Interview

Dominic Deville: «Man kann nur eine Maske mit Stil tragen: die Augenmaske»

Dominic Deville: An das Blödeln ohne Zuschauer hat er sich gewöhnt.

Dominic Deville: An das Blödeln ohne Zuschauer hat er sich gewöhnt.

Komiker und Entertainer Dominic Deville stellt sich nach 80 Folgen «Deville» ein Zwischenzeugnis aus, verrät, warum er sich nie für ein Comedy-Format in Trainerhosen auf sein eigenes Sofa setzen würde. Und erklärt, warum er Körperabstand gar nicht so schlecht findet.

Dominic Deville, die neunte Staffel Ihrer Late Night Show findet seit ihrem Start im März ohne Publikum statt. Was macht das mit einem Entertainer, wenn er auf seine Witze keinen Applaus mehr kriegt?

Dominic Deville: Ich mag diese Energie, die bei einem Live-Auftritt zwischen Publikum und Künstler entsteht. Deshalb haben wir zu Staffelbeginn sogar Klatscher eingespielt. Inzwischen habe ich mich aber an die Situation gewöhnt. Mir war von Anfang an klar, dass ich keine dieser Wohnzimmer-Formate drehen will, bei denen die Künstler in ihren Privatwohnungen auftreten, wie das bei US-Comedians und auch im deutschsprachigen Raum derzeit sehr angesagt ist.

Was hat Sie davon abgehalten?

Ich nehme diese zur Schau gestellte Authentizität nicht allen ab. Ich zweifle sogar daran, dass diese im Low-Budget-Stil daherkommenden Shows tatsächlich in Privaträumen gedreht wurden. Ausserdem habe ich keine Lust anderen mein Zuhause zu zeigen. Wir skypen alle schon genug, da will man sich abends nicht schon wieder von irgendwelchen Leuten bespassen lassen, die in Trainerhosen auf dem Sofa sitzen.

Als Anzugträger kann ich mir Sie in dieser Rolle auch schwer vorstellen.

Die Sendung «Deville »soll etwas Spezielles sein, das sich vom Alltag der Menschen abhebt. Ich laufe ja nicht umsonst in Anzug und Krawatte herum. Wir nehmen unsere Show nun in einer verkleinerten Kulisse in den Räumen unserer Produktionsfirma auf. Nur so konnte ich mir den Moment des Auftritts, der mir so wichtig ist, bewahren. Wir wollen etwas visuell Ansprechendes bieten, den Zuschauern aber auch ein gewisses Mass an Normalität vermitteln. Der Aufwand ist allerdings grösser geworden. Es gibt keine Klatschpausen mehr. Wir brauche mehr Material.

Es liegen anstrengende Wochen des Home-Schooling hinter uns. Hat Ihnen Ihre pädagogische Erfahrung als ausgebildeter Kindergärtner dabei gewolfen?

Ich kämpfe genauso mit dem Homeschooling wie alle anderen Eltern auch. Meine pädagogische Ausbildung hat mir als Vater noch nie geholfen. Ich kann ohne Probleme mit zwanzig fremden Kindern einen Tag verbringen, aber meine eigenen zwei Kinder bringen mich nach einer Stunde komplett auf die Palme.

Wie kriegen Sie den Stoff dennoch durch?

Ich habe gemerkt, dass es einfacher wird, wenn ich zwei Kollegen von meinem Sohn einlade. Im Klassenverbund geht die Wissensvermittlung einfacher. Aber der Lehrplan ist happig. Ich unterrichte vor einer Wandtafel in unserem Büro. Wir haben heute Morgen drei Stunden gearbeitet und sind trotzdem nicht durchgekommen.

Sie haben bei «Deville»-Late-Night sogar eine eigene Ufzgi-Seite mit Übungsblättern aufgeschaltet. Bekamen Sie Rückmeldungen?

Es gab viele Zusendungen von Kindern, die mir die Blätter ausgefüllt zurückgeschickt haben. Wir planen, diesen Kindern ein «Deville»-Staffelzeugnis auszustellen.

Was für eine Note würden Sie sich nach 80 Folgen «Deville»-Late-Night geben?

Eine 4-5. Der Lehrer in mir findet es schon ganz gut, aber damit der Schüler in mir dran bleibt, würde ich noch etwas unter der Wunschnote bleiben und mich nach weiteren achtzig Folgen mit einer 5 und einem aufgeklebten Fleisspunkt pushen.

Sie haben mal gesagt, Sie seien Ihr strengster Kritiker. Ist das immer noch so?

Immerhin ist das die erste Staffel, bei der ich mir jede Folge vorm Fernseher angeschaut habe. Das mache ich selten. Mir geht es da wie einem Model, das sich auf einer Fotografie nicht schön findet. Ich finde es schwierig, mich mit meinem vergangenen Tun zu konfrontieren. Da ist so eine Angst, ich könnte irgendetwas Krasses an mir entdecken, das mir nicht gefällt.

In der letzten Sendung behaupteten Sie, die gerade wieder eröffneten Baumärkte böten kein Shoppingerlebnis. Ich muss da vehement widersprechen: Für meinen Vater ist ein Baumarkt ein Shoppingtempel. Darf ich draus schliessen, dass Sie nicht so der Heimwerker-Typ sind?

