«Er lässt seine Hände dort, wo du sie sehen kannst, er sagt nie etwas Unanständiges, und er hat keinen Penis» – laut Moderator Jimmy Kimmel ist die berühmte Oscar-Statue der perfekte Mann für eine neue Hollywood-Ära. Es soll eine Ära sein, die sich von sexuellen Raubtieren wie Harvey Weinstein befreit hat, die die Stimmen von Frauen nicht mehr verstummen lässt und die in der Filmbranche für mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern sorgt.

Die 90. Oscarverleihung sollte die Geburtsstunde dieser Ära sein, das wurde während der rund vierstündigen Gala in der Nacht auf Montag klar. Da war zum Beispiel der Auftritt der drei Weinstein-Opfer Salma Hayek, Ashley Judd und Annabella Sciorra, die ein emotionsgeladenes Video über die #MeToo- und Time’s-Up-Bewegungen präsentierten.

Und da war vor allem auch die wundervoll verschrobene Frances McDormand, die für ihre Rolle in «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Während ihrer Dankesrede bat sie alle weiblichen Nominierten im Saal aufzustehen. «Seht euch um», richtete sie an die männlichen Entscheidungsträger im Saal, «wir alle haben Geschichten zu erzählen, wir alle haben Filmideen, die finanziert werden sollten.» Es war ein magic moment, ein lauter, dringlicher Kampfruf, der für Gänsehaut sorgte.

Eine verpasste Gelegenheit

Doch genau dieser Kampfruf drohte postwendend zu verhallen. Denn sah man sich unter all diesen Frauen um, die auf McDormands Bitte hin aufgestanden waren, stellte man fest: Nur die wenigsten von ihnen hatten an diesem Abend auch tatsächlich einen Preis gewonnen. Die Oscars, für die sie nominiert gewesen waren, gingen stattdessen fast ausschliesslich an ihre männlichen Berufskollegen. Erschreckend: Neben McDormand und Allison Janney, die für «I, Tonya» als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde, gewannen an diesem Abend nur vier andere Frauen einen Oscar – das sind laut dem «Guardian» so wenige wie seit sechs Jahren nicht mehr.

Das ist bizarr. Die Gelegenheit für ein starkes Statement zugunsten von weiblichen Filmschaffenden war dieses Jahr besonders günstig gewesen. Mit Rachel Morrison («Mudbound») etwa war erstmals überhaupt eine Frau für die beste Kameraarbeit nominiert gewesen. Während der Show wurde sie zurecht als Pionierin angepriesen und lauthals bejubelt – doch die Oscarstatue wanderte schlussendlich in die Hände von Roger Deakins («Blade Runner 2049»), der zuvor 13 Mal leer ausgegangen war.

Auch Greta Gerwig blieb ohne Glück. Für ihren hochgelobten Film «Lady Bird» war sie gleich doppelt nominiert gewesen: für das beste Originaldrehbuch und – als erst fünfte Frau überhaupt – für die beste Regie. Die Oscars in diesen Kategorien gingen aber an den Afroamerikaner Jordan Peele für den Horrorfilm «Get Out» respektive an den Mexikaner Guillermo del Toro für das Fantasydrama «The Shape of Water», das auch als bester Spielfilm prämiert wurde.

Immerhin ging damit der Hauptpreis erstmals seit Clint Eastwoods «Million Dollar Baby» im Jahr 2004 wieder an einen Film, der nicht hauptsächlich von einem Mann handelt, sondern vielmehr aus der Perspektive einer Frau erzählt ist. Sally Hawkins spielt in «The Shape of Water» eine Putzfrau, die sich in ein Fischwesen verliebt und dieses aus einem Forschungslabor befreit.

Die 90. Oscarverleihung stand ganz im Zeichen von #MeToo. Doch will Hollywood wirklich eine neue Ära einläuten, tut sie in Zukunft gut daran, seine talentierten Frauen nicht nur zu nominieren und abzufeiern – sondern auch tatsächlich auszuzeichnen.