Schriftsteller
Dürrenmatt hätte im Angesicht der Coronapandemie wohl gelacht

Was wir aus dem Werk des vor 100 Jahren geborenen Dramatikers und Schriftstellers in Zeiten von Corona lernen können.

Mario Andreotti
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Das Unplanbare lässt sich eben nicht planen: Heute ist Friedrich Dürrenmatt präsenter denn je.

Das Unplanbare lässt sich eben nicht planen: Heute ist Friedrich Dürrenmatt präsenter denn je.

Keystone (Neuenburg, 1. Dezember 1980

Weil ein winziger Krankheitserreger, ein Virus, uns Menschen überfallen hat, steht die Welt fast still. Wäre es dem vor 31 Jahren verstorbenen Dramatiker Friedrich Dürrenmatt vergönnt gewesen, dies noch zu erleben, so hätte er sehr wahrscheinlich gelacht. Für ihn fällt das Unerwartete, Unerhörte gerade dann ein, wenn wir Menschen glauben, unser Schicksal, ja die Welt sei planbar, sei berechenbar. Das angeblich Berechenbare ist eben gerade nicht berechenbar. «Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen», heisst es in den 21 Punkten zu den «Physikern».

Auch in Dürrenmatts Komödie «Der Meteor», vor 55 Jahren in Zürich uraufgeführt, fällt einer völlig unerwartet ein: Es ist der Literaturnobelpreisträger Wolfgang Schwitter, der zum Sterben an den Ort seiner Anfänge, ein Maleratelier, zurückgekehrt ist. Mit dem Satz «Ich bin’s, Wolfgang Schwitter», der an das unverhoffte Erscheinen Jesu vor den Aposteln («Ich bin es, fürchtet euch nicht!») am Schluss des Lukasevangeliums erinnert, dringt Schwitter ins Atelier ein und lässt sich von Auguste, der Frau des Malers Nyffenschwander, das Bett zum Sterben herrichten. Die Kerzen hat er gleich selber mitgebracht.

Er war bereits im Spital für tot erklärt worden, aber in einem unbeobachteten Augenblick vom Sterbebett geflohen. Schwitter legt sich hin und stirbt endlich, doch er kehrt, dem biblischen Lazarus gleich, kurz darauf wieder ins Leben zurück – ein Vorgang, der sich mehrmals wiederholt. Während Schwitter nicht sterben kann, sterben rund um ihn die Personen, die ihm im Atelier einen letzten Besuch abstatteten, oder werden zumindest ruiniert: der kindlich gläubige Pfarrer Lutz, der brutale Geschäftemacher Muheim, Schwitters Sohn Jochen, der sein Erbe verlangt, die Kupplerin Nomsen, Major Friedli von der Heilsarmee.

Als der echte Zweifler, für den der Tod wieder zu einer Urkraft wird, löst Schwitter, ähnlich wie die totale Rächerfigur Claire Zachanassian in Güllen, schwerwiegende Prozesse aus, reist er verschiedenste Menschen in seine Todesraserei hinein, sprengt er als glühende Kraft eine scheinbar geordnete Welt.

In den bereits genannten «21 Punkten zu den Physikern» schreibt Dürrenmatt, eine Geschichte sei dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen habe. Die schlimmstmögliche Wendung sei nicht voraussehbar, sie trete durch Zufall ein. Schwitters Einfall ins Atelier des Malers, aber auch jener Claire Zachanassians in Güllen, in deren Folge Menschen zu Tode kommen, sind sprechende Beispiele dafür.

Wir können Zufälle nur schwer aushalten

Nun sind Zufälle für uns Menschen schwer auszuhalten. Es widerstrebt uns offenbar, gewissen Ereignissen keinen Sinn unterstellen zu können, dass sie ohne Grund und ohne Schuldige geschehen, weil alle nichts dafür können und es nicht gewollt haben, wie es in den «Theaterproblemen» heisst. So erfinden wir denn, ähnlich wie die auf- und abtretenden Figuren im «Meteor», bestimmte Erklärungsmuster, von denen aus wir glauben, unser Leben sichern zu können.

Dabei müssen wir, angesichts unseres Scheiterns im Kampf gegen die Pandemie, zunehmend erleben, dass die Natur mächtiger als der Mensch und dass sie letztlich unberechenbar ist. Der Vergleich mit dem «Meteor» liegt nahe: Wie Schwitter, vom Todestrieb als einer Urkraft aus dargestellt, die vermeintlich festen Welten der Bürger aufzulösen, sie wie ein Meteorit zu durchschiessen vermag, zerstört das Virus unseren Glauben, noch einmal davonzukommen. Da nützen uns auch Verschwörungstheorien nichts.

Dürrenmatts Komödie hat heute nichts an Aktualität verloren: Gerade die weltweite Pandemie zwingt uns zu einem Umdenken, zur Einsicht nämlich, dass die entfesselten labyrinthischen Kräfte, die immer wieder in unsere Welt einschlagen, unsere naiven Vorstellungen von Sicherheit und Fortschritt stets von neuem in Frage stellen. Dürrenmatt ist, so gesehen, 2021 präsenter denn je.