Dürrenmatts Mist-Stück
Herkules hat ein Burnout, und die Kühe kacken das Land voll: Dürrenmatt hat auch Mist geschrieben

Das Theater Marie scheitert in der Alten Reithalle Aarau an der Komödie «Herkules und der Stall des Augias» krachend. Der Abend lohnt aber trotzdem.

Daniele Muscionico
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Bullshit! So nett und adrett sehen im Stall des Augias die prämierten Kühe aus. Milva Stark (ganz rechts) ist das Hochleistungs-Tier.

Bullshit! So nett und adrett sehen im Stall des Augias die prämierten Kühe aus. Milva Stark (ganz rechts) ist das Hochleistungs-Tier.

Bild: Andreas Zimmermann

Man hat die Beine nicht gezählt, die an der Premiere in der Alten Reithalle vorgaloppierten. Es waren jedenfalls viele, und sie waren lang, sehr lang, gut bestrumpft und gut bestiefelt. Frauenbeine. Und weiter? Weiter wird es in der Erinnerung zappenduster. Und das ist durchaus frauenfreundlich gemeint. Denn man muss sie sich gönnen, die Schauspielerinnen dieses Ensembles, allen voran Milva Stark, das langjährige Mitglied am Konzert Theater Bern. Unterschiedlichste Typen, allesamt Persönlichkeiten, ein Abend der Frauen, und was für welche. Was war überdies? Abgesehen von einem herkulischen Staunen, wie man einen Dürrenmatt derart verjazzen kann?

Verzopft, verdreht, verwirrend und verstaubt

Das löbliche Theater Marie lässt den «Stall des Augias» ausmisten. Doch wer die griechische Mythologie nicht intus hat, bekommt die Rechnung serviert: Es ist von zahllosen Göttern die Rede, von mystischem Personal und hanebüchenen Legenden. Verwirrend klingt das. Und auf allem liegt eine ordentlich dicke Schicht Staub. Dabei ist alles so einfach.

Friedrich Dürrenmatts erfolgloseste und kaum gespielte Komödie «Herkules und der Stall des Augias» ist eine politische Parabel auf seine Heimat, die Schweiz: Die Geschichte nämlich erzählt von einem seltsamen Land in den Bergen, Elis mit Namen, ein Bauernstaat wie es ähnlich im hiesigen Geschichtsbuch steht.

Das Besondere an Elis’ Lage: Die Bewohnerinnen und Bewohner versinken regelrecht in den Exkrementen, die ihre Liebsten absondern, die Kühe. Mist ist das. Mist wird gemacht. Der Mist muss weg. Bereits schwächelt der Tourismus, mistbedingt. Doch wer hilft?

Helden mit Burn-out, frisch aus Griechenland

Hilfe findet sich im abgewrackten Frauenversteher und Helden namens «Herkules». Ja, er war einmal eine nationale Berühmtheit, doch die Zeit ist ihm schlecht bekommen. Inzwischen ist er tief verschuldet, oversexed und demotiviert. Ein Burn-out, keine Frage.

Angestachelt von seiner Geliebten − Christoph Rath spielt sie genderfluid − nimmt er den Mist-Job an. Doch in Elis und mit seinen Pappenheimern erlebt er sein blaues Wunder.

Die Bewohner des Landes haben sich in ihrem Mist längst häuslich eingerichtet, denn die physische Verstinkung hat auch vor ihrem Geist nicht haltgemacht. Herkules reibt sich auf an der Trägheit der Menschen und scheitert schliesslich an der Bürokratie.

Das Fuder müsste geführt werden

Die Vorlage ist ein Fressen für Schweizer Parlamentarier und Parlamentarierinnen. Auf der Bühne aber ist sie ein Fuder Mist, das geführt werden will – mit einer entschiedenen Intention allerdings, einem entschiedenen Zugriff und einer Absicht, die sich über den Bühnenraum ins Publikum trägt. Doch ähnlich wie Herkules scheitert auch «Marie» an der Absicht, Gutes tun zu wollen − ohne sich dabei zu überheben. Zu sehr setzt die Inszenierung von Olivier Keller auf Ulk und Tollerei, auf die Ironie der 1960er-Jahre (die Zeit der Entstehung), auf Kostümorgien (Tatjana Kautsch) und auf den Witz einer Bühnenlandschaft (Dominik Steinmann), die dem Ensemble halsbrecherische Aktionen abverlangt.

In einem eng gesteckten Laubsäge-Gipfelpanorama liegen meterhoch Luftkissen und Säcke mit Stroh. Jeder Gang durch sie hindurch ist eine Zwängerei, ein Wagnis, und lustig ist auch das nur beim ersten Mal. Doch das Personal schlägt sich tapfer, mal gibt es die Kühe, dann Bauern, dann Politiker oder brünstiges Jungvolk, das Herkules Geliebter an die Wäsche will.

Am Ende bleibt die Frage: Was mag das Theater Marie umgetrieben haben, um auf diese Stückwahl zu kommen? Dürrenmatts Utopie des standhaften Individuums in einem morschen Staatsgehäuse wäre auch heute noch erzählenswert. Voraus- gesetzt, man knebelt den Text nicht mit einer Ausstattungs- und Regie-Originalität. Schade drum? Schade für den Abend und die Zeit? Und für das zu Ende gehende Dürrenmatt-Jahr? Nicht nur, aber auch.

Immerhin ist es «Maries» grosse Ensembleleistung, die nach Aarau auch am Landestheater Vorarlberg in Bregenz zu sehen sein wird, klugerweise nicht Dürrenmatt, sondern in diesem Fall etwas noch Besseres ins Licht und an die Rampe zu stellen: Schauspielerinnen.

Herkules und der Stall der Augias: ab 23.1. 2022 in Bregenz. Im Anschluss in Baden, Bern u.a.