Eigentlich geniesst die Lyrik den Status einer aktuellen Kunstform. Die renommierteste deutschsprachige Literaturauszeichnung, der Georg-Büchner-Preis, wurde gleich zweimal in Folge an einen Lyriker verliehen. Der Dichter Jan Wagner erhielt ausserdem den Preis der Leipziger Buchmesse. In der Schweiz widmen sich viele Autoren aller Generationen der Lyrik und haben damit intakte Chancen auf eine Vielzahl von Auszeichnungen und Werkbeiträgen.

In jüngerer Zeit hat sich die Dichtkunst mit Poetry Slams und allerlei Performances verquickt und verjüngt und ist so ein gefragter Teil der Kulturszene. Dabei löst sich die Dichtkunst keineswegs bloss als Recycling-Material in den neuen Formen auf.

Es ist zugleich eine Renaissance der klassischen Gedichtformen, wie dem Sonett, zu beobachten. Die Akzentuierung des Kunstvollen, die Abhebung von der Alltagssprache ist wieder zur schöpferischen Möglichkeit geworden, jedoch meist in einem spielerischen Gestus.

Lyrik statt News

Die Lektüre von moderner Lyrik passt überdies bestens zum Zeitgeist und zu den heutigen Lebensgewohnheiten. Information und Unterhaltung werden überall und in kleinen Häppchen konsumiert. Gedichte weisen oft eine Abgeschlossenheit und Kürze auf, die auch in einer bescheidenen Aufmerksamkeitsspanne erlaubt, ein kleines Kunstwerk in Gänze zu erfassen.

Ein kompletter Kunstgenuss innert Sekunden, das müsste vielen Heutigen gelegen kommen. Nicht zuletzt schärfen moderne Gedichte den Blick für das Nebensächliche und problematisieren das scheinbar Selbstverständliche, gleichsam als verdichtete Reportage.

So ist es naheliegend, dass die Lyrik bei aller Kürze und Handlichkeit, mit dem scharfen Blick auf Konvention und Sprachgebrauch auch zur expliziten Medienkritik werden kann. In impliziter Weise ist die Lyrik ein Gegenstück zum Informations-Business. Während Nachrichten Konsumartikel sind, die innert Minuten obsolet werden können und in denen die Sprache als blosses Instrument verwendet wird, pflegt die Lyrik einen bewussten Sprachgebrauch und beansprucht überzeitliche Gültigkeit.

Die Begründer der romantischen Dichtung Englands, Wordsworth und Coleridge, gingen so weit, ihre Lyrik als Gift gegen das «entwürdigende Verlangen nach skandalöser Stimulation» aufzufassen, welches die Massenmedien schürten. Die Dichter geisselten die Sehnsucht nach im Stundentakt eintreffenden Neuigkeiten. Das war um 1800, als die News noch per Schiff und Postkutsche erwartet wurden. Was die beiden Dichterkollegen von den heutigen Smartphone-Zombies gehalten hätten, die nur noch im Notfall vom Bildschirm aufblicken, lässt sich nur erahnen.

Die Zwiespältigkeit der Gefühle zwischen den Dichtern und den Medien beruht auf Gegenseitigkeit. In den Redaktionen überwiegt der Thematisierung der Lyrik gegenüber jene Skepsis, die allen Themen anhaftet, die im Verdacht stehen, Vorwissen vorauszusetzen. Darauf bedacht, ihre Leser nicht als Anhänger eines dünkelhaften Bildungsbegriffs zu behandeln, stecken die Zeitungsmacher den Bereich des Zumutbaren immer enger. Das bedeutet, dass sich ein öffentlicher Diskurs auf die westliche literarische Tradition beschränkt und die Gegenwartsliteratur nur noch unter dem Scheinwerferlicht der Bestsellerliste betrachtet wird.

Freilich sind die privaten Medien keine Bildungseinrichtungen. Ihre verkürzten Zugriffe auf die literarische Tradition sind nicht Ursache, sondern Symptom eines Wandels. Als Werbeträger müssen sich Zeitungen immer konsequenter daran ausrichten, was die Aufmerksamkeit des Lesers zu erhalten verspricht. Und der Zeitungsleser, insofern er erforscht und vermessen ist, möchte anscheinend grossmehrheitlich nichts über anspruchsvolle oder abseitige kulturelle Erzeugnisse erfahren.

Diese Erkenntnis überrascht kaum, wenn man sie mit den Zahlen abgleicht, die jeder Lyrik-Verleger zähneknirschend wird bestätigen müssen. Die Lyrik hat reichlich Autoren, Verleger, Förderer, Fürsprecher und Kritiker, aber kaum Leser ausserhalb dieser Kreise.

Auf verlorenem Posten

Und so steht die Lyrik im Kampf um ein Plätzchen im öffentlichen Diskurs auf verlorenem Posten. Sie wird nicht gelesen und daher praktisch nicht besprochen, und umgekehrt. Weit entfernt sind wir von Friedrich Schlegels Idee eines produktiven ewigen literarischen Gesprächs, mit deren praktischer Umsetzung es freilich schon zur Zeit der Frühromantik haperte. Warum scheitert jeder Versuch eines Gesprächs über Lyrik? Und wieso ist es der Versuch trotzdem wert?

Die Antwort auf beide Fragen ist ein und dieselbe: Weil Lyrik als «schwierig» gilt und ihre Lektüre den Wunsch nach Eindeutigkeit frustriert. Lyrik ist typischerweise nicht zu lesen und sogleich zu verstehen wie ein Sachtext oder realistischer Erzähltext. Oft ist sie in die subjektive Färbung eines lyrischen Ichs getaucht, oder es dominieren klangliche, grafische oder überhaupt sprachliche Elemente das Wesen eines Gedichts – und nicht etwa die blosse Kommunikation eines spezifischen Inhalts.

