Kultur

Ein Juwel zum Jubiläum: Heute hätte Yvette Z'Graggen ihren 100. Geburtstag gefeiert

Heute wäre Yvette Z’Graggen, die «Grande Dame der Westschweizer Literatur», 100 Jahre alt geworden. Zum Geburtstag ist ihr letztes Buch «Juste avant la pluie» ins Deutsche übersetzt worden.

«Nein, ich werde kein Buch mehr schreiben. Ich habe den Eindruck, nun gesagt zu haben, was ich zu sagen habe.», hatte Yvette Z’Graggen 2008 in einem Interview zu ihrem Buch «Éclat de vie» («Lebenssplitter») bekannt gegeben. Gut, sie war 88, hatte bereits über zwanzig Werke publiziert. Dennoch: Für Fans sind solche Aussagen ein harter Schlag. Und Fans hatte Yvette Z’Graggen viele. Tausende von Leserinnen identifizierten sich mit einer ihrer Protagonistinnen und zahlreiche Schulklassen bewunderten im Französischunterricht die Differenziertheit des Antikriegsbuchs «Matthias Berg» und schätzten ihre aufrichtige Auseinandersetzung mit der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg in «Les années silencieuses» («Die Jahre des Schweigens»).

Umso schöner, dass Z’Graggen kurz darauf doch noch ein allerletztes, ganz besonderes Buch in Angriff nahm. Im September 2009 inspirierte sie das Gedenken an den 70. Jahrestag des Kriegsbeginns zu einer Erzählung, in der sie der Frage nachgeht: Was wäre passiert, wenn sie als 18-jähriges Mädchen den deutschen Liebhaber nach einem verblüffenden Zungenkuss nicht zurückgewiesen hätte? Wie in vielen ihrer Werke mischt Z’Graggen Autobiografie und Fiktion. Sie habe schon immer bemängelt, «dass wir nur ein einziges Leben haben, dass wir die anderen möglichen Leben alle beiseitelassen müssen.» Das Schreiben sei eine Möglichkeit, diese anderen Leben zu leben.

Den deprimierten Deutschschweizer Vater, der sich nie richtig aufgehoben gefühlt hat in der Genfer Bourgeoisie, den Sommer am See, die Liebesgeschichte mit dem jungen Deutschen: All das hat Z’Graggen so erlebt. Die Fiktion beginnt kurz nach dem Zungenkuss und eben, kurz vor dem Regen. Während die echte Yvette überrascht das Weite suchte, lässt sich die erfundene Yvie auf das Liebesspiel ein und wird schwanger. Mit Yvie, die sich selbstbestimmt der calvinistischen Moral widersetzt, ist der Autorin mit ihrer letzten auch gleich ihre autonomste Figur gelungen. In ihrer schlichten, aber präzisen Sprache zeichnet Z’Graggen das Beziehungsgeflecht zwischen dem kleinen Thomas, seiner jungen Mutter, ihren Eltern und einer Grossmutter, die Yvie in der schwierigen Lage tatkräftig unterstützt. Durch den Kontakt mit dem Enkel verliert Yvies Vater zunehmend an Bitterkeit und gewinnt an Sanftheit.

«Kurz vor dem Regen» enthält nochmals alle Themen, die Z’Graggen wichtig waren: die Familie, die Liebe, die Unabhängigkeit der Frau, den Krieg, die Verantwortung. Sogar das Automobil, das sie zeitlebens so mochte, kommt vor. In einem zweiten Teil des Buches verabschiedet sich Z’Graggen von den Heldinnen ihrer Bücher. Diese Briefe an Michèle, Françoise, Cornelia und Co. wirken auf den vorschnellen Blick etwas künstlich, weil jeder einzelne Brief Informationen enthält, die den fiktiven Adressatinnen ja bestens bekannt sind.

Man nannte sie eine Königin des Zuhörens

Auf den zweiten Blick wird aber sofort klar, was für ein wertvoller Schatz in den Briefen steckt. Z’Graggen reflektiert darin das Scheitern und Gelingen ihrer Frauenfiguren, immer auch in Bezug zu den politischen Entwicklungen der jeweiligen Zeit. Gleichzeitig analysiert sie im Spiegel ihrer Figuren mit einer verblüffenden Präzision der Erinnerung auch ihr eigenes Leben. So schreibt sie beispielsweise an Michèle:

Ein Satz, der Z’Graggens Wesen so ziemlich auf den Punkt bringt. Sowohl in ihren langjährigen Tätigkeiten fürs Rote Kreuz, als auch fürs Radio Romandie wurde ihr Interesse am andern Menschen geschätzt, man nannte sie deshalb «eine Königin des Zuhörens».

Nebst ihrem Humanismus zeichnete sie auch eine besondere Form von Bescheidenheit aus: eine extrem aufrichtige Art, sich selbst zu befragen. Zu dieser Bescheidenheit passt auch eine Vorliebe für ein bestimmtes Wort, die sich durch ihr Werk durchzieht. Auffallend oft verwendet sie das Adjektiv «klein». Kleiner Fischer, kleiner Engländer, kleiner Roman, kleines Leben, kleine Michèle. Vielleicht, kann man mit einem Seitenblick auf Robert Walser sagen, ist gerade eine gewisse Vorliebe für das Kleine manchmal ein Hinweis auf grosse Literatur. Alles Gute zum Geburtstag, Yvette Z’Graggen!

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