Ja, ich bin handwerklich sehr unbegabt. Alles, was über Papier und Karton hinausgeht - Elektronik, Anschlüsse, Computer aufsetzen – erledigt meine Partnerin. Ich würde nie aus reiner Freude in einen Baumarkt gehen. Aber da bin ich, wie man an den Schlangen gesehen hat, ein Einzelfall.

Um die Maskenpflicht sind wir knapp herumgekommen. Frage an den immer gut gekleideten Entertainer: Wie trägt man eine Maske mit Stil?

Man kann nur eine Maske mit Stil tragen: die Augenmaske. Ich würde sie so tragen, dass sie nach einer Zorro-Maske aussieht. Oder wie sie ein Gentleman-Meisterdieb aus den 1920er-Jahren tragen würde. Eine Maske für den Mund stilvoll tragen können nur Kampfhunde, Psychopathen wie ein Hannibal Lecter oder Bösewichte aus «Batman»-Filmen.

Mit wem telefonieren Sie am meisten?

Fürs Telefonieren fehlt mir im Moment die Kraft. Man muss in diesen Zeiten so viel kommunizieren. Dass die Teilnehmer einer Skype-Konferenz einfach mal rumsitzen und schweigen, ist unvorstellbar. Dann kommt noch das Homeschooling dazu. Kürzlich hat mich nach Wochen mein bester Freund angerufen. Ich konnte das Telefon nicht abnehmen und habe ihm eine SMS geschrieben. Die Einzige, mit der ich täglich eine halbe Stunde telefoniere, ist meine Mutter.

Weil Mütter immer ein Ohr für ihre Kinder haben?

Da ist in unserer Beziehung eine spannende Umkehrung passiert. In diesen Zeiten sollte man ein Ohr für die Mütter haben. Ich habe zum erstem Mal das Gefühl mehr der Erzieher meiner Mutter zu sein als umgekehrt. Ich erzähle ihr, was gerade so läuft in der Welt und erkläre ihr, was man eher nicht tun sollte. Zum Beispiel ins Kino gehen oder an einem Samstag in die Migros.

Und Ihre Mutter gibt den widerspenstigen Teenager, der Sie als Punk mal gewesen sind?

Ich habe diese rebellische Seite definitiv von meiner Mutter geerbt. Sie hat auch in dieser Zeit ein grosses Gespür für Dramen. Aber dieses Mal hat sie Recht: Es ist wirklich ein Drama, was wir gerade erleben. Wenn sogar meiner Mutter nicht mehr nach Sprüche machen ist, dann liegt etwas im Argen. Deshalb habe ich für sie gerade ein offenes Ohr.

Werden Sie nach dem Lockdown ein besserer Mensch sein?

Nein, auch ich werde nach der Coronakrise wieder massiv weniger mit meiner Mutter telefonieren. Der so genannte Jojo-Effekt, wie man ihn von Diäten kennt, wird gesellschaftlich einsetzen, da bin ich sicher. Der Solidaritätsgedanke lässt ja schon nach. Die Menschen werden unvorsichtiger. Der Coiffeurbesuch ist ihnen wichtiger als das Gemeinwohl. Der Ton ist rauer geworden. Vielleicht werden wir tatsächlich einen «Herbst of Love» erleben, aber spätestens nach Weihnachten werden wir wieder in unsere alten Muster zurückfallen.

Wird nicht doch etwas zurückbleiben?

Vielleicht werden nicht mehr so viele Manager durch die Welt geflogen. Und vielleicht wird sich auch der Körperabstand in unseren Köpfen noch ein wenig halten. Ich wäre gar nicht unglücklich darüber. Ich bin nicht so der Umarm- und Küssli-Typ. Ich könnte gut mit Abstand leben. Vielleicht nicht gerade mit zwei Metern, aber vielleicht mit einem.

Haben Sie eine Playlist, die Sie unseren Lesern in diesen Tagen empfehlen würden?

Das Album «True Love» der deutschen Band Die Kerzen. Da wird das Poppigste und Schmalzigste aus den Achtzigerjahren mit den schlagerhaftigsten Texten zusammengemischt, in ein Indiepop-Gefäss gefüllt und dann eiskalt serviert. Eine Hoffnung machende, tröstende Platte mit einem euphorischen Juchzer am Horizont.

Bei «Deville »habt ihr thematisiert, dass die Schweiz gerade wie wild online shoppt. Gibt’s etwas, auf das auch Sie nicht haben verzichten können?

Was mich wirklich wütend macht - da bin ich ganz Schweizer - ist, dass ich nicht in die Sommerferien fahren kann. Deshalb haben wir uns einen Sonnenschirm und Gartenmöbel für die Dachterrasse bestellt. Ausserdem habe ich mir ein Zombie-Brettspiel gekauft, das man allein spielen kann. Man muss da eine Zombie-Epidemie aufhalten. Das bringt mir gerade sehr viel gute Gefühle. Zusammen mit «True Love» auf dem Plattenspieler und einer Flasche Wein verbringe ich derzeit sehr angenehme Abende.

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Autor

Julia Stephan

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