präsentation als Blumenladen ist nur eines ihrer Projekte. Sie stellt Fotos aus, und hat auch schon diverse Bepflanzungen von Gärten, Bäumen oder Teichen vorgenommen – in Aarau könnte es auch aus dem Stadtbach spriessen.

Scheinbar Handfestes

Fragile Raumkonstruktion von Roman Sonderegger im Kunstraum.

Fragile Raumkonstruktion von Roman Sonderegger im Kunstraum.

Ein paar Gassen weiter gerät man auch bei Roman Sonderegger in eine Art Schein- oder Parallelwelt. Im etwas abgezupften Interieur des Kunstraumes am Ochsengässli fragt er «Wohin des Weges, Sonnenkönig?» und lässt uns in einen architektonisch nobel ausgestatteten Korridor treten, ein Spiegel spiegelt Grandezza vor. Doch die schönweissen Wandschuppen entpuppen sich als Kartonblenden, Halt gibt ihnen ein Lattengerüst, und wer sich weiter hinter die Scheinwelt wagt, steht vor eingemachten Erinnerungen.

Wie wenn der Steinmetz, Bühnenbildner und Künstler aus Buchs uns zeigen möchte: Doch alles echt, hat er im zweiten Stock Handfestes aufgebaut. Doch fest, was heisst fest? Die Gebilde aus Schaltafeln und Backsteinen sind nur durch Zuggurten gehalten, die Kanthölzer hängen im prekären Gleichgewicht an Schnüren und die Grotte – nach dem Bild der Beatushöhle von Caspar Wolf aus Latten geschichtet – würde nach einem Stolpern über der Besucherin zusammenstürzen.

Narziss mit Ausblick

Aus Flecken von Aquarellfarben lässt Nadia Baumann flüchtige Gesichter entstehen.

Aus Flecken von Aquarellfarben lässt Nadia Baumann flüchtige Gesichter entstehen.

So denken wir über Bauen und Vergänglichkeit nach. Gerade richtig, um sich ins KiFF aufzumachen, in die alte Futterfabrik in der Telli. Ihr Ende ist absehbar, die Treppe zum Turm ist aus stabilem Metall aber so frei schwebend wie gewisse Arbeiten von Sonderegger. Der Raum im ersten Stock heisst seit kurzem Beletage und dient als Ausstellungsraum.

Nadia Baumann, die eben erst die Kunstschulen in Aarau und Sierre abgeschlossen hat, zeigt dort Gesichter – wahre, erfundene, gefundene, eingebildete, erweiterte... Schön die zerlaufenden Aquarellgesichter, die an Masken erinnern, beredt die gezeichneten Gesten, irritierend die Fotos, bei denen sich Nadia Baumann mit anderen Menschen in analogen Entwicklungsverfahren verkuppelt und verfremdet – um alsbald als Narziss im Wasserglas so real wie flüchtig aufzuscheinen.

Christian Kuntners gezackte Sägescheiben liefern dazu sphärische Klänge, seine zweite Klanginstallation bietet einen bekannt-unbekannten «Ausblick».

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