Eins vorweg: Das Junge Theater Basel wird mit diesem Buch die Jungen nur schwer erreichen. Will es für einmal wohl auch nicht. Denn so wie auf der Bühne in den vergangenen 40 Jahren stets Neues ausprobiert worden ist, so bietet auch «Forever Young» eine grosse Vielfalt: Es ist Fan- und Festschrift (inklusive Grusswort zweier Regierungsrätinnen), Zeitspiegel, Infobroschüre, Reflexion, Coffee-Table-Book, Gesprächs-, Unistoff und Bildband in einem.

Zweifellos: Was dieses Junge Theater in der Schweiz und im Ausland erreicht hat, ist beachtlich und hat es verdient, in Buchform gewürdigt zu werden. Wer eine Vorstellung besucht, vergisst die Location im Basler Kasernenareal ebensowenig wie die mitreissenden Performances, die hohe Qualität und Authentizität der Laien unter professioneller Leitung.

Wichtige Talentschmiede

Eindrücklich ruft dieses Buch in Erinnerung, wie viele talentierte Menschen hier Station gemacht haben: Von Daniel Buser, Heidi Fischer bis zum aktuellen Leiter Uwe Heinrich. Man begegnet im Band auch Regisseuren wie Sebastian Nübling (siehe Interview unten) oder Suna Gürler – sowie ehemaligen Schauspielern, die wie Michael Koch dem jungen Theater zwar entwachsen sind, ihm aber noch immer viel zu verdanken haben und interessante Einblicke geben.

So wie der frühere Leiter Hansjörg Betschart, der die Anfangsjahre des Basler Jugendtheaters beschreibt mit der Lust auf «ein Leben in der Traumwelt, die unsere Realität war (...) Es wurde nicht einfach nur das Gegenteil von Stadttheater: Es war ein Lebensentwurf.»

Ein Lebensentwurf, dem Autor Alfred Schlienger in «Forever Young» nachgeht.

Das Gute: Er ist ein profunder Kenner der Materie und des Hauses. Das Gefährliche: Der Blick ist mehrheitlich introspektiv, Kritiker und Aussensichten sind Mangelware, Brüche in der Geschichte werden nur angetönt: So erlebte das Junge Theater Mitte der 80er-Jahre einen Absturz. Warum genau, bleibt unklar.

Risse und Reibungen gehören zur Jugend, wie in den ausführlichen Interviewstrecken deutlich wird, denen insgesamt mehr Platz eingeräumt wird als der ganz grossen Einordnung oder Details zu einzelnen Produktionen. Zu den Ausnahmen gehören die Debatten, die etwa die Gewaltdarstellungen in Simon Stephens’ Stücken ausgelöst haben.

Schlienger erwähnt zahlreiche Produktionen. Was sie ausgemacht hat, darüber würde man gerne noch mehr erfahren.

So setzt das reich illustrierte Buch weniger auf Geschichte und Geschichten, als man in einem Buch über Theater erwarten würde. Allerdings legt Schlienger zu Beginn auch offen, dass keine umfassende historische Aufarbeitung das Ziel gewesen sei, vielmehr konzentriere er sich auf Einblicke und Reflexionen zu zentralen Themen, Konzepten und Methoden. Das ist Programm, richtet sich das Buch doch über weite Strecken an ein fachkundiges Publikum. Kann man als Stärke ansehen: Es bietet nicht nur Stoff für Ehemalige und Theaterschaffende sondern auch für Pädagogen oder Soziologen. Wenn allerdings ein Essay der Medienwissenschaftlerin Ulla Autenrieth eingeleitet wird mit den Worten «jugendliche Selbstdarstellung und Beziehungsaushandlung unter den Bedingungen vernetzter Kommunikation», dann wähnt man sich zwar in der Gegenwart, aber nicht in der Welt der Jugend. Die findet man draussen. Und auf der Bühne.