Kunsthaus

Diese Aargauer Künstlerin ist auch eine Forscherin

Denise Bertschi inszeniert im Aargauer Kunsthaus Wirtschaftsgeschichte der Kolonialzeit aus Aarauer Sicht. Das gibt’s! Und dafür bekommt sie einen Preis.

Manchmal kommt ein Preis zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort. Zum Beispiel der Aargauer Manor Kunstpreis 2020 für Denise Bertschi. Seit einem Jahr weiss die 36-jährige Künstlerin davon und dass sie deswegen im Aargauer Kunsthaus ausstellen darf – aber auch, dass sie dafür neue Werke liefern muss. Für eine junge Künstlerin eine ziemliche Herausforderung.

Bei einem Treffen wird schnell klar: Denise Bertschi will diese Chance packen, sie hat viel dafür gearbeitet. Sie ist dabei ihrem Thema – wie frühe globale wirtschaftliche Verflechtungen der Schweiz weiterwirken – treu geblieben. Mehr noch: «Es war für mich als Aarauerin die Chance, das abstrakte Thema hier zu verorten.»

Aarau–Brasilien und retour

Wirtschaftliche Beziehungen und Kolonialismus in Aarau verorten: Das löst Fragen aus. Doch Bertschi klärt auf: Die Schoggifabrik Frey in Aarau ist ein typisches Relikt für solche Verbindungen der Schweiz mit Brasilien. Bertschi erforschte, wie die Frey-Verwandtschaft politisch, wirtschaftlich und wissenschaftlich darin verhängt war und vor allem: «Was ist davon in Aarau sichtbar geblieben?»

Doch halt, wie kommt eine Künstlerin auf ein solches Thema? Während des Studiums an der Head, der Hochschule für Kunst und Design in Genf, konnte sie nach Korea reisen, unter anderem in die entmilitarisierte Zone, wo auch die Schweiz ein Mandat zur neutralen Beobachtung ausübt. «Was macht die Schweiz hier», habe sie sich gefragt.

Bei einer Studienreise nach Südafrika habe sie sich für die Rolle der Schweiz während der Apartheid interessiert – und dort einen brasilianischen Kurator kennen gelernt, der ihr von Helvécia in Brasilien erzählt habe.

In das von Schweizern als Kaffeeplantage gegründete Dorf ist sie 2017 gereist und dokumentiert – quasi als Vorspann in der Aarauer Ausstellung –, was dort noch an Spuren zu finden ist und wie sich die koloniale Geschichte in der Erinnerung der heutigen afrobrasilianischen Bewohner abgelagert hat.

Verbindung von gestern und heute

Zurück nach Aarau. Die Fabrik von Chocolat Frey in der Telli steht noch, im Frey-Kanal plätschert das Wasser, und im Gönhard steht die von Edwin Frey-Bolley gebaute Villa Olinda. «Auch im Naturama und im Staatsarchiv wurde ich fündig», sagt Bertschi. Denn die Freys und Cramers, die Frey-Bolleys und die Kummer-Freys haben in Bahia nicht nur Geschäfte gemacht, sondern auch Vögel und Schlangenhäute, Fotos und Erlebnisberichte zurückgebracht.

Aus ihren Funden hat Denise Bertschi einen multimedialen Werkkomplex gebaut. Herzstück ist ein Film, in dem sie die Aarauer Schauplätze, die Arbeit in den Archiven, Fundstücke als Doppelprojektion aufscheinen lässt. Poetisch und assoziativ.

Den Bildern setzt sie in der Tonspur historische Quellen gegenüber: Auszüge aus den Memoiren von Sophie Auguste Kummler-Frey (1840–1915), die mit ihrem Mann und dem ganzen Haushalt für einige Jahre nach Bahia gezogen war, sowie Berichte ihres Sohnes Hermann, der 30 Jahre später dort war, der jagte und fotografierte.

Es ist die Sicht der kolonialen weissen Oberschicht auf die indigenen und schwarzen Diener, auf den Sklavenhändler. Es ist ihre Bewunderung für die Exotik. Mal ergänzen, mal widersprechen sich Ton und Bild. Der Betrachterin erschliessen sich die Zusammenhänge allerdings oft nur bedingt.

Immerhin weiss man danach, warum Denise Bertschi die grossformatigen Fotos mit den ausgestopften Vögeln im Naturama und die nachgebauten Glasplatten-Fotos zeigt. Und die Augenfänger, die grossen roten, mit Texten und Fotos bedruckten Tücher?

«Die habe ich mit Brasilin gefärbt, dem Farbstoff der Rotholzbäume ‹Pao Brazil›, welche die Portugiesen bei der Ankunft in Südamerika an der Küste vorfanden und nach denen sie das Land benannt haben», erklärt Bertschi. Über diesen Farbstoff und die Bäume hat der ETH-Professor Pompejus Bolley, ein Verwandter der Freys und selbst Schweizer Konsul in Pernambuco, wissenschaftlich publiziert.» Ein Auszug seiner Schriften sowie Fotos sind auf den raumhohen Stoffbahnen aufgedruckt.

Viel Stoff, aber wenig sinnliches Erlebnis

Wer nicht das Glück hat, die Künstlerin befragen zu können, findet im aufgelegten Text Hintergrundinformationen. Doch selbst mit diesem Wissen, selbst nach der Begegnung mit der Künstlerin, findet die Ausstellung zwar den Weg ins Gehirn – aber nicht weiter.

Man zollt der intensiven und konsequenten Arbeit der Künstlerin Respekt – und bleibt emotional doch unbeteiligt. Warum aber berühren uns die eigentlich berührenden Geschichten nicht? Zum einen spinnt sich zwischen den einzelnen Werkteilen kein dichtes, elektrisierendes Spannungsfeld. Und zum anderen fehlt der Gesamtinstallation die sinnliche Ausstrahlung.

Selbst das Rot der Transparente oder die stille ­Poesie aus der Telli-Wildnis vermögen keinen Funken springen zu lassen. Ein Mangel, an dem nicht nur die Ausstellung von Bertschi, sondern konzeptuelle oder forschende Kunst generell oft krankt.

Aktuell arbeitet Denise Bert­schi an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne an ihrer Doktorarbeit – über künstlerische Forschung und Vermittlungs-Methoden von Geschichte. Ob sie dabei eine Lösung findet?

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