Wie ist das denn? «Ihr seid mit einer Legende im Raum!», rief Orchesterleiter Christian Jacob. Das Publikum in der ausverkauften Aeschbachhalle klatschte begeistert, derweil Ron Carter, den mächtigen Bass in seinen Armen, auf seinem Hocker sitzen blieb, zufrieden ins Publikum schaute und verstohlen lächelte. Die 81-jährige Jazz-Legende hat schon alles erlebt, alles erreicht.

Der Meister muss nichts mehr beweisen und stellte sich in Aarau voll in den Dienst der Musik. Und die war vergleichsweise traditionell. Im Repertoire standen in erster Linie Jazz-Standards aus dem «Great American Songbook» wie Monks «Straight No Chaser», «Stompin At The Savoy» oder «Like Someone In Love», in geschmackvollen Arrangements des kürzlich verstorbenen Musikers Bob Freedman. Einem engen Freund von Carter und Jazzaar. Dazu kamen als Uraufführungen Mozarts Streichquartett Nr. 13 in d-Moll in Freedmans Adaption für Big Band sowie das wundervolle «Opus Five», eine Komposition, die Carter im Andenken an Freedman geschrieben hat.

Die Ron-Carter-Hall

Als einer der bedeutendsten Bassisten der Jazzgeschichte hat Carter im Quintett von Miles Davis wesentlich zur Emanzipation des Basses beigetragen. In Aarau nahm er aber eine eher begleitende Funktion wahr. Geschmeidig, elegant und relaxed liess er seine langen, feingliedrigen Finger über das Griffbrett des Instruments tanzen und erzeugte einen glasklaren, prägnanten Sound. Der Meister strahlte dabei eine unglaubliche Souveränität aus. Er nahm sich selbst zurück und war doch stets präsent als Dreh- und Angelpunkt. Der Boss regierte und füllte den jungfräulichen Raum mit seiner Aura. Die Aeschbachhalle wurde zur Ron-Carter-Hall. Montreux hat das Auditorium Stravinski, Aarau die Aeschbachhalle. Pardon, die Ron-Carter-Hall.

Nur im unbegleiteten Solo über den Evergreen «You Are My Sunshine», mit raffinierten Anleihen bei Bach, liess der Bass-Meister seine überragende Technik und Virtuosität aufblitzen. Und demonstrierte dem Publikum, wie er mit Verzierungen, gedämpften Tönen und perkussiven Kniffs das Spektrum des Kontrabasses erweitert hat.

Valable Alternative zum KuK

Und überhaupt – die Aeschbachhalle: Das Konzert mit Carter war das erste öffentliche Konzert in der vor einer Woche eröffneten Halle im ehemaligen Aarauer Industriequartier. Man durfte durchaus skeptisch sein, denn gerade Big Bands stellen höchste Anforderungen. Umso frappanter und erfreulicher war das Klangergebnis. Der Sound des 17-köpfigen Orchesters war erfreulich klar und transparent. Fazit: Die Aeschbachhalle ist eine mehr als valable Alternative zum Kultur- und Kongresszentrum.

Dieser positive Eindruck bestätigte sich auch am zweiten Abend, bei der Uraufführung von «Abraham». Einer dreiteiligen Suite des türkischen Muslims Mehmet Sanlikol, des amerikanischen Juden Gil Goldstein und des Schweizers Christen Fritz Renold, die die drei abrahamitischen Religionen klanglich miteinander verschränkten. Die Herausforderung war hier umso grösser, als sich das Projekt mit dem 20-köpfigen Jazzaar Global Ensemble noch ambitionierter und mit dem Einbezug von vierstimmigem Gesang noch komplexer und schwieriger gestaltete.

«Abraham» begann melancholisch, hymnisch und endete zuversichtlich und feierlich. Trotz Publikumsliebling Billy Cobham am Schlagzeug erreichte «Abraham» aber nicht den entspannten Drive des Vorabends. Reizvoll war aber die Integration von orientalischen Instrumenten, insbesondere der geheimnisvollen armenischen Klarinette Duduk. Solistisch setzte Tommy Smith, einer der besten Saxofonisten Europas, mit seinen hymnischen und ekstatischen Beiträgen die Glanzlichter.