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Neues Album von The Weeknd: Dunkel, betörend und von einer treibenden Unruhe

The Weeknd legt sein fünftes Album vor. Es ist alles noch ein bisschen bombastischer als bisher. «Dawn FM» beginnt stark und flattert dann aber aus.

Michael Graber
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Abel Makkonen Tesfaye ist The Weeknd.

Abel Makkonen Tesfaye ist The Weeknd.

HO

«Jam pam para pam pam». Vor «Blinding Lights» gibt es kein Entkommen. Alleine auf dem Streamingdienst Spotify wurde der Song von The Weeknd fast unglaubliche 3 Milliarden Mal gespielt. Diese fiebrig-flatternde Verbeugung vor den 1980er-Jahren. Retro und doch modern. Klingt wie eine neonflackernde Grossstadt bei Nacht.

Und spätestens bei Song zwei seiner neuen Platte «Dawn FM» schiessen die Stroboskop-Blitze wieder durch die vernebelten Clubs. Dunkel, betörend und von einer treibenden Unruhe ist dieses «Gasoline». «And if I finally die in peace/Just wrap my body in these sheets/And pour out the gasoline», bittet Abel Tesfaye, wie The Weeknd bürgerlich heisst, darin seine Liebhaberin.

Die weisen Worte von Quincy Jones

Irgendwo zwischen Daft Punk, Justice und Michael Jackson ist das gnadenlos vorwärtstrabende «Take My Breath». Bei allem Superstar-Pomp: In den besten Momenten von «Dawn FM» ist kein Ton zu viel da. Es ist Breitwand-R’n’B, aber extrem gut gemacht. Max Martin, der schon Hits für Britney Spears und Coldplay produziert hat, gelingt es, einen Sound zu kreieren, der sich zwar tief im Gestern bedient, aber dennoch sehr zeitgemäss wirkt.

Und er steckt voller Referenzen und Huldigungen. Giorgio Moroder, Depeche Mode und Jacko natürlich. Mitten im Album taucht dann auch der 88-jährige Quincy Jones auf, der als Produzent Michael Jackson endgültig überlebensgross machte.

Während eine fast schon kitschige Melodie plätschert, berichtet Jones aus seiner tragischen Kindheit, als seine Mutter in die Psychiatrie verfrachtet wurde («Ich werde nie vergessen, als ich gesehen habe, wie sie in die Zwangsjacke gesteckt wurde») und was das mit ihm und seiner Beziehungsfähigkeit gemacht hat (Spoiler: nichts Gutes). Jones erzählt das aber ruhig und gelassen. Am Ende schiebt er nach: «Looking back is a bitch, isn’t it.» Und lacht.

Youtube

Bis und mit diesem kurzen Intermezzo ist «Dawn FM» eine aufregende Platte. Dann franst sie leider aus. Was The Weeknd in den Songs gelingt, missrät ihm auf Albumlänge: Es fehlt an Reduktion, am Feilen an der Essenz. Von den 16 Songs (es hat auch noch ein paar Radioansagen von Komiker Jim Carrey) sind längst nicht alle nötig. Auch erschöpft sich der Retro-Pomp dann irgendwann. Was eben noch wild funkelte, wird plötzlich etwas matt und öde.

Noch grösser, noch bombastischer

Natürlich: Der Kanadier ist in der Superstar-Liga immer noch einer der musikalisch Spannendsten. Und auch gesanglich ist das immer noch grosse Klasse. Gleich zweimal singt The Weeknd plötzlich mit englischem Akzent. Früher hat er sein Gesicht gerne versteckt, nun tarnt er seine Stimme. Nur um kurz darauf wieder im Weeknd-Falsett einen schönen Refrain hinzulegen.

Karrieretechnisch ist der Schritt von The Weeknd nur folgerichtig. Noch grösser und noch bombastischer. In diesem Sommer geht er auf grosse Welttournee. Es wird mit ziemlich grosser Sicherheit gigantisch. Gerade die ersten beiden Alben des 31-Jährigen waren so erfrischend, dass «Dawn FM», Platte Nummer fünf, am Schluss vielleicht etwas enttäuscht. Aber wie hat schon Quincy Jones gesagt: «Looking back is a bitch, isn’t it.»

The Weeknd Dawn FM (Republic Records/Universal)

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