Als überfordernd müssen Gedichte dem verschüchterten Leser notwendig scheinen, wenn er das Verstehen eines Gedichts als Verstandesurteil anstrebt, wenn er also beansprucht, es begrifflich ganz zu erfassen. Beim Betrachten eines abstrakten Gemäldes oder beim Anhören einer Symphonie ist man bereit, sich genüsslich dem freien Spiel der Gemütskräfte hinzugeben. Bei der Wortkunst hingegen wird stets ein handfestes Verständnis angestrebt, das bei den meisten lyrischen Formen nicht zu haben ist.

Dem Wunsch nach sprachlicher Klarheit und Eindeutigkeit – der gewiss einer natürlichen menschlichen Sehnsucht nach Orientierung und Sicherheit entspricht – kommen die populistischen Parteien entgegen. Sie beanspruchen, über die einzig richtige Einschätzung jeder Sachlage zu verfügen. Von ihren Anhängern erwarten sie unmissverständliche Gefolgschaft. Zweifel an ihrer Darstellung, eine eigenständige Überprüfung oder ein vorsichtiges Abwägen von Für und Wider: All das ist nicht erwünscht.

Was Populisten suggerieren, ist betrügerisch. Die Welt, die Probleme und ihre Lösungen sind keineswegs klar und eindeutig. Eine demokratische Diskurskultur bedingt das Hinterfragen und Differenzieren, doch wir sind dem ferner denn je. Rund um die Fake News ist zwar eine Debatte um die Relevanz von Wahrheit und Journalismus entstanden.

Doch der laute Streit um wahr und falsch übertönt Stimmen der Differenzierung. Eine Gesellschaft, die nicht die Manipulationsmasse von Populisten sein will, braucht den Mut, den voreiligen Dualismus von wahr und falsch und von gut und böse zu meiden und sich offen zu halten für das Uneindeutige und Unvertraute.

Die Lektüre von Lyrik ist zugleich ein Übungsfeld und ein Ort der Ermächtigung, auf dem der Umgang mit Vieldeutigkeit, Mehrschichtigkeit und Perspektivität erlernt und geprobt werden kann. Wer ein dichterisches Kunstwerk in der Uneindeutigkeit seines Sinns und in der Flüchtigkeit seiner Wahrheitsansprüche ernst nimmt und zu verstehen versucht, wird lernen, dass es nicht die eine richtige Auslegung gibt – sondern verschiedene Auslegungen, die durch je andere Kontexte, Argumente und Herangehensweisen gestützt werden.

Der Testfall «Avenidas»

Dass es um die Fähigkeit zu Nachdenken und Reden über Poetisch-Uneindeutiges nicht zum Besten bestellt ist, zeigt nichts besser, als wenn – was selten genug geschieht – ein Gedicht in den Brennpunkt der öffentlichen Debatte gerät. Der Streit um die Übermalung des Gedichts «Avenidas» von Eugen Gomringer an der Fassade einer Berliner Hochschule zeigte, dass Studenten und Mitarbeiter einer höheren Bildungsinstitution ebenso wenig wie weite Teile der Medienöffentlichkeit in der Lage sind, einen poetischen Text als solchen aufzufassen.

Dass die Studentinnen ihre Assoziationen, Gefühle und Ängste zu dem Text kundtaten, war dabei der durchaus legitime Anfang einer Lektüre. Doch mit der vorwurfsvollen Befindlichkeitsäusserung endete die Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk auch schon wieder. Aus dem Vorhandensein eines «Bewunderers» in einem Gedicht über Alleen, Blumen und Frauen wurde direkt auf die affirmative Darstellung einer sexistischen Situation geschlossen und umstandslos dem Verfasser des Gedichts persönlich zur Last gelegt.

Der Witz an Gomringers konkreter Poesie, dass sie mit den Wörtern als reinem grafischem Material arbeitet und in keiner Weise eine Aussage über die aussersprachliche Welt zu sein beansprucht, ist an den Studenten abgeperlt. Doch auch bei der Frage, welche Interpretationsmöglichkeiten das Einrücken des Bewunderers in die Konstellation der anderen Elemente sonst noch zulassen würde, mochte niemand verweilen.

Ein Anfang im Gedicht

Die Bereitschaft, die überfordernde Erfahrung der Mehrdeutigkeit auszuhalten, ist offenbar verloren gegangen. Man ist auf das klare Urteil aus. Wer nicht klar Position bezieht, wird in der Debatte übervorteilt und übertrumpft. Das ist eine schlechte Ausgangslage für eine Vielzahl an aktuellen gesellschaftspolitischen Themen – wie gerade beispielsweise den Wandel der Geschlechterverhältnisse und Identitäten.

Hier verpasst das Wichtigste, wer kein Gehör für Ambiguitäten und Untertöne hat, und versäumt die Chance, den neuen Horizont auszuloten, in dem die neuen Phänomenen erst erkennbar werden.

Wir können nicht anders, als interpretierend durch die Welt gehen. Die Besinnung auf Wahrheit und Fakten ist löblich, doch sie reicht nicht aus. Denn die Welt besteht nicht aus Fakten, sondern sie ist ein Ensemble unserer Interpretationen. «Komm, leg die Welt aus mit dir», forderte Paul Celan. Das sollte man einer Gesellschaft, die gerade auf ein kompetenzorientiertes Bildungssystem umstellt, nicht zweimal sagen müssen. Mit der überschaubaren Welt eines kurzen Gedichts könnte ein Anfang gemacht werden.