Hinter den Kulissen

Diese Frau hat die Basler Dinos im Griff: Tandra Fairbanks baut einen Archaeopteryx

Wenn es um Dinosaurier geht, weiss sie genau Bescheid: Tandra Fairbanks-Freund ist im Naturhistorischen Museum Basel die Fachfrau für prähistorische Tiere aller Art.

Auf dem Seziertisch im Nebenzimmer thront der Schädel eines Krokodils. Auf dem Arbeitstisch der Werkstatt, die mehr an eine Schreinerei denn an ein Museum erinnert, warten 20 Millionen Jahre alte Hirschknochen auf die Beantwortung der Frage, ob sie noch zu retten sind.
Tandra Fairbanks-Freund jedoch hat gerade nur Augen für eine andere Kreatur. Das Tier, das sie mit weit aufgerissenen Augen anschaut, während Fairbanks-Freund behutsam, schon fast zärtlich dessen Hals umklammert, erinnert an ein gerupftes Huhn oder einen zu klein geratenen Emu. Dabei handelt es sich beim Archaeopteryx um eine Schlüsselfigur in der Geschichte der Naturwissenschaften.

Der Urvogel, der vor rund 150 Millionen Jahren gelebt hat, gilt als ein Bindeglied zwischen den Dinosauriern und den Vögeln. 1861 wurde er das erste Mal wissenschaftlich beschrieben und unterstrich die Thesen von Charles Darwins Hauptwerk «Über die Entstehung der Arten», das gerade mal zwei Jahre zuvor die Naturwissenschaften neu definiert hat. Seither hat der Archaeopteryx seinen festen Platz in der Evolutionstheorie. Auch für Museen ist er ein dankbares Exponat, da er sich thematisch in viele Ausstellungen einbauen lässt.

Das Dinosaurierskelett im Naturhistorischen Museum fasziniert täglich die kleinen und grossen Besucher. Es handelt sich um den Nachbau eines Allosaurus-Skeletts.

Das Dinosaurierskelett im Naturhistorischen Museum fasziniert die kleinen und grossen Besucher.

Das Dinosaurierskelett im Naturhistorischen Museum fasziniert täglich die kleinen und grossen Besucher. Es handelt sich um den Nachbau eines Allosaurus-Skeletts.

Auch Tandra Fairbanks-Freund beschäftigt sich seit nunmehr fast vier Jahren mit dem Dinosauriervogel. Seit 2015 ist die 33-Jährige im Naturhistorischen Museum Basel als Präparatorin für den Bereich Paläontologie zuständig. Das bedeutet einerseits langwieriges und hypersensibles Restaurieren und Aufbereiten von in die Jahre gekommenen Exponaten – mit Kleber, Pinsel und Pinzette.

Jetzt, wo der Umzug des Naturhistorischen Museums in den Neubau am Bahnhof St. Johann beschlossene Sache ist, dulden die Arbeiten keinen Aufschub. Neben dem Arbeitstisch befindet sich eine Kammer, in der mit Druckluftstichel und Sandstrahler neue Funde freigelegt werden können. «Kürzlich hatte ich ein 40 Millionen Jahre altes Nashorn», erzählt Fairbanks-Freund.

Eine Mischung aus Fasan, Möwe und Buntspecht

Andererseits kreieren die Präparatoren auch neue Ausstellungsobjekte. Dieser Prozess hat eine schöpferische Note. Denn während der Skelettbau dank Fossilien-Funden gut rekonstruiert werden kann, lässt sich das äussere Erscheinungsbild bei den meisten Urtieren nur vermuten.
«Vom Archaeopteryx existiert bisher genau eine einzige Feder, die noch dunkle Farbpigmente enthält», sagt Fairbanks-Freund. Um auf das Aussehen der ausgestorbenen Lebewesen zu schliessen, ziehen die Wissenschaftler deshalb Vergleiche zu existierenden Tieren, suchen Parallelen bei der Beschaffenheit des Körperbaus und passen die Tiere an das damalige Lebensumfeld an. Simpel ausgedrückt: Es gibt keinen Beweis, dass der Tyrannosaurus Rex nicht pink gewesen ist, nur macht dies evolutionstheoretisch gesehen keinen Sinn.

Für ihren Archaeopteryx hat sich Fairbanks-Freund für eine Kombination aus dem afrikanischen Greifvogel Sekretär und einem Nashornvogel, dem Gelbschnabeltoko entschieden: So erhielt ihr Archaeopteryx ein grauweissschwarzes Federkleid und einen bunten Kopf. «Die Flügelfedern stammen von einer Möwe, der Schwanz von einem Buntspecht», sagt Fairbanks-Freund.

