Die Szene war rührend: Imi Knoebel, der eher medienscheue Künstler, begleitete wie ein Schatten die Führungen der Medienleute im Haus Konstruktiv. Als er zu den Erläuterungen von Direktorin Sabine Schaschl etwas beifügen sollte, nahm er seine Enkelin Tosca bei der Hand und fragte: «Magst du?» Sie gab sich noch etwas scheuer und zitierte doch zusammen mit dem Grossvater das Gedichtchen:

«Guten Morgen weisses Kätzchen,

ist hier noch ein freies Plätzchen?

Wenn du artig bist dann ja,

trinke hier, ich trinke da.

Schlapp, Schlapp, Schlapp,

die Milch ist gut.

Schlapp, Schlapp, Schlapp,

Wie wohl das tut!»

Die Journalistinnen reagierten entzückt, das Geheimnis des Titels («Guten Morgen weisses Kätzchen») zur umfangreichen Ausstellung des deutschen Künstlers schien gelüftet. Aber eigentlich wurde nur klar, dass der 77-jährige Künstler gerne das eine zum andern hinzufügt, mal von der einen, mal von der anderen Kunstmilch nascht. Und dass man ihn nur schwer einordnen kann.

Ein Widerspruch scheint es auch, Knoebel im Haus Konstruktiv zu zeigen. Befinden wir uns hier doch im Kompetenzzentrum der konkreten und konstruktiven Kunst. Ihre Tradition fusst auf der Formel: Abstraktion + Geometrie = Kunstwerk. Zugegeben, das ist etwas vereinfacht – und die Formel auch schon etwas alt. In der Kunst ist es ja nicht anders als in Wissenschaft, Wirtschaft oder Gesellschaft: Weiterentwicklung war und ist angesagt.

Knoebels Formel

In der Kunst lief der Prozess weg von Traditionen und hin zu neuen Formen und Formeln ab den 1960er-Jahren ziemlich vehement. Stichwort: erweiterter Kunstbegriff. Daran beteiligte sich der Beuys-Schüler Imi Knoebel selbstverständlich. An der Düsseldorfer Kunstakademie konnten er und sein Kunstfreund Imi Giese sich neben Raum 20 von Meister Joseph Beuys die Nummer 19 als eigenen Arbeitsraum sichern. Dort entwickelte Knoebel sein erstes Alphabet des Bildes aus dessen Zutaten: Keilrahmen, Hartfaserplatten als Malgrund und dreidimensionale Bildkörper. «Was sollte ich denn machen? Irgendwie war alles schon da. Also experimentierte ich mal mit Hartfaserplatten, das war billig, gut zu bearbeiten und vielfältig einsetzbar», erklärte er der Schreibenden. Sein «Raum 19», eine riesige und immer wieder veränderbare Ansammlung dieses Materials – für den Künstler selber «ein Bild» –, wurde zum Schlüsselwerk Knoebels. Nun füllt es die riesige Erdgeschosshalle – und sei das teuerste je hier gezeigte Werk, wie Direktorin Sabine Schaschl klarstellt.

Neben den braunen Hartfaserplatten experimentierte Knoebel auch mit Kupfer, Aluplatten und ab 1977 mit Farbe. «Kernstücke» seines Werkes aus 50 Jahren – vom einfachen Graphitstrich auf der Wand über skulpturale Formen und eine Lichtprojektion bis hin zur Sternenfotografie – ergeben im 4. Stock eine Art Werkalphabet. Auf die Formel «Idee + Material = Kunstwerk» könnte man Knoebels Konzept und Œuvre reduzieren. Sie schliesst seine Farbexperimente mit fliegenden Trapezformen ebenso ein wie die Rot-blau-gelb-Zitate, das schwarze Kreuz à la Kasimir Malewitschs Suprematismus oder die von strenger Geometrie geprägten skulpturalen Schichtungen.

Gemalt nicht gestrichen

In seinen neusten Werken scheint sich der Künstler vermehrt auf seine von ihm selbst gesetzte Bezeichnung Maler zu besinnen. Aus Alutafeln schneiden seine Mitarbeiter wolkige oder strenge, ein- oder mehrteilige Formen, die der Künstler in Papiermodellen entwickelt. Dann werden sie mit einer Grundfarbe bemalt («nicht gestrichen»!, so der Künstler). Darauf malt er – meist in verwandten Tönen– bewegte Strich- und Knäuelstrukturen. «Frei und intuitiv», wie er betont, das sei ihm je länger, je wichtiger.

Sagt’s, nimmt seine Enkelin an der Hand und spaziert mit ihr durchs Treppenhaus nach unten und durch den «Raum 19». Das gepunktete Kleid der Kleinen und ihre rot-weissen Ringelstrümpfe wirken neben den braunen Hartfaserplatten der Knoebelschen Konzeptkunst wie ein verspieltes Zitat der strengen konkreten Kunst. «Guten Morgen weisse Pünktchen, tapp, tapp, tapp.»

Imi Knoebel: Guten Morgen weisses Kätzchen
Haus Konstruktiv, Zürich.
Gleichzeitig zeigt Till Vellten: Wenn die kognitive Ordnung zerbricht. Ein künstlerisches Projekt über Demenz. Bis 2. September.