Sein Gefieder trug der Archaeopteryx in erster Linie als Schutz gegen die Kälte. Richtig fliegen konnte er gemäss den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht. Man geht davon aus, dass er sich vor allem kurzzeitig in die Luft schwang, um Barrieren zu überwinden, oder auf der Flucht. Insgesamt wurden gerade mal ein Dutzend Exemplare des Urvogels entdeckt, alle im deutschen Bundesland Bayern. Die Skelette zählen zu den wertvollsten der Welt.

Bei ihrer Arbeit kann Fairbanks-Freund auf einen riesigen Fundus an Anschauungs- und Forschungsmaterial zurückgreifen. In den Kellergeschossen unter den Ausstellungsräumen lagern enorme museale Schätze. Eine der grössten Sammlungen Europas, welche die Öffentlichkeit kaum zu Gesicht bekommt: der fossile Schädel eines Urstiers, Dino-Eier, -zähne und -fussabdrücke, dazu Skelette aus aller Welt: Flusspferde, Kängurus, Elefantenschädel.

«Schon vor 30 Jahren davon geträumt»

Die Erschaffung des Exponats, ist vor allem viel Handarbeit und erfordert Geschick, kreatives Denken und künstlerisches Gestalten. Nach der Recherche geht es an das Entwerfen der Skizzen. Modelle werden gezeichnet, Schablonen entworfen. Für die Hände und Füsse hat Fairbanks-Freund Kunstharzabgüsse von verschiedenen Vögeln erstellt. Die Federn müssen geschnitten und gebüschelt, jeder wenige Millimeter kleine Zahn einzeln in den kleinen Kiefer eingepflanzt werden. In wenigen Jahren könnte das schon ganz anders aussehen: Die Digitalisierung mit Computermodellen und 3-D-Druckern bietet ganz neue Möglichkeiten für die Präparatoren. «Bei mir ist noch alles Handarbeit. Das hat einfach auch einen anderen Touch. Man sieht einem Ausstellungsstück an, wenn mit Gefühl gearbeitet wurde.»

Fairbanks-Freund hat in ihrer Heimat USA Kunst studiert. Als sie 2010 wegen ihrem Mann nach Deutschland zog, wollte sie sich neu orientieren. «Ich habe mich schon von klein auf für Dinosaurier und Paläontologie interessiert», sagt sie. In Frankfurt absolvierte sie die zweijährige Ausbildung für Museumstechnik mit Spezialisierung auf Fossilpräparation. Nach einem Praktikum in Münster, wo sie einen brütenden Citipati schuf – ebenfalls eine Mischung aus Dinosaurier und Vogel, eine Art überdimensionierter Truthahn. Dann hörte sie von der Stelle in Basel.

«Ich mache jetzt den Job, von dem ich bereits vor 30 Jahren geträumt habe», sagt sie und lacht. «Als Kind habe ich den ersten ‹Jurassic Park›-Film gesehen. Das war das Grösste für mich.» Sie bezeichnet sich selber als «dino-verrückt». Zur Arbeit erscheint sie auch mal mit einem T-Rex-T-Shirt und voller Stolz erzählt sie, welche verschiedenen Gattungen ihre zweijährige Tochter bereits unterscheiden kann. Tatsächlich ist die Faszination der Besucher für die Riesenechsen seit Generationen ungebrochen. Das zeigt auch ein Blick in den Museumsshop, in dem Dinos mit Abstand den meisten Platz einnehmen.

Grossprojekt für Museumsneubau

Und natürlich ist auch bei Fairbanks-Freund der Reiz da, mal einen der Urzeitgiganten zu erschaffen. Und tatsächlich steht nach der Detailarbeit am Archaeopteryx demnächst ein grösseres Projekt an: Ein Exponat für den Museumsneubau, der in drei bis vier Jahren eröffnet werden soll. Verraten will Fairbanks-Freund noch nichts Genaueres, «aber es wird etwas ziemlich Grosses, das ich mir schon lange gewünscht habe.»

Vielleicht ja sogar ihr ganz persönlicher Lieblingssaurier: Der Majungasaurus, der vor 70 Millionen Jahren im heutigen Madagaskar gelebt hat. Ein Raubsaurier, vergleichbar mit dem Tyrannosaurus Rex, aber mit noch kürzeren Armen und einem Horn auf der Stirn. Den eher unbekannten Saurier hat Fairbanks-Freund vor ein paar Jahren in einer Doku entdeckt. «Er hat ein zusammen gedrücktes Gesicht, ein bisschen wie ein Mops», erzählt sie. «Der Wissenschaftler im Film meinte, das sei ein Gesicht, das nur eine Mutter lieben könne. Da habe ich ihn ins Herz geschlossen.»

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